Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus dem Euroraum zeigen einhellig, dass
sich der konjunkturelle Aufschwung weiter verfestigt. So konzentrierten
sich die guten Nachrichten nicht mehr nur auf die exportabhängigen
Industriebranchen, nach den Umfragen der EU-Kommission legen
mittlerweile auch die binnenorientierten Sektoren spürbar zu.
Besonders hervorzuheben ist dabei die Entwicklung in Deutschland. Die
Umsätze im Einzelhandel verzeichneten im April mit einem Plus von 4,3%
den
zweitstärksten Anstieg der letzten 15 Jahre. Ausserdem deutet sich am
Arbeitsmarkt die lang ersehnte Belebung an. Im Mai sank die Zahl der
Arbeitslosen um 93.000, stärkere Rückgange waren zuletzt im Jahr 1991 zu
beobachten. Damit sind die Voraussetzungen für einen nachhaltigen
Wirtschaftsaufschwung so günstig wie lange nicht mehr. Entsprechend
überschwänglich fielen die Bewertungen und Kommentare an den
Finanzmärkten aus, sogar von einer grundlegenden Wende am
Arbeitsmarkt ist die Rede.
So verständlich diese Euphorie nach den vielen Rückschlägen der letzten
Jahre auch sein mag, so enttäuschend ist allerdings das Ausmass der
bisherigen Belebung, wenn man nicht auf die Zahl der Arbeitslosen,
sondern auf die Zahl der Beschäftigten blickt. Gemessen an der
Entwicklung der Geschäftslage müssten in den letzten 12 Monaten ca.
350.000 neue Stellen geschaffen worden sein. Tatsächlich ist die Zahl der
Beschäftigten jedoch um 80.000 gesunken!
Offenkundig geniesst die Kostenkontrolle in den Unternehmen nach den
massiven Umstrukturierungs- und Rationalisierungsprogrammen der
letzten Jahre noch immer oberste Priorität. Neueinstellungen werden
solange wie möglich zurückgestellt und stattdessen die Möglichkeiten
flexiblerer Arbeitszeitregelungen ausgenutzt. Hinzu kommt, dass viele
Unternehmen – vor allem in arbeits- bzw. lohnintensiven Branchen – über
ausländische Produktionsstätten verfügen, so dass neue Arbeitsplätze
oftmals eben nicht in Deutschland entstehen.
Wir gehen davon aus, dass sich an diesem »Muster« mittel- und
längerfristig nichts verändern wird. Trotz des relativ hohen und weiter
anziehenden Wirtschaftswachstums dürfte daher das Ausmass des
Beschäftigungsaufbaus deutlich hinter den Erfahrungen früherer
Aufschwungsphasen zurückbleiben, was die Perspektiven für die weitere
Entwicklung der Binnennachfrage erheblich trübt. Die Euphorie wird
daher bald der Ernüchterung weichen.
Dies gilt umso mehr, als die vorausschauenden Indikatoren auf breiter
Front nach unten drehen und damit zum Ende des Jahres eine
Verlangsamung des Wachstumstempos vorzeichnen. Nicht nur in
Deutschland, auch in den übrigen EUR-Mitgliedsstaaten, in den asiatischen
Volkswirtschaften und in den USA ziehen dunkle Wolken am
Konjunkturhimmel auf – ein globaler Abschwung bahnt sich seinen Weg.
Vor dieser ambivalenten Kulisse wird die EZB ihren Straffungszyklus auch
weiterhin nur in moderatem Tempo fortsetzen – mit einem 50er Schritt
rechnen wir somit nicht. Mehr noch, die grosse Verunsicherung, die an den
Finanzmärkten im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Geldpolitik
herrscht, wird im Windschatten des Abwärtstrends der konjunkturellen
Frühindikatoren sichtbar nachlassen. In Anbetracht dessen dürften die
Anleihenrenditen aus ihrer seit Mitte April bestehenden Seitwärtsrange
nach unten ausbrechen und mittelfristig deutlich sinken!
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