Eine neue Inflationsära?
Die Inflation der Eurozone eilte in den vergangenen
Monaten von einem Rekord zum nächsten.
Gemäss EUROSTAT erreichte die »Headline«-Inflationsrate im Juni 4,0% – ein 16-jähriger Höchststand.
Im Juli wurde dieses Niveau bestätigt,
womit die Teuerungsrate bereits zum zehnten Mal
in Folge über 3,0% liegt. Um eine ähnlich lange
Phase überhöhter Preissteigerungsraten zu finden,
muss man weit zurückgehen. Letztmals erlebten
die Eurostaaten ein solches Umfeld vor 15 Jahren,
als der deutsche Einheitsboom für Inflationsdruck
sorgte.
Abbildung 1: Kombinierter Preisschock bei Nahrungsmitteln und Energie!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Abb. 1 veranschaulicht die Ursachen der jüngsten
Teuerungswelle. Dargestellt wird, welchen Anteil
Nahrungsmittel, Energie sowie alle übrigen Komponenten
an der aktuellen Inflationsentwicklung
haben. Es zeigt sich, dass die Währungsunion
erstmals unter einem doppelten Preisschock leidet.
Sowohl die Energie- als auch die Nahrungsmittelpreise
befinden sich seit August 2007 in einem
steilen Aufwärtstrend. Mittlerweile sind beide
Komponenten zusammen für 65% der Inflation
verantwortlich, obwohl sie im Warenkorb der
Verbraucher nur ein Gewicht von 25% besitzen.
Haben wir es also nur mit einem temporären
Preisschock zweier volatiler Komponenten zu tun
oder stehen wir am Beginn einer längeren Phase
unangenehm hoher Inflationsraten? Um dies zu
klären, müssen zwei Fragen beantwortet werden.
Zum einen, ob bei Energie und Nahrungsmitteln
die aktuelle Preisdynamik anhält. Zum anderen, ob
die Stabilität der Kernteuerung erhalten bleibt.
Der Inflationsimpuls der Energiepreise sinkt!
Der Rohölpreis hat sich zwischen Mitte 2007 und
Mitte 2008 mehr als verdoppelt (von 65 USD auf
140 USD). Dieser Preisschub wurde zwar in der
Eurozone aufgrund der Wechselkursentwicklung
etwas abgemildert, aber selbst in Euro gerechnet
verblieb noch ein Plus von 75%. Letzteres hat in
den Benzin-, Heizöl-, Gas- und Strompreisen der
Verbraucher nachhaltige Spuren hinterlassen – die
Jahresrate der Energiepreise stieg seit August 2007
von 0,0% auf zuletzt 17,0%, womit sie für 1,6
Prozentpunkte der Inflation verantwortlich sind.
Abbildung 2: Umkehr oder Fortsetzung der Ölpreishausse?

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Damit die Energiepreise ihren aktuellen Inflationsdruck
beibehalten – also weiterhin mehr als 15%
über dem Vorjahresniveau liegen –, müsste sich die
Ölpreishausse im Tempo der ersten sechs Monate
dieses Jahres fortsetzen. Abb. 2 zeigt das hieraus
resultierende Szenario: Der Rohölpreis würde bis
Mitte 2009 auf etwa 240 USD und bis Ende 2009
gar auf über 300 USD steigen. Zwar wurden solche
Prognosen auf dem Höhepunkt des Ölpreisbooms
Anfang Juli 2008 durchaus formuliert (z.B. von
Goldman Sachs). Angesichts der jüngsten Entspannung
am Ölmarkt ist die Mehrheitsmeinung jedoch
bereits wieder in die andere Richtung gekippt.
Nunmehr wird verstärkt auf die globale Konjunkturabkühlung
und die damit einhergehende sinkende
Energienachfrage verwiesen. Nicht wenige
Rohstoffanalysten sehen den Ölpreis daher im
nächsten Jahr unter 100 USD fallen.
Solch aggressive Ölpreisprognosen sind indes gar
nicht notwendig, damit die Teuerungsrate in der
Eurozone sinkt. Es reicht bereits aus, von einer
Seitwärtsbewegung auf dem aktuellen Niveau
(knapp 120 USD) auszugehen. Mit geringer zeitlicher
Verzögerung wären davon auch die Energiepreise
betroffen, deren Jahresrate sukzessive von
derzeit 17,0% auf 0,0% (Ende 2009) sinken würde.
Parallel dazu ginge der Inflationsimpuls von 1,6
auf 0,0 Prozentpunkte zurück. Mit anderen Worten,
allein aufgrund eines stagnierenden Ölpreises
könnte die »Headline«-Inflationsrate von 4,1% auf
2,5% sinken!
Der Druck von den Nahrungsmittelpreisen bleibt hoch – lässt aber nach!
Prominenteste Vertreter der Rohstoffhausse waren
neben Rohöl insbesondere Agrargüter. Als Folge
daraus verteuerten sich auf Verbraucherebene vor
allem Getreide- (Preissteigerungsrate im Juni
10,0%) und Milcherzeugnisse (Preissteigerungsrate
13,5%). Zuletzt befanden sich aber auch die Preise
von Fleischwaren in einem leichten Aufwärtstrend.
Alles in allem kletterte die Jahresrate der Nahrungsmittelpreise
seit August 2007 von 2,0% auf
7,0%. Der Inflationsimpuls erhöhte sich entsprechend
von 0,3 auf 1,1 Prozentpunkte.
Wir rechnen in den kommenden Monaten mit einer
anhaltend überdurchschnittlichen Preisdynamik
bei Nahrungsmitteln. Gleichwohl dürften sich die
Sprünge des Vorjahres bei Milch und Brot nicht
wiederholen. Gerade das Beispiel der Weizen- und
Milchmärkte zeigt, dass der Agrarsektor vergleichsweise
rasch auf Engpässe reagiert und damit
anhaltende Angebotsdefizite vermieden werden
können. In unserer Prognose gehen wir daher
davon aus, dass die Jahresrate der Nahrungsmittelpreise
von aktuell 7,0% im kommenden Jahr auf
etwa 3,5% zurückgeht. Der Inflationsimpuls wird
sich entsprechend halbieren.
Betrachtet man beide volatilen Komponenten
zusammen, sollte sich folglich der Teuerungsdruck
2009 um etwa 2,0 Prozentpunkte vermindern.
Demzufolge könnte die »Headline«-Inflationsrate
von derzeit rund 4,0% auf 2,0% sinken – vorausgesetzt
die übrigen Preiskomponenten spielen mit.
Schwache Konjunktur, anziehende Preiserwartungen!
Die sogenannte Kerninflationsrate (ohne Energie
und Genussmittel) hat sich in den vergangenen
Jahren als bemerkenswert stabil erwiesen. Weder
die 2006/2007 anziehende Konjunktur noch die
gestiegenen Rohstoffpreise haben bislang erkennbare
Spuren hinterlassen – seit Anfang 2006 pendelt
sie zwischen 1,7% und 2,0%. Diese Entwicklung
sollte jedoch nicht einfach in die Zukunft
fortgeschrieben werden. Dies gilt umso mehr, als
die Kerninflation häufig die Wellen der »Headline«-Inflation in abgeschwächter Form nachvollzieht.
Abbildung 3: Der zyklische Preisdruck lässt rapide nach!

Quelle: EU-Kommission, EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Betrachtet man allein den zyklischen Preisdruck,
könnte man gelassen in die Zukunft blicken.
Inzwischen besteht kein Zweifel mehr daran, dass
sich die Eurozone mitten in einem Abschwung
befindet. Konjunkturbarometer wie das EUR-Geschäftsklima
sind in den letzten Monaten eingebrochen
und weisen auf eine scharfe Expansionsverlangsamung
hin (vgl. Abb. 3).
Während die Unternehmen noch zu Jahresbeginn
über Kapazitätsengpässe, hohe Auftragsbestände
und lange Lieferzeiten berichteten, hat sich die
Lage mittlerweile gedreht. So sind auf Seiten der
Automobilindustrie angesichts des rapiden Nachfrageverfalls
für das zweite Halbjahr 2008 bereits
temporäre Produktionsstilllegungen geplant.
Abbildung 4: Die Unternehmen haben steigende Verkaufspreise im Visier!

Quelle: EU-Kommission, BANTLEON BANK AG
In einem solchem Umfeld ist es eigentlich üblich,
dass zur Stabilisierung des Absatzes über Preissenkungen
nachgedacht wird. Im aktuellen Aufschwung
scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein.
Ungeachtet der Wachstumsverlangsamung sind
die Unternehmen (z.B. die Konsumgüterhersteller
Henkel und Beiersdorf) momentan fest entschlossen,
in den kommenden Monaten höhere Preise durchzusetzen.
Diese Haltung spiegelt sich auch in den
Umfragen wider. Die dabei ermittelten Verkaufspreiserwartungen
befinden sich immer noch im
Aufwind und bewegen sich damit erstmals seit
Jahren gegenläufig zur Konjunktur (vgl. Abb. 4).
Die Unternehmen leiden unter dem Kostendruck!
Die Trotzhaltung der Unternehmen ist vor allem
auf die Kostenexplosion zurückzuführen, denen
sich die Wirtschaft seit Jahresbeginn gegenübersieht.
Druck geht dabei von zwei Quellen aus.
An erster Stelle sind die Lohnkosten zu nennen.
Pro Stunde gerechnet werden sie in der Eurozone
2008 um etwa einen Prozentpunkt stärker anziehen
als im Vorjahr (3,5% nach 2,6%, in Deutschland
2,5% nach 1,1%). Darüber hinaus kündigt sich für
2009 keine Verlangsamung an. Ausschlaggebend
für den wachsenden Lohndruck ist zum einen die
in einigen Ländern (Spanien, Belgien) übliche
Kopplung der Löhne an die Inflation. Zum anderen
drängen die Gewerkschaften generell auf einen
Inflationsausgleich. In Deutschland fordern die
Arbeitnehmer überdies – nach Jahren der Abstinenz
– einen kräftigen Nachschlag.
Mindestens genauso stark wie die Löhne dürfte
jedoch die Verteuerung der importierten Vorleistungen
auf der Erfolgsbilanz der Unternehmen
lasten. Da es hierzu keine detaillierten Daten auf
Euroebene gibt, wird stellvertretend auf deutsche
Zahlen verwiesen. Demnach lagen die Einfuhrpreise
für die deutsche Wirtschaft im Juni knapp 9,0%
über dem Vorjahresniveau. Neben Energie (+50%)
hat sich dabei vor allem der Import von Eisenerzen
(+40%) und Stahlerzeugnissen (+13%) verteuert.
Die Gewinnmargen bieten ein gehöriges Polster!
Insgesamt prallen also zwei gegenläufige Entwicklungen
aufeinander: Ein kräftiger Kostenschub
trifft auf einen abrupten Nachfrageverfall. Aus
unserer Sicht wird der zweite Effekt die Oberhand
gewinnen. Hierfür spricht zunächst die historische
Erfahrung. Im Jahr 2000 war die Kostenlawine
sogar noch grösser. So stiegen die deutschen Importpreise
damals in der Spitze um 12% (Oktober
2000) und die Lohnkosten pro Stunde um 4,0%.
Angesichts des 2001 einsetzenden Abschwungs
kam es jedoch nur zu gemässigten Zweitrundeneffekten.
Zu dem leichten Aufwärtstrend in der
Kerninflation leistete überdies die Euro-Bargeldeinführung
ihren Beitrag.
Die Absorption der Kosten durch die Unternehmen
erscheint überdies aktuell verkraftbar. In den
letzten Jahren konnten speziell die deutschen
Firmen ihre Gewinnmargen massiv ausweiten.
Dies zeigt ein Blick in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.
Demnach stieg das Verhältnis der
Gewinne zur Wertschöpfung der Unternehmen in
den letzten 10 Jahren kontinuierlich an und lag
2007 bei 30% (vgl. Abb. 5). Aus unserer Sicht dürfte
diese Quote 2008/2009 selbst dann nur geringfügig
fallen, wenn die Unternehmen keine aggressiven
Preiserhöhungen durchführen.
Abbildung 5: Die Gewinnmargen werden 2008/2009 immer noch auf hohem Niveau bleiben!

Quelle: Destatis, BANTLEON BANK AG
Dies verdeutlicht eine Beispielrechnung für
Deutschland. Dabei gehen wir 2008 von einem
realen Produktionswachstum aller Wirtschaftssektoren
von 2,0% aus. Parallel dazu sollte der Arbeitsinput
um 1,0% zulegen. Bei einem durchschnittlichen
Lohnzuwachs von 2,5% würden die
Arbeitskosten der Unternehmen demnach um 3,5%
steigen, was einem Betrag von ungefähr 30 Mrd.
Euro entspricht. Bei den Vorleistungsimporten
rechnen wir mit einem Kostenzuwachs in der
gleichen Höhe. Um die gesamte Mehrbelastung
von 60 Mrd. Euro auszugleichen, müssten die
Unternehmen ihren Umsatz (rund 1.400 Mrd. EUR)
um nominal 4,0% ausweiten. Vergleichsweise
bescheidene Preiserhöhungen von 2,0% würden
somit ausreichen, um den Gewinn zumindest auf
Vorjahreshöhe zu stabilisieren. Die Marge würde
hierdurch zwar zurückgehen, aber immer noch auf
relativ hohem Niveau liegen (vgl. Abb. 5).
Abbildung 6: Die »Headline«-Rate fällt deutlich, die Kernteuerung steigt über 2,0%!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Insgesamt halten wir demnach folgendes Szenario
für plausibel: Die »Headline«-Inflationsrate
sollte im kommenden Jahr von derzeit 4,0% in
Richtung 2,0% zurückfallen, da die Impulse von
den Energie- und Nahrungsmittelpreisen nicht
mehr die Dynamik der vergangenen vier Quartale
erreichen (vgl. Abb. 6). Gleichzeitig wird die
Kerninflation zwar ansteigen – als Folge des
Kostendrucks. Wir gehen jedoch davon aus, dass
aufgrund der Nachfrageabschwächung und der
günstigen Gewinnposition der Unternehmen nur
relativ milde Zweitrundeneffekte auftreten.
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