Naht die Wende in der EZB-Zinspolitik?
Bis vor zwei Monaten bestand über die künftige
Richtung der EZB-Politik keinerlei Zweifel: Für das
Jahresende preisten die Geldterminmärkte ein
Leitzinsniveau von 4,50% ein und nicht wenige
rechneten im Jahr 2008 sogar mit 5,00%.
Die Ereignisse von August und September haben
dieses Szenario jedoch grundlegend ins Wanken
gebracht. Der Zusammenbruch des »Subprime«-
Hypothekenmarktes in den USA, die Schliessung
von Hedgefonds, die Refinanzierungsprobleme der
Finanzinstitute und die damit verbundenen Spannungen
am Interbankenmarkt haben die Stabilität
des globalen Finanzsystems in Frage gestellt und
weltweite Konjunkturängste geweckt.
Die Notenbanken gerieten unmittelbar in den Sog
dieser Krise – allenthalben wurde gefordert, die
Finanzierungskonditionen nicht weiter zu verschärfen,
sondern zu lockern. Die Fed handelte
bereits in diesem Sinne und senkte am 18. September
die Zielrate der Fed-Funds-Rate um 50 Bp.
Die EZB gibt sich hingegen bislang unnachgiebig.
Zwar hat sie ihren Zinserhöhungszyklus ausgesetzt,
an ihrem Willen, die Leitzinsen weiter zu
erhöhen – sobald sich die Lage wieder beruhigt –,
liess sie jedoch auf den letzten Notenbanksitzungen
keinen Zweifel aufkommen. Ist diese Androhung
einer weiteren monetären Straffung ernst zu
nehmen oder ist sie lediglich das letzte Rückzugsgefecht
einer Notenbank, die schon häufig der
Entwicklung hinterherhinkte?
Ein Blick zurück in das Jahr 2001 lohnt sich!
Das heutige Umfeld erinnert in vielerlei Hinsicht
an die Situation zu Anfang dieses Jahrzehnts. Auch
damals befand sich die Weltwirtschaft mitten im
Aufschwung, als das Platzen einer Vermögensblase
(seinerzeit die Aktienmärkte) weltweite Konjunktursorgen
auslöste und das Ende im globalen
Zinserhöhungszyklus einleitete. Die Fed setzte sich
auch zu jener Zeit an die Spitze der Notenbanken
und senkte die Leitzinsen im Januar 2001 in zwei
Schritten um 100 Bp.
Die EZB wehrte sich lange gegen ähnliche Schritte
mit dem Hinweis auf die innere Stärke der Eurozone
und die weiterhin bestehenden Inflationsrisiken.
Noch im März 2001 – zwei Monate bevor sie dann
doch die Zinsen senkte – argumentierte die EZB in
ihrem Monatsbericht folgendermassen:
»Die allgemeinen [Wachstums-]Aussichten für dieses
und das nächste Jahr bleiben positiv. Die Wirtschaftstätigkeit
im Euro-Währungsgebiet wird im Wesentlichen
durch binnenwirtschaftliche Faktoren bestimmt (…).
Darüber hinaus dürften (…) die anhaltende Schaffung
von Arbeitsplätzen sowie der Rückgang der Arbeitslosigkeit
dazu beitragen, die privaten Konsumausgaben
und Investitionen zu fördern. Die allgemeine Zuversicht
im Euroraum ist nach wie vor gross (…).
Die Entwicklung der Weltwirtschaft (…) stellt jedoch
ein Element der Unsicherheit (…) für den Euroraum
dar. Zum jetzigen Zeitpunkt sind allerdings keine
Anzeichen dafür zu erkennen, dass die Abschwächung
der US-Wirtschaft deutlich und anhaltend auf den
Euroraum ausstrahlt.«
Die Parallelen zur heutigen Argumentation der
EZB sind frappierend. Dieser Eindruck verstärkt
sich noch, wenn die Makrodaten beider Zeitperioden
einander im Detail gegenübergestellt werden.
Die derzeitige Lage weist viele Parallelen zum
Frühjahr 2001 auf!
Im Frühjahr 2001 konnte die EZB auf ein ähnlich
robustes Expansionstempo verweisen wie heute
(vgl. Tabelle). So lag das BIP-Wachstum im
1. Quartal 2001 bei 2,9%, während die Industrieproduktion
mit 4,4% (jeweils im Vorjahresvergleich)
expandierte. Im Vergleich hierzu fallen die
Zahlen für das 2. Quartal 2007 mit 2,5% bzw. 3,8%
sogar etwas schwächer aus.
Auch die damalige Arbeitsmarktbelebung muss
sich hinter der aktuellen Entwicklung nicht verstecken:
Das Beschäftigungswachstum befand sich bei
rund 2,0%, gegenüber 1,6% im 2. Quartal 2007.
Entsprechend zuversichtlich waren die Verbraucher
gestimmt. Das von der EU-Kommission
ermittelte Verbrauchervertrauen bewegte sich
Zu beachten ist dabei, dass die Hypothekenkredite
in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den
traditionellen Konsumentenkrediten eine immer
grössere Rolle spielen. Ihr Anteil an der Gesamtverschuldung
der privaten Haushalte ist seit Anfang
dieses Jahrzehnts von rund 65% auf 73% gestiegen,
während die Konsumentenkredite mit 18% nach
23% an Relevanz verloren haben (vgl. Abbildung 6).
Als Folge sind die privaten Haushalte damit noch
stärker von der Verschärfung der Konditionen bei
der Immobilienfinanzierung abhängig als vor wenigen
Jahren. Belastend kommt hinzu, dass die Banken
inzwischen auch die Vergabepraxis bei Konsumentenkrediten
straffen und das Ausweichen in
dieses Segment erschweren. Anfang 2001 auf hohem Niveau seitwärts und lag
um 4 bis 5 Punkte höher als im September 2007.
Viele Parallelen im makroökonomischen Umfeld!

Quelle: EUROSTAT, EU-Kommission, BANTLEON BANK AG; *1. Quartal 2001 bzw. 2. Quartal 2007; **April 2001 bzw. September 2007
Der Blick auf das Inflationsumfeld offenbart ebenfalls
bemerkenswerte Parallelen. Wie heute befanden
sich die Teuerungsraten auch damals in einem
moderaten Aufwärtstrend. Während jedoch die
»Headline«-Inflationsrate im September 2007 die
2,0%-Marke überquerte, war sie im Mai 2001
bereits über die 3,0%-Schwelle geklettert. Die
Kerninflationsrate zog seinerseits ebenfalls deutlich
an und erreichte erst im März 2002 ihr zyklisches
Hoch bei 2,6%. Im aktuellen Umfeld rechnen wir
zwar gleichfalls mit steigenden Inflationsraten, die
Höhen der damaligen Zeit sollten jedoch nicht
ganz erreicht werden. Wie es der Zufall will, waren
vor sechs Jahren ebenfalls die Nahrungsmittelpreise
in der Diskussion – allerdings standen dabei
nicht die Butter- und Milchpreise, sondern die
Fleischpreise (BSE, Maul- und Klauenseuche) im
Vordergrund.
Abb. 1: Abschwungssignale damals wie heute!

Quelle: EU-Kommission, NTC Research, BANTLEON BANK AG
Dass die EZB im Mai 2001 trotz der Inflationsdaten
eine Leitzinssenkung vornahm, lag zum einen an
der bereits eingetretenen Wachstumsabkühlung
(im 2. Quartal 2000 wuchs das BIP mit 4,6%), zum
anderen an den unmissverständlichen Hinweisen
auf eine Fortsetzung dieses Trends – vor allem die
Stimmung in der Industrie hatte sich merklich
eingetrübt. So sank das Industrievertrauen (der
EU-Kommission) zwischen Juni 2000 und April
2001 sukzessive von 6 auf -3 Punkte, der Einkaufsmanagerindex
fiel innerhalb eines Jahres von
60,5 auf 49,3 Punkte (vgl. Abbildung 1). Auch in diesem Bereich liegen die Analogien zur heutigen
Situation auf der Hand. Allerdings verläuft der
Abwärtstrend in den Stimmungsindikatoren
bislang etwas flacher und der Einkaufsmanagerindex
liegt noch ein Stück von der Expansionsschwelle
(50,0 Punkte) entfernt (vgl. Abbildung 1).
Im Rückblick kann man somit festhalten, dass sich
die EZB im Mai 2001 weder von einem Aufwärtstrend
in den Inflationsdaten noch von soliden
Wachstums- und dynamischen Beschäftigungszahlen
abschrecken liess. Ausschlaggebend für die
geldpolitische Lockerung war letztendlich das
Abkippen der Konjunktur, wie es in den rückläufigen
Frühindikatoren zum Ausdruck kam. Die
aktuelle wirtschaftliche Lage ist in vielerlei Hinsicht
vergleichbar. Insbesondere ist der konjunkturelle
Zenit – wie im Frühjahr 2001 – bereits deutlich
durchschritten und die Konjunkturbarometer
deuten einhellig auf eine weitere zyklische Abschwächung
hin.
Aus unserer Sicht wird die EZB daher in den
nächsten Monaten keine weitere monetäre Straffung
mehr vornehmen. Setzt sich der Abwärtstrend
in den Geschäftsklimaindikatoren im
gegenwärtigen Tempo fort, nimmt vielmehr die
Wahrscheinlichkeit zu, dass die EZB die Leitzinsen
Anfang 2008 auf 3,75% senkt.
Die EZB ist heute sogar restriktiver als 2001!
Man könnte jedoch einwenden, dass der Vergleich
mit 2001 insofern nicht redlich ist, als damals der
Hauptrefinanzierungssatz um 75 Bp höher lag als
heute (4,75% statt 4,00%), die Geldpolitik also
restriktiver war und dementsprechend rascher
unter Zugzwang geriet, die Leitzinsen zu senken.
Allerdings bemisst sich der geldpolitische Restriktionsgrad
nicht allein nach dem Leitzins. Eine
zweite wichtige Grösse ist der Wechselkurs und in
diesem Punkt unterscheiden sich die beiden betrachteten
Zeitperioden gravierend. Von November
1999 bis Anfang Mai 2001 wertete der handelsgewichtete
Wechselkurs trotz Leitzinserhöhungen
um rund 9% ab, wodurch die restriktive Wirkung
der Geldpolitik abgefedert wurde. 2006 und 2007
war es genau umgekehrt – der Euro legte gegenüber
den wichtigsten Währungen um knapp 8,0%
zu, was die konjunktur- und inflationsdämpfenden
Impulse der Notenbank momentan verstärkt.
Beim Versuch, die makroökonomischen Wirkungen
von Wechselkurs- und Leitzinsveränderungen
zu vergleichen, kommen ökonometrische Untersuchungen
zu dem Ergebnis, dass eine Aufwertung
des EUR um 5% im Minimum den gleichen restriktiven
Effekt erzeugt wie eine Leitzinserhöhung um 25 Bp. In Abbildung 2 ist der Leitzins in entsprechender
Weise »wechselkursbereinigt«, was verdeutlicht,
dass die Geldpolitik aktuell so restriktiv
ist wie noch nie seit Beginn der Währungsunion.
Abb. 2: Aktuelle Geldpolitik weist hohen Restriktionsgrad
auf!

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG; *um Wechselkurseffekt bereinigt
Damit jedoch nicht genug. Der aktuelle geldpolitische
Kurs erscheint in noch restriktiverem Licht,
wenn statt des Leitzinses der 3-Monats-Libor als
eigentlich relevante Steuerungsgrösse der Geldpolitik
herangezogen wird. Für diese Sichtweise
spricht, dass der Libor-Satz ökonomisch von grössere
Bedeutung ist als der Leitzins, da variabel
verzinsliche Kreditverträge in der Regel an den 3-
oder 6-Monats-Libor gekoppelt sind.
Die seit August aufgetretenen Spannungen am
Interbankenmarkt haben zu einem Sprung im 3-
Monats-Libor um 60 Bp geführt und damit ohne
Zutun der Notenbank die Finanzierungskonditionen
verschärft (vgl. Abbildung 2). Von entsprechenden
Verwerfungen blieb der Geldmarkt Anfang
dieses Jahrzehnts verschont.
In der Gesamtbetrachtung von Leitzins, Wechselkurs
und Geldmarktsätzen ergibt sich somit
eindeutig, dass die monetären Rahmenbedingungen
derzeit restriktiver sind als zu jedem anderen
Zeitpunkt seit Beginn der Währungsunion. Das
im Vergleich zu 2001 niedrigere Leitzinsniveau
stellt daher kein Argument gegen eine Zinssenkung
dar.
Noch stabilisiert das weltwirtschaftliche Umfeld!
Wenn das makroökonomische Umfeld ähnlich und
der geldpolitische Restriktionsgrad sogar höher ist
als vor sechs Jahren, was kann dann überhaupt
gegen eine geldpolitische Lockerung eingewandt
werden?
Oftmals wird darauf hingewiesen, dass die Weltwirtschaft
in den vergangenen Jahren an struktureller
Stabilität gewonnen habe. Im Zuge des
Aufholprozesses in China, Russland und Osteuropa
sei das globale Wachstum weniger abhängig
von den USA geworden. Ein Abschwung in der
grössten Volkswirtschaft entfalte daher nicht mehr
die gleichen negativen Wirkungen wie vor sechs
Jahren. Diese Theorie scheint bislang in Erfüllung
zu gehen. In der Tat konnten die europäischen
Exporteure die zuletzt rückläufige Warenausfuhr
in die USA durch höhere Absatzraten in anderen
Ländern und Regionen kompensieren. Das Exportwachstum
hat dementsprechend nur langsam
nachgelassen. Diese relative Stabilität der Auslandsnachfrage
hat zugleich ein massives Abrutschen
in den Stimmungsindikatoren verhindert.
Zu stark sollte man sich aber auf diese neue globale
Ausgewogenheit nicht verlassen. Aus unserer Sicht
sind die USA nach wie vor der massgebliche
Taktgeber der Weltwirtschaft. Dass es bislang
dennoch zu keinem globalen Abschwung gekommen
ist, hat einen einfachen Grund: Die Abkühlung
in der US-Wirtschaft konzentrierte sich in den
vergangenen Quartalen fast ausschliesslich auf den
Immobiliensektor. Die Binnennachfrage, speziell
die Konsumnachfrage, war hingegen kaum betroffen.
Sollte der private Verbrauch allerdings in den
nächsten Quartalen als Folge der erheblichen
Belastungsfaktoren (hohe Verschuldung, rückläufige
Immobilienpreise) in eine Stagnationsphase
abrutschen, würde dies die globale Nachfrage nach
Konsumgütern erheblich drosseln. Davon wären
auch die asiatischen Volkswirtschaften und die
Exporteure der Eurozone betroffen. Das Unternehmensvertrauen
würde dann rasch in pessimistisches
Terrain abgleiten. In diesem Fall käme die EZB nicht
umhin, eine oder sogar mehrere Zinssenkungen
vorzunehmen. Momentan sehen wir in dieser Entwicklung
aber lediglich ein Risikoszenario.
Fazit: Die aktuelle Situation weist viele Berührungspunkte
zur Lage im Frühjahr 2001 auf.
Damals wie heute sieht sich die Notenbank einer
abflauenden Wachstumsdynamik bei steigenden
Teuerungsraten gegenüber. Vor sechs Jahren gab
nach längerem Zögern die Sorge um die schwächere
Konjunktur den Ausschlag – sowohl für das
Ende im Zinserhöhungszyklus als auch für die
erste geldpolitische Lockerung. In der aktuellen
Phase dürfte der Leitzinsgipfel ebenfalls erreicht
sein. Gleichzeitig hat die Wahrscheinlichkeit
einer Leitzinssenkung im 1. Quartal 2008 zugenommen.
Für eine Serie von Leitzinssenkungen
sehen wir indes nur dann Spielraum, wenn die
Immobilienmarktrezession in den USA auf den
privaten Verbrauch überschwappt. Letzteres
würde die globale Nachfrage nach Konsumgütern
und damit auch die europäische Exportwirtschaft
erheblich belasten.
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