Die Abkühlung am Immobilienmarkt ist in
vollem Gang
Der Immobilienmarkt ist seit langer Zeit das beherrschende
Thema, wenn es um die Perspektiven
der US-Wirtschaft geht. Von Monat zu Monat
erreichen die Stimmungs- und Realindikatoren
neue zyklische Tiefststände (vgl.
Abbildung 1) und man hat sich schon daran gewöhnt,
in dieser Korrektur einen entscheidenden
Belastungsfaktor für die Konjunkturdynamik zu
sehen. Allerdings sind die angekündigten Bremseffekte
bislang relativ gering ausgefallen – mit
annualisiert 4,1% stellt sich das Wirtschaftswachstum
im ersten Halbjahr 2006 nach wie vor
äusserst robust dar.
Abbildung 1: 15-jährige Tiefststände der
Immobilienmarktindikatoren!

Quelle NAHB, Census Bureau, BANTLEON BANK AG
Angesichts dieser scheinbaren Immunität der USWirtschaft
ist es Zeit für eine Standortbestimmung:
Wie weit ist die Abkühlung am Immobilienmarkt
inzwischen tatsächlich fortgeschritten,
wie weit wird sie noch gehen und welche Konsequenzen
ergeben sich daraus für die Wachstumsperspektiven
bzw. die Geldpolitik?
Die Bauinvestitionen gehen zurück
Ganz ohne Folgen ist die Abkühlung am Häusermarkt
für das BIP-Wachstum allerdings nicht
geblieben. Laut den jüngsten Daten des Statistikamtes
sind die privaten Wohnbauinvestitionen
im 2. Quartal zum ersten Mal seit fünf Jahren
nicht mehr gegenüber dem Vorjahr angestiegen.
Im Vergleich zum Vorquartal ist sogar ein deutliches
Minus von 6,3% (annualisiert) auszumachen.
Damit dürfte der Tiefpunkt der Baukonjunktur
jedoch noch längst nicht erreicht sein. Angesichts
des deutlichen Rückgangs bei den vorauslaufenden
Immobilienverkäufen werden die Bauinvestitionen
auch im laufenden Quartal
schrumpfen (vgl. Abbildung 2).
Abbildung 2: Die Bauinvestitionen schrumpfen –
und werden auch künftig zurückgehen!

Quelle: NAR, BEA, BANTLEON BANK AG
Darüber hinaus lassen die unverändert rückläufigen
Anträge für Hypothekenkredite erkennen,
dass sich der Abwärtstrend bei den Hausverkäufen
mindestens bis zum 4. Quartal fortsetzen
wird. In der Folge sollten die Bauinvestitionen
auch Anfang des nächsten Jahres noch zurückgehen.
Allein dieser Effekt wird für längere Zeit
pro Quartal rund 0,5%-Punkte BIP-Wachstum
»kosten«.
Der Jobmotor Immobilienmarkt beginnt zu
stottern
Zu diesem unmittelbaren Belastungsfaktor kommen
weitere, indirekte hinzu. Allein das Baugewerbe
und die eng damit zusammenhängenden
Branchen (Makler, Hypothekenfinanzierungen,
Baumärkte etc.) waren in den Jahren 2004 und
2005 für rund ¼ der neu geschaffenen Stellen in
den USA verantwortlich. Werden auch entferntere
Branchen berücksichtigt (Grosshandel, Transportgewerbe
etc.), dürfte die Bedeutung des Immobilienbooms
für die Beschäftigungsentwicklung
sogar noch grösser gewesen sein.
Abbildung 3: Die Beschäftigungsdynamik
lässt nach!

Quelle: BLS; Census Bureau, BANTLEON BANK AG
Dieser wichtige Jobmotor für die US-Wirtschaft
beginnt jedoch bereits zu stottern. Die Zahl der
neu geschaffenen Stellen im Baugewerbe geht seit
dem Frühjahr kontinuierlich zurück. Im Juni
wurden sogar zum ersten Mal seit über drei Jahren
Arbeitsplätze abgebaut.
Und wie bei den Bauinvestitionen ist auch hier
kein Ende der Abschwächung absehbar – der
gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsaufbau
wird sich daher in den kommenden Quartalen
weiter verlangsamen (vgl. Abbildung 3). In der
Folge nimmt das Einkommenswachstum bei den
privaten Haushalten ab. Der Konsum – als wichtigste
Stütze des Wirtschaftswachstums – erhält
dadurch einen empfindlichen Dämpfer.
Der negative Vermögenseffekt als grösster
Belastungsfaktor
Der mit Abstand grösste Belastungsfaktor für den
privaten Verbrauch folgt aus den abklingenden
Vermögenseffekten. Spiegelbildlich zu den explodierenden
Immobilienpreisen verzeichneten
die privaten Haushalte bei Wohnhäusern in den
Jahren 2004 und 2005 Wertsteigerungen in Höhe
von jeweils bis zu 16%. Durch Beleihung mit
zusätzlichen Hypotheken konnten sie damit Einkommenszuflüsse
von 500 bzw. 600 Mrd. USD
pro Jahr erzielen, was bis zu 7% des gesamten
verfügbaren Einkommens entsprach.
Abbildung 4: Eine wichtige Einkommensquelle
der Haushalte versiegt!

Quelle: NAR, Fed, Bantleon Bank AG
Mit dem in den letzten Monaten zu beobachtenden
Einbruch der Preissteigerungsraten versandet
diese Einkommensquelle jedoch relativ plötzlich.
Bereits im abgelaufenen Quartal dürften die
Verbraucher deutlich weniger von den Wertzuwächsen
ihrer Wohnhäuser profitiert haben (vgl.
Abbildung 4). Im Laufe der kommenden Quartale
werden sie ganz auf den Immobilienmarkt als
Geldquelle verzichten müssen – der Konsum
wird somit auch von dieser Seite spürbar unter
Druck gesetzt.
Das BIP-Wachstum wird sich in den nächsten
Quartalen deutlich verlangsamen
Alles in allem stehen der US-Wirtschaft in den
kommenden Quartalen damit deutliche Belastungen
bevor, wobei sich aufgrund der langen
Wirkungsverzögerungen noch kein Ende der
daraus resultierenden Schwächephase abzeichnet.
Allein die jetzt schon absehbaren Bremseffekte
dürften dabei ausreichen, das Wirtschaftswachstum
bis weit ins nächste Jahr unter
die inflationsneutrale Potentialrate von ca.
3,25% zu drücken.
Dabei ist das Risiko eines breiteren und ausgeprägteren
Konjunkturabschwungs noch gar nicht
berücksichtigt: Gegenwärtig ist die Immobilienmarktkorrektur
lediglich als eine in geordneten
Bahnen verlaufende Bereinigung der vorangegangenen
spekulativen Übertreibung anzusehen.
Sollte der Immobilienmarkt durch die aufziehende
Arbeitsmarktschwäche von einer zweiten Seite
unter Druck geraten, könnte daraus eine selbstverstärkende
Abwärtsspirale entstehen, die letztlich
in eine Rezession mündet.
Zinssenkungen rücken näher
Um eine Prognose der künftigen Geltpolitik der
Notenbank abzugeben, braucht es ein derartiges
Extremszenario jedoch gar nicht – hier ist der
Ausblick ohnehin eindeutig. Die in den kommenden
Wochen zunehmende Gewissheit einer
nachhaltigen Wachstumsverlangsamung erlaubt
es der Fed, von weiteren Leitzinsanhebungen
abzusehen. Erst in den nächsten Monaten, wenn
die konjunkturellen Frühindikatoren immer neue
Tiefststände verzeichnen, wird sich zeigen, dass
damit das Ende im Zinserhöhungszyklus bereits
erreicht ist.
Abbildung 5: Die Immobilienmarktkorrektur als
Vorbote der nächsten Zinssenkungen!

Quelle: Fed, BANTLEON BANK AG
Die 425 Bp Zinserhöhung der vergangenen
24 Monate werden die gesamtwirtschaftliche
Expansionsdynamik sogar so weit bremsen, dass
die Fed zum Gegensteuern gezwungen wird (vgl.
Abbildung 5). Gemäss unseren Analysen befindet
sich der Leitzinssatz bereits eindeutig im restriktiven
Bereich. Die dabei primär durch die Immobilienmarktschwäche
initiierten konjunkturellen
Bremseffekte werden sich auch in einem Anstieg
der Arbeitslosenquote niederschlagen. Während
die Inflationsrisiken gleichzeitig merklich abnehmen,
gerät das zweite Ziel der Notenbank –
Vollbeschäftigung – in Gefahr.
Das vom Consensus und den Geldterminmärkten
unterstellte Szenario eines unveränderten Tagesgeldsatzes
bis weit ins Jahr 2008 hinein halten wir
vor diesem Hintergrund für nicht plausibel. Vielmehr
rechnen wir ab dem 2. Quartal 2007 mit
einer Rückführung des Tagesgeldsatzes in die
Mitte des neutralen Bereichs (4,00% bis 5,00%)
auf 4,50%.
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