Fed und EZB vor dem geldpolitischen Kurswechsel

EZB-Präsident Jean-Claude-Trichet hat am vergangenen Donnerstag die derzeit an den Geldterminmärkten eskomptierten Leitzinserwartungen indirekt als angemessen bezeichnet. Eine Anhebung des Refinanzierungssatzes im Juni von 3,75% auf 4,00% ist damit quasi vorprogrammiert. Auch wenn Trichet betonte, dass es darüber hinaus völlig offen sei, ob weitere geldpolitische Straffungen folgen müssten, erhielten die Zinserhöhungsspekulationen zusätzlich Nahrung: Ein Zinsschritt auf 4,25% gilt nach Massgabe der Euribor-Futures inzwischen als gesetzt und einige Analysten sehen den Leitzinsgipfel sogar erst bei 4,50% als erreicht an.

Eine derartige lineare Fortschreibung des Zinstrends der Vergangenheit ignoriert jedoch eine fundamentale Gesetzmässigkeit der Geldpolitik: Die Notenbank hat zwar das Ziel, die Inflation zu bekämpfen – sie orientiert sich dabei jedoch am jeweils aktuellen Konjunkturtrend. Als verlässlichste und am frühesten verfügbare Richtgrösse erweisen sich in diesem Zusammenhang die Einkaufsmanagerindikatoren (EMI) in der Industrie, die im Jahr 2006 neue fünfjährige Höchststände erreichten.

Wer also weitere Zinserhöhungen prognostiziert, der unterstellt, dass die Konjunkturdynamik nicht nur hoch bleibt, sondern sogar nochmals zunimmt, die EMIs somit weiter ansteigen. Auf eine derartige Entwicklung deutet jedoch nichts hin, im Gegenteil: Der EMI für den Euroraum befindet sich bereits seit Ende letzten Jahres in einem Abwärtstrend und die OECD-Leading Indicators, die den Einkaufsmanagererhebungen um einige Monate vorauslaufen, kündigen eine Fortsetzung dieses Abschwungs an. Insofern war bereits die letzte Zinserhöhung – gemessen am konjunkturellen Trend – nicht mehr nötig, sondern allenfalls damit zu rechtfertigen, dass die Leitzinsen immer noch auf relativ niedrigem Niveau lagen. Nach inzwischen sieben Zinsanhebungen um knapp 200 Bp wirkt der Refinanzierungssatz jedoch kaum noch akkommodierend, wie auch einige EZBVertreter mittlerweile anerkennen. Weitere Zinserhöhungen werden damit zunehmend unwahrscheinlich.

Für die US-Notenbank und die Frage, ob die Fed von der Politik unveränderter Leitzinsen demnächst abweichen wird, stellt sich die Lage ähnlich dar. In den USA hat die Konjunkturdynamik zwar unverkennbar nachgelassen, der Arbeitsmarkt – als letzte Bastion wirtschaftlicher Stärke – scheint hiervon jedoch kaum betroffen. Viele Beobachter gehen davon aus, dass es dabei auch in den kommenden Monaten bleibt und die Fed den Tagesgeldsatz daher nicht senkt.

Die Frühindikatoren für die Beschäftigungsentwicklung zeichnen allerdings ein gänzlich anderes Bild. Die sich markant abschwächenden Unternehmensinvestitionen kündigen – zusätzlich zur Rezession in der Bauwirtschaft – einen deutlich geringeren Stellenaufbau in den nächsten Monaten an. Folglich dürfte die Arbeitslosenquote steigen, worauf die US-Notenbank mit drei Zinssenkungen reagieren wird.

Wir sehen vor diesem Hintergrund sowohl die EZB als auch die Fed kurz vor einem Regimewechsel. In den kommenden Wochen und Monaten wird somit die Leitzinsangst im Euroraum merklich abnehmen und in den USA sollten umfangreiche Zinssenkungsspekulationen aufkommen. Die Rentenmärkte werden sich in diesem Umfeld spürbar erholen!

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