Deutsche Industriegüter – eine unendliche Erfolgsgeschichte?

Dr. Daniel Hartmann
Fundamentale Analyse

Das Comeback der »Old Economy«

Es ist noch nicht lange her, da wurde der »Old Economy« in Deutschland (Maschinenbau, Fahrzeugindustrie, Chemie, Metallverarbeitung) der baldige Niedergang prophezeit – tatsächlich kam es jedoch ganz anders. Seit Anfang 2005 sieht sich der Kernbereich der deutschen Wirtschaft einer riesigen Nachfrage aus dem In- und Ausland gegenüber. Man kann sogar so weit gehen und von einer zweiten Blütezeit im Nachkriegsdeutschland sprechen.

Dies zeigt sich besonders deutlich in der Auftragsstatistik. Demnach wachsen die Auftragseingänge im Investitionsgütersektor seit drei Jahren mit einer Rate von mehr als 10% (im Vorjahresvergleich). Entsprechend liegt das Ordervolumen mittlerweile 35% über dem Stand vom Januar 2005 (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Anhaltendes Nachfragehoch!

Quelle: Deutsche Bundesbank, BANTLEON BANK AG

Mit diesem Nachfragesog konnte die Produktionstätigkeit zu Beginn des Aufschwungs nicht Schritt halten. Als Folge davon legten die Auftragsbestände kontinuierlich zu und erklommen Anfang 2007 ein Niveau, das selbst zu Zeiten der Wiedervereinigung nicht erreicht wurde. Besonders ausgeprägt war dies im Maschinenbau. Hier bewerteten die Unternehmen ihren Orderbestand so hoch wie letztmals vor 40 Jahren (vgl. Abb. 2)!

Auch in anderen Kennziffern wurde dieser Nachfrageüberhang – speziell im Maschinenbau – sichtbar. So erreichten die Kapazitätsauslastung 2007 mit über 90% und die Auftragsreichweite mit knapp fünf Monaten ebenfalls langjährige Spitzenwerte.

Abb. 2: Enorme Auftragspolster!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG

Die hohen Auftragsbestände sorgen für Optimismus

Die beträchtlichen Auftragspolster sind ein wesentlicher Grund dafür, weshalb weite Teile der Industrie für das laufende Jahr optimistisch bleiben, obwohl sich die Rahmenbedingungen mittlerweile ungleich schlechter darstellen als noch zu Beginn des Aufschwungs:

  • Seit Ende 2005 hat der handelsgewichtete Euro um 15% aufgewertet, der Euro/USD-Kurs stieg sogar um mehr als 30%.
  • Die Rohstoffkosten liegen (gemessen am wechselkursbereinigten Goldmann-Sachs-Rohstoffpreisindex) gegenwärtig rund 40% höher als im Jahresdurchschnitt 2005.
  • Mit den USA steht der zweitwichtigste Handelspartner vor einer Rezession, nachdem die US-Wirtschaft zwischen 2005 und 2007 immerhin mit knapp 3,0% expandierte.
  • Die realen Lohnstückkosten der Industrie werden nach unseren Berechnungen im laufenden Jahr erstmals wieder leicht ansteigen. In den drei Jahren zuvor sind sie um durchschnittlich 2,5% (im Vorjahresvergleich) gefallen.
  • Die Zinssätze für Unternehmenskredite sind seit Ende 2005 um etwa 2¼ Prozentpunkte nach oben geklettert.

All dies scheint jedoch insbesondere die Maschinenbauer wenig zu beeindrucken. Im Rahmen der jüngsten Bilanzpressekonferenzen verwiesen Unternehmen wie der Werkzeugmaschinenhersteller Gildemeister oder die Anlagenbauer Voith und Gea selbstbewusst auf die hohen Auftragsbestände: Auch wenn die Ordereingänge für den Rest des Jahres stagnieren würden, sei das Produktionswachstum 2008 gesichert! Gehen also die Finanzmarktkrise, die US-Rezession und die Euro- Aufwertung spurlos an der deutschen Industrie vorüber?

Ausserhalb des Maschinenbaus ist nicht alles Gold!

Entgegenzuhalten ist dem zunächst, dass der Maschinenbau im aktuellen Boom eine Sonderstellung einnimmt – in anderen Sektoren stellt sich die Entwicklung weit weniger spektakulär dar. Beispielsweise fallen die Orderbestände im Fahrzeugbau nur moderat überdurchschnittlich aus. Hier wurden nicht einmal die Spitzen des letzten Aufschwungs erreicht (vgl. Abb. 3). In der Metallerzeugung liefen die Geschäfte zwar zunächst ähnlich glänzend wie im Maschinenbau. Seit 2007 ist aber eine abflauende Tendenz unübersehbar (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Ausserhalb des Maschinenbaus verläuft die Entwicklung weniger spektakulär!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG

Selbst innerhalb des Maschinenbaus gibt es Unterschiede. »Gewinner« sind vor allem solche Unternehmen, die von den riesigen Infrastrukturprojekten in den Schwellenländern und dem global boomenden Kraftwerksbau profitieren. Bereits rückläufig sind die Tendenzen hingegen bei den Herstellern von Textilmaschinen oder Haushaltsgeräten (vgl. Abb. 4).

Insgesamt sollte bei aller Euphorie über die hohen Auftragspolster einiger Sektoren nicht vergessen werden, dass die Zahl der Unternehmen, die ihr Ordervolumen als »verhältnismässig gross« empfindet laut IFO-Umfrage in den letzten Monaten gesunken ist. Immer mehr Firmen sprechen stattdessen »nur« noch von einem »ausreichenden« Auftragsbestand.

Abb. 4: Nicht alle Maschinenbauer profitieren!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG

Die Orderbestände sind ein nachlaufender Indikator!

Darüber hinaus zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass hohe Auftragbestände Unternehmen und Konjunkturbeobachter in einer »trügerischen Sicherheit« wiegen können. So sah der Sachverständigenrat (SVR) sowohl im Herbst 1969 als auch im Herbst 1990 in dem aussergewöhnlich hohen Ordervolumen ein wichtiges Argument gegen eine baldige zyklische Abkühlung und argumentierte dabei ähnlich wie heute:

»Die hohen Auftragspolster … sichern bereits jetzt die Vollauslastung der Kapazitäten bis weit in das Jahr 1970 hinein.« (SVR, Jahresgutachten 1969/1970).

»Bei nicht wenigen Unternehmen sichern die Aufträge schon jetzt die Produktion bis weit ins nächste Jahr hinein.« (SVR, Jahresgutachten 1990/1991).

Im Nachhinein erwies sich dies jedoch als Fehleinschätzung – die Industrieproduktion schwenkte 1970 und 1991 in einen Abwärtstrend ein. Auch aus Abbildung 5 geht klar hervor, dass Kennzahlen wie Auftragsbestände und Kapazitätsauslastung keinen Vorlauf gegenüber der realwirtschaftlichen Entwicklung aufweisen, sondern sogar einen leichten Nachlauf besitzen.

Abb. 5: Auftragsbestände weisen keinen Vorlauf zur realwirtschaftlichen Entwicklung auf!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG

Letztendlich ist für die Produktionsplanung der Unternehmen doch die augenblickliche Nachfrageentwicklung entscheidend (vgl. Abb. 6). Lassen die aktuellen Auftragseingänge nach, dann wird ein umsichtiger Unternehmer die Produktion bereits frühzeitig drosseln – noch bevor sich die Auftragsbestände wieder normalisiert haben. Ansonsten liefe er Gefahr, von einer Phase der Überbeschäftigung in eine Phase der Unterbeschäftigung zu wechseln. Hinzu kommt, dass eine Abschwungsperiode auch auf Seiten der Abnehmer Reaktionen hervorruft. Wenn möglich, werden sie versuchen, bereits erteilte Aufträge wieder zu stornieren. Auf diese Weise schmilzt das Bestellpolster rascher ab als gedacht.

Abb. 6: Die aktuelle Nachfrage bestimmt den Produktionsprozess!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG

Schliesslich lässt in einer Phase der Nachfrageabschwächung der Drang nach, Erweiterungsinvestitionen zu tätigen, selbst wenn aktuell noch an der Kapazitätsgrenze gearbeitet wird. Die hierdurch entstehende negative Rückkopplung auf die Investitionen verstärkt ihrerseits den zyklischen Abwärtstrend.

Erste Signale einer Nachfrageverlangsamung in Deutschland!

Alles in allem sind für den Konjunkturausblick nicht die Auftragsbestände, sondern die aktuellen Auftragseingänge die relevante Grösse. Die jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes und vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) signalisieren in dieser Hinsicht zwar keinen Einbruch. Dennoch ist unverkennbar, dass um die Jahreswende bei den Inlandsbestellungen eine Beruhigung eingetreten ist, der sich auch der Maschinenbau nicht entziehen konnte (vgl. Abb. 7). Selbst dessen optimistischer Branchenverband spricht vor diesem Hintergrund von Anzeichen einer Abkühlung der Wachstumsdynamik. Ähnliche Hinweise liefert die IFO-Umfrage (vgl. Abb. 6).

Wir gehen davon aus, dass sich diese Tendenz in den kommenden Monaten aufgrund der oben genannten Belastungsfaktoren verstärkt. Hinzu kommen die Abschaffung der degressiven Abschreibung sowie die Einschränkung der Sofortabschreibungsmöglichkeiten für geringwertige Wirtschaftsgüter, die im Investitionsgütersektor zu Vorzieheffekten im Jahr 2007 geführt haben.

Abb. 7: Die Inlandsnachfrage flaut ab!

Quelle: VDMA, DESTATIS, BANTLEON BANK AG

Fazit: Hohe Auftragsbestände im Kapitalgütersektor haben sich schon am Ende früherer Boomphasen als trügerisches Ruhekissen erwiesen. Entscheidend für den Konjunkturtrend ist die aktuelle Auftragsentwicklung. Hier zeigen die jüngsten Daten eine abflauende Tendenz an, die sich als Folge der vielfältigen zyklischen Belastungsfaktoren im weiteren Jahresverlauf verstärken sollte. Die jüngste Erfolgsgeschichte der deutschen Industrie dürfte daher im zweiten Halbjahr 2008 sowie Anfang 2009 eine Verschnaufpause einlegen.

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