Das Comeback der »Old Economy«
Es ist noch nicht lange her, da wurde der »Old
Economy« in Deutschland (Maschinenbau, Fahrzeugindustrie,
Chemie, Metallverarbeitung) der
baldige Niedergang prophezeit – tatsächlich kam
es jedoch ganz anders. Seit Anfang 2005 sieht sich
der Kernbereich der deutschen Wirtschaft einer
riesigen Nachfrage aus dem In- und Ausland
gegenüber. Man kann sogar so weit gehen und von
einer zweiten Blütezeit im Nachkriegsdeutschland
sprechen.
Dies zeigt sich besonders deutlich in der Auftragsstatistik.
Demnach wachsen die Auftragseingänge
im Investitionsgütersektor seit drei Jahren mit einer
Rate von mehr als 10% (im Vorjahresvergleich).
Entsprechend liegt das Ordervolumen mittlerweile
35% über dem Stand vom Januar 2005 (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Anhaltendes Nachfragehoch!

Quelle: Deutsche Bundesbank, BANTLEON BANK AG
Mit diesem Nachfragesog konnte die Produktionstätigkeit
zu Beginn des Aufschwungs nicht Schritt
halten. Als Folge davon legten die Auftragsbestände
kontinuierlich zu und erklommen Anfang 2007
ein Niveau, das selbst zu Zeiten der Wiedervereinigung
nicht erreicht wurde. Besonders ausgeprägt
war dies im Maschinenbau. Hier bewerteten die
Unternehmen ihren Orderbestand so hoch wie
letztmals vor 40 Jahren (vgl. Abb. 2)!
Auch in anderen Kennziffern wurde dieser Nachfrageüberhang
– speziell im Maschinenbau – sichtbar. So erreichten die Kapazitätsauslastung
2007 mit über 90% und die Auftragsreichweite mit
knapp fünf Monaten ebenfalls langjährige Spitzenwerte.
Abb. 2: Enorme Auftragspolster!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG
Die hohen Auftragsbestände sorgen für Optimismus
Die beträchtlichen Auftragspolster sind ein wesentlicher
Grund dafür, weshalb weite Teile der Industrie
für das laufende Jahr optimistisch bleiben,
obwohl sich die Rahmenbedingungen mittlerweile
ungleich schlechter darstellen als noch zu Beginn
des Aufschwungs:
- Seit Ende 2005 hat der handelsgewichtete Euro
um 15% aufgewertet, der Euro/USD-Kurs stieg
sogar um mehr als 30%.
- Die Rohstoffkosten liegen (gemessen am wechselkursbereinigten
Goldmann-Sachs-Rohstoffpreisindex)
gegenwärtig rund 40% höher als im
Jahresdurchschnitt 2005.
- Mit den USA steht der zweitwichtigste Handelspartner
vor einer Rezession, nachdem die
US-Wirtschaft zwischen 2005 und 2007 immerhin
mit knapp 3,0% expandierte.
- Die realen Lohnstückkosten der Industrie
werden nach unseren Berechnungen im laufenden
Jahr erstmals wieder leicht ansteigen. In
den drei Jahren zuvor sind sie um durchschnittlich
2,5% (im Vorjahresvergleich) gefallen.
- Die Zinssätze für Unternehmenskredite sind
seit Ende 2005 um etwa 2¼ Prozentpunkte nach
oben geklettert.
All dies scheint jedoch insbesondere die Maschinenbauer
wenig zu beeindrucken. Im Rahmen der
jüngsten Bilanzpressekonferenzen verwiesen
Unternehmen wie der Werkzeugmaschinenhersteller
Gildemeister oder die Anlagenbauer Voith und
Gea selbstbewusst auf die hohen Auftragsbestände:
Auch wenn die Ordereingänge für den Rest des
Jahres stagnieren würden, sei das Produktionswachstum
2008 gesichert! Gehen also die Finanzmarktkrise,
die US-Rezession und die Euro-
Aufwertung spurlos an der deutschen Industrie
vorüber?
Ausserhalb des Maschinenbaus ist nicht alles Gold!
Entgegenzuhalten ist dem zunächst, dass der
Maschinenbau im aktuellen Boom eine Sonderstellung
einnimmt – in anderen Sektoren stellt sich die
Entwicklung weit weniger spektakulär dar. Beispielsweise
fallen die Orderbestände im Fahrzeugbau
nur moderat überdurchschnittlich aus. Hier
wurden nicht einmal die Spitzen des letzten Aufschwungs
erreicht (vgl. Abb. 3). In der Metallerzeugung
liefen die Geschäfte zwar zunächst ähnlich
glänzend wie im Maschinenbau. Seit 2007 ist aber
eine abflauende Tendenz unübersehbar (vgl. Abb. 3).
Abb. 3: Ausserhalb des Maschinenbaus verläuft die
Entwicklung weniger spektakulär!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG
Selbst innerhalb des Maschinenbaus gibt es Unterschiede.
»Gewinner« sind vor allem solche Unternehmen,
die von den riesigen Infrastrukturprojekten
in den Schwellenländern und dem global
boomenden Kraftwerksbau profitieren. Bereits
rückläufig sind die Tendenzen hingegen bei den
Herstellern von Textilmaschinen oder Haushaltsgeräten
(vgl. Abb. 4).
Insgesamt sollte bei aller Euphorie über die hohen
Auftragspolster einiger Sektoren nicht vergessen
werden, dass die Zahl der Unternehmen, die ihr
Ordervolumen als »verhältnismässig gross« empfindet
laut IFO-Umfrage in den letzten Monaten
gesunken ist. Immer mehr Firmen sprechen stattdessen
»nur« noch von einem »ausreichenden«
Auftragsbestand.
Abb. 4: Nicht alle Maschinenbauer profitieren!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG
Die Orderbestände sind ein nachlaufender Indikator!
Darüber hinaus zeigt ein Blick in die Vergangenheit,
dass hohe Auftragbestände Unternehmen und
Konjunkturbeobachter in einer »trügerischen
Sicherheit« wiegen können. So sah der Sachverständigenrat
(SVR) sowohl im Herbst 1969 als auch im
Herbst 1990 in dem aussergewöhnlich hohen
Ordervolumen ein wichtiges Argument gegen eine
baldige zyklische Abkühlung und argumentierte
dabei ähnlich wie heute:
»Die hohen Auftragspolster … sichern bereits jetzt die
Vollauslastung der Kapazitäten bis weit in das Jahr
1970 hinein.« (SVR, Jahresgutachten 1969/1970).
»Bei nicht wenigen Unternehmen sichern die Aufträge
schon jetzt die Produktion bis weit ins nächste Jahr
hinein.« (SVR, Jahresgutachten 1990/1991).
Im Nachhinein erwies sich dies jedoch als Fehleinschätzung
– die Industrieproduktion schwenkte
1970 und 1991 in einen Abwärtstrend ein. Auch aus
Abbildung 5 geht klar hervor, dass Kennzahlen wie
Auftragsbestände und Kapazitätsauslastung
keinen Vorlauf gegenüber der realwirtschaftlichen
Entwicklung aufweisen, sondern sogar einen
leichten Nachlauf besitzen.
Abb. 5: Auftragsbestände weisen keinen Vorlauf zur
realwirtschaftlichen Entwicklung auf!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG
Letztendlich ist für die Produktionsplanung der
Unternehmen doch die augenblickliche Nachfrageentwicklung entscheidend (vgl. Abb. 6). Lassen die
aktuellen Auftragseingänge nach, dann wird ein
umsichtiger Unternehmer die Produktion bereits
frühzeitig drosseln – noch bevor sich die Auftragsbestände
wieder normalisiert haben. Ansonsten
liefe er Gefahr, von einer Phase der Überbeschäftigung
in eine Phase der Unterbeschäftigung zu
wechseln. Hinzu kommt, dass eine Abschwungsperiode
auch auf Seiten der Abnehmer Reaktionen
hervorruft. Wenn möglich, werden sie versuchen,
bereits erteilte Aufträge wieder zu stornieren. Auf
diese Weise schmilzt das Bestellpolster rascher ab
als gedacht.
Abb. 6: Die aktuelle Nachfrage bestimmt den
Produktionsprozess!

Quelle: IFO, BANTLEON BANK AG
Schliesslich lässt in einer Phase der Nachfrageabschwächung
der Drang nach, Erweiterungsinvestitionen
zu tätigen, selbst wenn aktuell noch an der
Kapazitätsgrenze gearbeitet wird. Die hierdurch
entstehende negative Rückkopplung auf die Investitionen
verstärkt ihrerseits den zyklischen Abwärtstrend.
Erste Signale einer Nachfrageverlangsamung in
Deutschland!
Alles in allem sind für den Konjunkturausblick
nicht die Auftragsbestände, sondern die aktuellen
Auftragseingänge die relevante Grösse. Die jüngsten
Daten des Statistischen Bundesamtes und vom
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
(VDMA) signalisieren in dieser Hinsicht zwar
keinen Einbruch. Dennoch ist unverkennbar, dass
um die Jahreswende bei den Inlandsbestellungen
eine Beruhigung eingetreten ist, der sich auch der
Maschinenbau nicht entziehen konnte (vgl. Abb. 7).
Selbst dessen optimistischer Branchenverband
spricht vor diesem Hintergrund von Anzeichen
einer Abkühlung der Wachstumsdynamik. Ähnliche
Hinweise liefert die IFO-Umfrage (vgl. Abb. 6).
Wir gehen davon aus, dass sich diese Tendenz in
den kommenden Monaten aufgrund der oben
genannten Belastungsfaktoren verstärkt. Hinzu
kommen die Abschaffung der degressiven Abschreibung
sowie die Einschränkung der Sofortabschreibungsmöglichkeiten
für geringwertige Wirtschaftsgüter,
die im Investitionsgütersektor zu
Vorzieheffekten im Jahr 2007 geführt haben.
Abb. 7: Die Inlandsnachfrage flaut ab!

Quelle: VDMA, DESTATIS, BANTLEON BANK AG
Fazit: Hohe Auftragsbestände im Kapitalgütersektor
haben sich schon am Ende früherer Boomphasen
als trügerisches Ruhekissen erwiesen.
Entscheidend für den Konjunkturtrend ist die
aktuelle Auftragsentwicklung. Hier zeigen die
jüngsten Daten eine abflauende Tendenz an, die
sich als Folge der vielfältigen zyklischen Belastungsfaktoren
im weiteren Jahresverlauf verstärken
sollte. Die jüngste Erfolgsgeschichte der
deutschen Industrie dürfte daher im zweiten
Halbjahr 2008 sowie Anfang 2009 eine Verschnaufpause
einlegen.
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