Die Finanzmarktturbulenzen und ihre Folgen– viel Lärm um nichts?
Ein Gewinner der jüngsten Finanzmarktturbulenzen
scheint festzustehen: hochliquide »Aaa«-geratete
Staatsanleihen. Vor allem US-Treasuries und deutsche
Bundesanleihen profitieren von den Fluchtwellen
in die sicheren Anlagehäfen und verzeichneten
in den vergangenen Monaten kräftige Kursgewinne.
Glaubt man den Voraussagen des Konsensus, sollten
sich Anleiheninvestoren hierüber allerdings
nicht zu sehr freuen: So schnell wie die Liquidität
kam, dürfte sie auch wieder verschwinden. Zum
einen weil trotz der Verweise auf erhöhte Risiken
kaum jemand mit ernsthaften Konsequenzen für das
Konjunkturklima rechnet; nach herrschender Meinung
wird es nur zu einer moderaten Verlangsamung
des Expansionstempos kommen. Zum anderen
weil die Inflationsraten anziehen und neue
mehrjährige Höchststände erreichen sollen. Entsprechend
erwarten die meisten Prognostiker für
die nächsten 12 Monate steigende Renditen, und
zwar rund um den Globus.
Wie realistisch ist dieses Szenario? Ist es wirklich
viel Lärm um nichts, der gegenwärtig um die Finanzmärkte
und ihren Einfluss auf die Konjunktur
veranstaltet wird? Nach unserer Überzeugung ist
Vorsicht angebracht, die Gefahren sind enorm und
sollten nicht unterschätzt werden.
Die Kreditmärkte stellen ein erhebliches
Wachstumsrisiko dar!
Dass gegenwärtig noch immer unklar ist, wann
genau welche Auswirkungen der Finanzmarktverwerfungen
zu spüren sein werden, liegt in der abstrakten
Natur solcher Turbulenzen. So vergeht relativ
viel Zeit, bis sich herausstellt, dass Schuldner
nicht mehr in der Lage sind, ihren Zins- und Tilgungsverpflichtungen
nachzukommen. Und es
dauert noch länger, bis die Investoren überhaupt
Kenntnis von einem entstandenen Abschreibungsbedarf
bei ihren verbrieften Kreditprodukten erhalten.
Abbildung 1: Die Finanzierungskonditionen sind so
straff wie im Vorfeld des Aktienmarktcrashs 2000-02!

Quelle: EZB, Federal Reserve, BANTLEON BANK AG
Unbestreitbar ist jedoch, dass die Refinanzierungskonditionen
so straff sind wie zuletzt im Vorfeld
des Aktienmarktcrashs 2000-02 (siehe Abbildung 1).
Wir wollen hier nicht noch einmal in aller Ausführlichkeit
wiederholen, über welche Kanäle sich diese
restriktiven Finanzmarktkonditionen auf die Realwirtschaft
auswirken werden (siehe hierzu unseren
Kommentar vom 24. September 2007 »Die Kreditkrise
und ihre Auswirkungen auf die Perspektiven der Weltwirtschaft
«). Nur so viel: Eine hochvernetzte Weltwirtschaft
ist auf Gedeih und Verderb auf reibungslos
funktionierende Finanzmärkte angewiesen.
Massiv steigende Risikoprämien kosten die Konjunktur
überproportional Substanz und können
damit ernsthafte Schäden anrichten – wie die wirtschaftliche
Entwicklung der Jahre 2000-02 vor Augen
geführt hat.
Damals hatte die sprunghaft gestiegene Risikoscheu
der Investoren den Abwärtstrend an den Aktienmärkten
erst richtig ins Rollen und damit letztlich
die Konjunktur zum Kippen gebracht. Diesmal sind
die Kreditmärkte an der Reihe, und wir erwarten
nicht, dass diese Krise grundlegend anders ausgeht
als die vorherige.
So sollte die Sorglosigkeit, mit der viele Marktteilnehmer
in verbriefte Kreditprodukte investierten
oder aber M&A-Transaktionen finanzierten, der
Vergangenheit angehören. Die Banken haben die
Vergabestandards bereits deutlich nach oben gesetzt.
Der Zugang zu Fremdkapital wird somit immer
schwerer – und obendrein teurer!
Abbildung 2: Die konjunkturellen Risiken sind
enorm gestiegen!

Quelle: OECD, BANTLEON BANK AG
Dass hiervon negative Konsequenzen für die globale
Produktionstätigkeit ausgehen, wird von unserem
»BB-Global Monetary Conditions Indicator«
eindrucksvoll unterstrichen. Dieser ultraweit vorausblickende
Frühindikator bündelt die gesamtwirtschaftlich
relevanten Informationen, die sich
aus der Entwicklung der Geld- und Kreditmärkte
ergeben. Er hat bereits vor über einem Jahr deutlich
zunehmende konjunkturelle Unwägbarkeiten angekündigt
und erwies sich damit als zuverlässiger
Vorbote der aktuellen Probleme (siehe Abbildung
2)!
Neben den zyklischen Bremsfaktoren gibt
es namhafte strukturelle Probleme!
Es wäre allerdings falsch, die jüngsten Finanzmarktverwerfungen
als einzigen Belastungsfaktor
für die Weltwirtschaft anzusehen. Über die vielen
Schlagzeilen und Schreckensmeldungen zur Subprime-
Krise ist ein anderer Faktor ins Abseits geraten,
der nach unserer Überzeugung ein mindestens
ebenso hohes Gefahrenpotential in sich birgt: Die
Rede ist von den Unternehmensgewinnen, die mit
ihren zweistelligen Zuwächsen den Treibstoff für
das rasante Wirtschaftswachstum der Weltwirtschaft
seit 2002 geliefert hatten.
Wir haben bereits im Frühjahr 2007 vor einem Paradigmenwechsel
gewarnt (siehe unseren Kommentar
vom 24. Mai 2007: »Globale Wachstumsperspektiven
auf mittlere Sicht: 2007-2012«). Hinter unserer Einschätzung
steht der rasante Richtungsumschwung,
den der internationale Produktivitätstrend – die
wichtigste makroökonomische Determinante der
Gewinnentwicklung – vollzogen hat.
Mittlerweile lässt sich in allen Regionen der Erde
beobachten, dass der Output pro geleisteter Arbeitsstunde
langsamer wächst als noch vor einem oder
zwei Jahren. Der Grund hierfür liegt darin, dass die
Unternehmen in den letzten Jahren überwiegend in
Produktionskapazitäten oder Finanzbeteiligungen
(M&A, Aktienrückkäufe) investiert haben, die allerdings
so gut wie keine produktivitätsstiftende Effekte
entfalten. Dagegen wurden die Ausgaben für
Forschung und Entwicklung (F&E), d.h. in neue
Produkte bzw. Produktionsverfahren, zusammengestrichen.
Was für die kurzfristige GuV-Betrachtung
positiv war – Investitionen in F&E sind teuer
und benötigen 5 bis 7 Jahre bis zur Entstehung eines
marktreifen »Ergebnisses« –, erweist sich in der
mittleren und längeren Perspektive nun als Problem.
Abbildung 3: Der Trend in den Unternehmensgewinnen
hat nach unten gedreht!

Quelle: BEA, BANTLEON BANK AG
Besonders weit vorangeschritten ist dieser Prozess
bekanntermassen in den USA (siehe Abbildung 3),
aber auch in anderen Nationen trüben sich die Perspektiven
ein. So lagen die Gewinne in Japan im
3. Quartal 2007 erstmals seit über 5 Jahren wieder
unter ihrem Vorjahresniveau. Nach Massgabe der
offiziellen Frühindikatoren ist das Ende des Abwärtstrends
derzeit nicht in Sicht (siehe Abbildung
4).
Abbildung 4: Auch in Japan geraten die Unternehmensgewinne
unter Druck!

Quelle: OECD, Ministry of Finance, BANTLEON BANK AG
Europäische Unternehmen berichten zwar noch von
soliden Gewinnzuwächsen, die jedoch gleichfalls
geringer werden. Wie unsere Analysen zeigen, deutet
sich auch hier an, dass die Margen immer mehr
unter Druck geraten. Im Verbund mit dem haussierenden
Euro und den explodierenden Energie- und
Rohstoffpreisen ist es nur eine Frage der Zeit, bis
sich auch in der Eurozone Ertragswarnungen häufen!
Insofern steht nach unserer Überzeugung fest: Die
Wende im globalen Gewinnzyklus hat bereits stattgefunden
– die Ertragslage der Unternehmen wird
sich im Trend der nächsten Quartale deutlich eintrüben.
Und auch wenn die aktuellen Finanzmarktverwerfungen
nicht das Geringste mit der übergeordneten
Produktivitätsentwicklung zu tun haben –
die straffen Kreditkonditionen wirken wie ein Katalysator,
der den natürlichen Abkühlungsprozess
beschleunigt.
Globale Wachstumsperspektiven 2008/09 –
Ernüchterung statt Euphorie!
Das Investitionsklima, das bislang von expansiven
Finanzierungskonditionen und kräftig steigenden
Gewinnen begünstigt wurde, verschlechtert sich
somit in hohem Tempo. Wir sehen hierin einen
grossen Risikofaktor für die gesamte Weltwirtschaft.
In diesem Umfeld einzig auf die Widerstandskraft
der ostasiatischen Schwellenländer zu vertrauen,
wäre kurzsichtig. Denn gerade diese Zulieferstaaten
sind in starkem Masse von einem gesunden Absatzwachstum
in den etablierten Industriestaaten
abhängig.
Abbildung 5: Das Wachstumstempo der Weltwirtschaft
fällt 2008/09 deutlich schwächer aus!

Quelle: IMF, BANTLEON BANK AG
In Anbetracht der deutlich gestiegenen konjunkturellen
Risiken revidieren wir unsere ohnehin skeptische
Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft
nochmals nach unten. Bislang sind wir davon ausgegangen,
dass die globale Wertschöpfung 2008 um
4,0% (preisbereinigt) zulegen wird, mittlerweile
sehen wir die Expansionsrate bei nur noch 3,6% und
damit erstmals seit 2001 wieder unter ihrem langjährigen
Durchschnitt von 3,8% (siehe Abbildung 5).
Und auch das Jahr 2009 dürfte wegen der länger
anhaltenden Nachwehen keine nennenswerte Besserung
bringen.
Der Ausblick für die Weltwirtschaft hat sich demnach
verdüstert. Auch wenn es nach unserem Dafürhalten
keinen Grund zur Panik gibt, wäre es
dennoch falsch, die konjunkturelle Entwicklung der
kommenden Quartale als blosse »Wachstumsdelle«
zu verniedlichen!
Die Inflation lebt - bleibt aber unter
Kontrolle!
Für die weitere Entwicklung der globalen Inflationsperspektiven
ist das nachlassende Expansionstempo
eine gute Nachricht, denn ein gewichtiger
Teil des in den vergangenen Jahren entstandenen
Teuerungsdrucks ist auf das überdurchschnittlich
hohe Wirtschaftswachstum zurückzuführen. Die zu
erwartende Entlastung erfolgt zum einen über die
schwächere Endnachfrage und die damit verbundene
Einengung der weltweiten Outputlücke. Zum
anderen bildet sich bei schwächerer Konjunktur der
Bedarf an Rohstoffen und Energie zurück, was in
diesen Segmenten mit sinkenden Preisen einhergehen
sollte.
Abbildung 6: Von einem globalen Inflationsschub ist
bislang nichts zu erkennen!

Quelle: OECD, BANTLEON BANK AG
Anders verhält es sich mit den weniger konjunktursensitiven
Nahrungsmittelpreisen, die zuletzt in
besonderer Weise für Schlagzeilen sorgten. Drei
Gründe sind hierfür verantwortlich. Erstens treibt
die Substitution von Rohöl und Erdgas durch energieeffiziente
Getreidearten die Weizen- und Futtermittelpreise
in die Höhe. Zweitens hat die stärkere
Nachfrage in Asien zu einer Verknappung des Angebots
bei Milchprodukten geführt. Die in der Folge
entstandenen Versorgungsengpässe wurden drittens
wegen ungünstiger Witterungsbedingungen noch
verschärft. Mit einer kurzfristigen Entspannung der
Lage ist zwar nicht zu rechnen, spätestens mit Beginn
des Sommers dürfte jedoch die Ausweitung
der Anbauflächen (in den USA wie in der Eurozone)
für eine gewisse Entspannung sorgen.
Alles in allem gehen wir davon aus, dass die globale
Teuerung im 1. Halbjahr 2008 unter erhöhtem Aufwärtsdruck
bleiben und im Zuge dessen die 3,0%-
Marke anvisieren wird. Ab dem 3. Quartal, wenn
die dämpfenden Faktoren allmählich die Oberhand
gewinnen, sollte der Trend jedoch wieder in Richtung
2,0% kippen (siehe Abbildung 6). Von einem
neuen »Inflationszeitalter« ist somit nichts zu erkennen!
Was bedeutet das für die Leitzinsen und
die Rentenmärkte?
Anders als der Konsensus sehen wir erhöhte konjunkturelle
Risiken und ein mittelfristig neutrales
Inflationsklima. Wie werden sich die Notenbanken
und die Anleihenmärkte in diesem Umfeld verhalten?
1. USA
Unter besonderem Handlungsdruck steht die Fed,
die nicht nur den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes
verhindern muss, sondern gleichzeitig
auch noch einer gesamtwirtschaftlichen Rezession
vorzubeugen hat. Seit September nahm das FOMC
den Tagesgeldsatz bereits um 100 Bp auf 4,25%
zurück und wir gehen davon aus, dass die Leitzinsen
bis Mitte 2008 noch weiter, bis auf 3,50%, gesenkt
werden.
Die US-Rentenmärkte, die zuletzt mehr von »Panik«
als von Fundamentaldaten getrieben wurden, dürften
sich zwischenzeitlich auf noch tiefere Refinanzierungssätze
einstellen. Im Extremfall könnten die
eskomptierten Erwartungen bis auf 2,5% sinken –
erst dann lägen die realen Fed-Funds bei 0% und
hätten damit klar expansives Terrain erreicht.
Abbildung 7: Das fundamentale Umfeld für USTreasuries
bleibt bis weit ins Jahr 2008 positiv!

Quelle: Conference Board, Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Wir gehen vor diesem Hintergrund davon aus, dass
die Renditen 2-jähriger Notes in den nächsten Monaten
– unter starken Schwankungen – von aktuell
knapp über 3,00% auf 2,50% sinken werden. Unser
Zielniveau für 10-jährige Notes liegt 100 Bp darüber,
bei 3,50%. Wie aus obiger Abbildung hervorgeht, ist
der Renditerückgang nach Massgabe der Frühindikatoren
nicht als Intermezzo anzusehen, das von
einem raschen Wiederanstieg abgelöst wird. Im
Gegenteil, erst Ende nächsten Jahres dürfte der
Trend nach oben drehen!
2. Eurozone
Allein aus der gegenwärtigen »Aktivität« der Fed
abzuleiten, auch die EZB werde um Zinssenkungen
nicht herumkommen, wäre zu einfach. Die europäischen
Währungshüter stehen momentan vor dem
Problem, dass die Inflationsraten in der Eurozone
mit 3,0% klar zu hoch sind und sogar noch weiter
zu steigen drohen. Gleichzeitig lässt die Wachstumsdynamik
zwar nach, bislang aber nur graduell.
Insofern verwundert es nicht, wenn Jean-Claude
Trichet nach wie vor einen »hawkishen« Ton pflegt
und damit die Neigung der Notenbanker zum Ausdruck
bringt, die Leitzinsen im Zweifelsfall eher
noch einmal zu erhöhen. Nach unseren Analysen
dürfte die Eurozone in den nächsten Monaten allerdings
relativ schnell in den globalen Abwärtsstrudel
aus zyklischer und struktureller Wachstumsabkühlung
geraten und konjunkturelle Dynamik einbüssen.
Spätestens dann ist auch für die EZB der temporäre
Inflationsbuckel kein grundsätzliches Problem
mehr und die Leitzinsen werden gesenkt. Wir
erwarten eine Lockerung um 25 Bp auf 3,75%.
Wie in den USA dürften die Rentenmärkte einen
Schritt weiter gehen und zwei Zinssenkungen einpreisen.
Im Rahmen dieser Entwicklung werden die
Renditen 2-jähriger Anleihen die 3,50%-Marke streifen,
während 10-jährige Bundesanleihen 3,80% anvisieren.
Zu beachten ist dabei, dass die Langläufer
ihren Tiefpunkt vor den Kurzläufern erreichen werden,
weswegen unsere Vorhersage einer moderaten
Versteilerung der Zinskurve nicht im Widerspruch
zu unserer Laufzeitprognose steht.
Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass die Kreditspreads
insgesamt auf hohem Niveau bleiben
werden, der Risikoappetit der Investoren dürfte nur
sehr langsam zurückkehren. Gleichwohl sollte sich
im Laufe der nächsten Monate vor allem bei hochqualitativen
Fazit
Die Weltwirtschaft wird erst im Jahr 2008 die volle
Wucht der Finanzmarktturbulenzen des vergangenen
Sommers zu spüren bekommen. Das Risiko,
dass sich die konjunkturelle Lage zuspitzt, ist enorm.
Trotz des anziehenden Inflationsdrucks werden
die Notenbanken daher für eine Entkrampfung
der Lage sorgen und die Zinsen umfassend senken
müssen. Ungeachtet der niedrigen Kapitalmarktrenditen
sind die fundamentalen Rahmenbedingungen
für die Anleihenmärkte damit positiv!
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