Deutliche Preisrückgänge bei Rohöl!
Seit Mitte letzten Jahres ist ein massiver Rück-gang der Rohölpreise zu verzeichnen – die Sorte West Texas Intermediate (WTI) notiert inzwischen um mehr als 33% unter dem Höchststand vom Juli 2006, wobei sich allein die Hälfte dieses Preisverfalls in den vergangenen vier Wochen ereignete (vgl. Abbildung 1).
Abb. 1: Die Energiepreise sind zuletzt deutlich gesunken …

Quelle: DOE, Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Vor diesem Hintergrund titelte unlängst das Wall Street Journal: »Billiges Öl rüttelt die US-Wirtschaft wach« und zitierte einmal mehr Kom-mentatoren, die auf die wachstumsstimulierende Wirkung der sinkenden Rohölnotierungen hin-wiesen. Demnach würde ein Rückgang des Öl-preises um 10 USD zu rund einem halben Pro-zentpunkt mehr BIP-Wachstum führen.
Ähnlich optimistisch zeigt sich das Wirtschafts-forschungsinstitut Conference Board, das im Um-feld sinkender Benzinpreise in den kommenden Monaten mit einem um einen Prozentpunkt hö-heren Konsumwachstum in den USA rechnet.
Der Einfluss der fundamentalen Marktkräfte
darf nicht unterschätzt werden!
Diese optimistischen Schlussfolgerungen sind
allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Sicherlich
bereiten sinkende Energiekosten den Boden für
eine künftig anziehende Wirtschaftsaktivität.
Diese weit in die Zukunft reichende Perspektive
darf aber nicht den Blick darauf verstellen,
was niedrige Energiepreise an erster Stelle sind:
ein Spiegelbild des aktuellen wirtschaftlichen
Abschwungs!
Abb. 2: … im Gleichlauf mit dem konjunkturellen Abschwung!

Quelle: BEA, Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Wer diesen Zusammenhang ignoriert, unterstellt,
die Preise an den Energiemärkten entwickelten
sich losgelöst von fundamentalen Angebots- und
Nachfragetrends und resultierten daher hauptsächlich
aus spekulativen Engagements. Dem ist
aber nicht so! Im Gegenteil, wie die Gegenüberstellung
in Abbildung 2 zeigt, entspricht die Entwicklung
der Rohölpreise zumeist exakt dem
konjunkturellen Trend. Offensichtlich gilt auch
für Rohöl die grundlegende ökonomische Gesetzmässigkeit,
dass sinkende Preise in aller Regel
Ausdruck einer rückläufigen und steigende
Preise ein Indiz für eine anziehende Nachfrage
sind.
Somit ist die vermeintlich frohe Botschaft –
fallende Rohölpreise – eher eine Hiobsbotschaft:
Die Konjunkturdynamik lässt gegenwärtig
noch weiter markant nach.
Benzinpreise als Spiegelbild der Verfassung
des privaten Verbrauchs!
Die gleiche Schlussfolgerung ergibt sich bei der
Betrachtung der Benzinpreise. Unzweifelhaft hat
in den vergangenen Jahren eine Reihe von Sonderfaktoren
(geopolitische Entwicklung, extreme
Wetterereignisse) zu kräftigen Ausschlägen geführt.
Aber auch hier gilt: Der übergeordnete
Trend in der Preisentwicklung spiegelt die Dynamik
des privaten Konsums wider (vgl. Abbildung
3).
Abb. 3: Fallende Benzinpreise Konsumschwäche!

Quelle: DOE, Census Bureau, BANTLEON BANK AG
Die jüngsten Rückgänge der Benzinpreise deuten
somit darauf hin, dass die Ausgabenbereitschaft
der privaten Haushalte zuletzt merklich
zurückging.
Wenn das Conference Board die Auffassung vertritt,
die niedrigeren Preise würden mit einem
höheren Konsumwachstum einhergehen, dann
handelt es sich dabei um eine partialanalytische
Aussage: Unter sonst gleichen Bedingungen
würde das billigere Benzin dazu führen, dass die
privaten Haushalte weniger Einkommen für
Kraftstoffe aufwenden müssten und daher mehr
Geld für den Kauf anderer Güter ausgeben könnten.
Die Annahme der ansonsten gleichen Bedingungen
ist aber nicht gerechtfertigt, weil sie wichtige
Aspekte vernachlässigt. So wird das bereits seit
drei Quartalen unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum
in den kommenden Monaten
den Beschäftigungsaufbau bremsen. In der Folge
dürften die Lohnsteigerungen abnehmen und die
Lohneinkommen sinken. Dieser negative Impuls
auf das Haushaltseinkommen ist grösser als der
entlastende Effekt der sinkenden Benzinpreise.
Damit wird auch künftig der in Abbildung 3 wiedergegebene
Gleichlauf dominieren: Die Benzinpreise
sinken parallel zur weiter nachlassenden
Konsumdynamik.
Fazit: Der Konjunkturabschwung setzt sich fort!
Die verständliche Hoffnung, wonach sinkende
Energiekosten das Wirtschaftswachstum unmittelbar
stimulieren würden, ist nach unserer Auffassung
trügerisch. Die Erfahrung der Vergangenheit
zeigt eindeutig, dass niedrige Rohölnotierungen
an erster Stelle ein Zeichen wirtschaftlicher
Schwäche sind. Den Konjunkturtrend vermag
die Rohölpreisentwicklung hingegen nicht
zu ändern. Angesichts der massiven strukturellen
Belastungsfaktoren für den privaten Konsum
(Verschuldung, nachlassende Einkommenszuflüsse
aus Immobilienvermögen) sowie angesichts
der unmittelbaren Bremswirkung der
schrumpfenden Bauinvestitionen wird sich in
den kommenden Quartalen der Konjunkturabschwung
in den USA fortsetzen.
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