Sinkende Rohölpreise werden der US-Konjunktur nicht helfen!

Dr. Andreas A. Busch
Fundamentale
Analyse

Deutliche Preisrückgänge bei Rohöl!

Seit Mitte letzten Jahres ist ein massiver Rück-gang der Rohölpreise zu verzeichnen – die Sorte West Texas Intermediate (WTI) notiert inzwischen um mehr als 33% unter dem Höchststand vom Juli 2006, wobei sich allein die Hälfte dieses Preisverfalls in den vergangenen vier Wochen ereignete (vgl. Abbildung 1).

Abb. 1: Die Energiepreise sind zuletzt deutlich gesunken …

Quelle: DOE, Bloomberg, BANTLEON BANK AG

Vor diesem Hintergrund titelte unlängst das Wall Street Journal: »Billiges Öl rüttelt die US-Wirtschaft wach« und zitierte einmal mehr Kom-mentatoren, die auf die wachstumsstimulierende Wirkung der sinkenden Rohölnotierungen hin-wiesen. Demnach würde ein Rückgang des Öl-preises um 10 USD zu rund einem halben Pro-zentpunkt mehr BIP-Wachstum führen.

Ähnlich optimistisch zeigt sich das Wirtschafts-forschungsinstitut Conference Board, das im Um-feld sinkender Benzinpreise in den kommenden Monaten mit einem um einen Prozentpunkt hö-heren Konsumwachstum in den USA rechnet.

Der Einfluss der fundamentalen Marktkräfte darf nicht unterschätzt werden!

Diese optimistischen Schlussfolgerungen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Sicherlich bereiten sinkende Energiekosten den Boden für eine künftig anziehende Wirtschaftsaktivität. Diese weit in die Zukunft reichende Perspektive darf aber nicht den Blick darauf verstellen, was niedrige Energiepreise an erster Stelle sind: ein Spiegelbild des aktuellen wirtschaftlichen Abschwungs!

Abb. 2: … im Gleichlauf mit dem konjunkturellen Abschwung!

Quelle: BEA, Bloomberg, BANTLEON BANK AG

Wer diesen Zusammenhang ignoriert, unterstellt, die Preise an den Energiemärkten entwickelten sich losgelöst von fundamentalen Angebots- und Nachfragetrends und resultierten daher hauptsächlich aus spekulativen Engagements. Dem ist aber nicht so! Im Gegenteil, wie die Gegenüberstellung in Abbildung 2 zeigt, entspricht die Entwicklung der Rohölpreise zumeist exakt dem konjunkturellen Trend. Offensichtlich gilt auch für Rohöl die grundlegende ökonomische Gesetzmässigkeit, dass sinkende Preise in aller Regel Ausdruck einer rückläufigen und steigende Preise ein Indiz für eine anziehende Nachfrage sind.

Somit ist die vermeintlich frohe Botschaft – fallende Rohölpreise – eher eine Hiobsbotschaft: Die Konjunkturdynamik lässt gegenwärtig noch weiter markant nach.

Benzinpreise als Spiegelbild der Verfassung des privaten Verbrauchs!

Die gleiche Schlussfolgerung ergibt sich bei der Betrachtung der Benzinpreise. Unzweifelhaft hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Sonderfaktoren (geopolitische Entwicklung, extreme Wetterereignisse) zu kräftigen Ausschlägen geführt. Aber auch hier gilt: Der übergeordnete Trend in der Preisentwicklung spiegelt die Dynamik des privaten Konsums wider (vgl. Abbildung 3).

Abb. 3: Fallende Benzinpreise Konsumschwäche!

Quelle: DOE, Census Bureau, BANTLEON BANK AG

Die jüngsten Rückgänge der Benzinpreise deuten somit darauf hin, dass die Ausgabenbereitschaft der privaten Haushalte zuletzt merklich zurückging.

Wenn das Conference Board die Auffassung vertritt, die niedrigeren Preise würden mit einem höheren Konsumwachstum einhergehen, dann handelt es sich dabei um eine partialanalytische Aussage: Unter sonst gleichen Bedingungen würde das billigere Benzin dazu führen, dass die privaten Haushalte weniger Einkommen für Kraftstoffe aufwenden müssten und daher mehr Geld für den Kauf anderer Güter ausgeben könnten.

Die Annahme der ansonsten gleichen Bedingungen ist aber nicht gerechtfertigt, weil sie wichtige Aspekte vernachlässigt. So wird das bereits seit drei Quartalen unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum in den kommenden Monaten den Beschäftigungsaufbau bremsen. In der Folge dürften die Lohnsteigerungen abnehmen und die Lohneinkommen sinken. Dieser negative Impuls auf das Haushaltseinkommen ist grösser als der entlastende Effekt der sinkenden Benzinpreise. Damit wird auch künftig der in Abbildung 3 wiedergegebene Gleichlauf dominieren: Die Benzinpreise sinken parallel zur weiter nachlassenden Konsumdynamik.

Fazit: Der Konjunkturabschwung setzt sich fort!

Die verständliche Hoffnung, wonach sinkende Energiekosten das Wirtschaftswachstum unmittelbar stimulieren würden, ist nach unserer Auffassung trügerisch. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt eindeutig, dass niedrige Rohölnotierungen an erster Stelle ein Zeichen wirtschaftlicher Schwäche sind. Den Konjunkturtrend vermag die Rohölpreisentwicklung hingegen nicht zu ändern. Angesichts der massiven strukturellen Belastungsfaktoren für den privaten Konsum (Verschuldung, nachlassende Einkommenszuflüsse aus Immobilienvermögen) sowie angesichts der unmittelbaren Bremswirkung der schrumpfenden Bauinvestitionen wird sich in den kommenden Quartalen der Konjunkturabschwung in den USA fortsetzen.

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