Deutschland vom Absteiger zum Aufsteiger
Deutschland galt lange Zeit als der »kranke Mann
im Euroraum«. Zwischen 1995 und 2005 expandierte
die grösste Volkswirtschaft stets schwächer
als die restlichen Euroländer – im Durchschnitt
betrug das Wachstum gerade einmal 1,5% pro Jahr,
während es im Euroraum immerhin 2,3% waren.
2006 wendete sich jedoch das Blatt: Das deutsche
BIP stieg (saison- und arbeitstäglich bereinigt) um
3,0% und liess damit die gesamte Währungsunion
(2,8%) erstmals nach zwölf Jahren wieder knapp
hinter sich. Diese Outperformance dürfte keine
Eintagsfliege bleiben! Zwar profitierte Deutschland
2006 von Sonderfaktoren (MwSt-Vorzieh- und
WM-Effekt), ungeachtet dessen stellen sich aber
auch im laufenden und im kommenden Jahr die
Wachstumsperspektiven günstiger dar als in vielen
anderen Euroländern.
Ausschlaggebend hierfür ist jedoch nicht, dass
Deutschland auf einen generell höheren Wachstumspfad
eingeschwenkt ist. Vielmehr hat sich in
der grössten Volkswirtschaft über die vergangenen
Jahre hinweg ein erheblicher Nachholbedarf aufgestaut,
der die Basis für eine längerfristige Aufschwungsphase
gelegt hat.
Nachholbedarf bei den Investitionen
Dieser Nachholbedarf ist die Folge eines tiefgreifenden
Anpassungsprozesses, den die deutsche
Wirtschaft in den vergangenen Jahren vollziehen
musste. Der wesentliche Auslöser dafür war das
Platzen der »New Economy«-Blase im Jahr 2001,
das Deutschland unter allen Euroländern am
härtesten getroffen hat. In der grössten Volkswirtschaft
war nicht nur die Aktienbaisse besonders
ausgeprägt. Daneben gerieten auch zahlreiche
Banken in Schwierigkeiten und schränkten ihre
Bereitschaft zur Kreditvergabe ein. Damit sahen
sich die Unternehmen gleich von zwei Seiten in die
Zange genommen: rückläufige Ertragsperspektiven
und eine deutliche Verschärfung der Finanzierungskonditionen.
Als Folge davon kürzten die
deutschen Unternehmen ihre Investitionen in Maschinen und Anlagen massiver als in allen
anderen Euroländern – die realen Ausrüstungsinvestitionen
gingen zwischen Ende 2000 und Ende
2002 um 15% zurück (im gesamten Euroraum nur
um 7%).
Abb. 1: Die deutsche Investitionsquote ist immer
noch vergleichsweise niedrig!

Quelle: Deutsche Bundesbank, EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Auch die Bauinvestitionen litten stark unter der
Konjunkturkrise. Hier kam aber noch hinzu, dass
der Abbau von Überkapazitäten in Ostdeutschland,
die sich im Zuge der expansiven staatlichen
Förderpolitik nach der Wiedervereinigung gebildet
hatten, immer noch nicht abgeschlossen war. Im
Ergebnis entwickelte sich die gesamte Investitionstätigkeit
in Deutschland zwischen Ende 2000 und
Mitte 2005 extrem schwach. Ablesbar ist dies unter
anderem an der Investitionsquote (Investitionen/
BIP), die im Jahr 2005 auf 18,5% gesunken war
und damit fast drei Prozentpunkte unter dem
Durchschnitt des Euroraums lag (vgl. Abb. 1).
Abb. 2: Die Kapazitäten in Deutschland sind
bereits ausgeschöpft!

Quelle: EU-Kommission, BANTLEON BANK AG
Die Kehrseite der Investitionszurückhaltung in den
vergangenen Jahren zeigt sich im aktuellen Aufschwung.
So geht aus den jüngsten Umfrageergebnissen
der EU-Kommission hervor, dass die deutschen
Unternehmen rascher an ihre Kapazitätsgrenzen
gestossen sind als ihre Konkurrenten im
Ausland: Erstmals seit der Wiedervereinigung
bezeichnet die Mehrzahl der befragten deutschen
Unternehmen ihre Produktionskapazitäten vor
dem Hintergrund des aktuellen Auftragsbestands
als unzureichend (vgl. Abb. 2) – und dies bereits
nach 1½- Jahren Aufschwung. Die Investitionsabstinenz
in den zurückliegenden Jahren hat damit
zugleich den gegenwärtigen Druck erhöht, Kapazitäten
zu erweitern.
Verbesserung der Wettbewerbsposition
Um Kosten zu sparen, senkten die Unternehmen
aber nicht nur ihre Investitionsbudgets, sondern
setzten in Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften
auch niedrige Gehaltssteigerungen durch.
Sie waren dabei so »erfolgreich«, dass die nominalen
Bruttolöhne (je Arbeitnehmer) in Deutschland
zwischen Ende 2002 und Ende 2005 sogar leicht
gefallen sind (-0,3%), während sie gleichzeitig im
gesamten Euroraum um 12% zulegten.
Abb. 3: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit
Deutschlands hat sich verbessert!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Dank der stagnierenden Nominallöhne entwickelten
sich die Lohnstückkosten wesentlich günstiger
als in allen Nachbarländern, was die relative
Wettbewerbsposition Deutschlands innerhalb des
Euroraums erheblich verbessert hat (vgl. Abb. 3).
Während die Lohnstückkosten in Deutschland in
den vergangenen fünf Jahren um 3% gefallen sind,
kam es in Frankreich zu einem Anstieg um 8,5%
und in Spanien um 13,4%. Dies ging unmittelbar
mit einem Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit
in diesen Ländern einher – die Möglichkeit,
mittels Abwertung einem solchen deutschen
»Lohndumping« zu begegnen, blieb ihnen innerhalb
der Währungsunion verwehrt.
Vom Nettoschuldner zum Nettogläubiger
Der strikte Sparkurs deutscher Unternehmen hat
zu einer kontinuierlichen Verbesserung ihrer
Ertragssituation geführt. Seit 2002 steigen die
Gewinne; gemessen an der Bruttowertschöpfung
arbeiten die deutschen Unternehmen seit 2004
wieder rentabler als ihre Konkurrenten aus Frankreich
(vgl. Abb. 4).
Abb. 4: Rentabilität deutscher Unternehmen
gestiegen!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Statt den wachsenden Cashflow in Sachkapital zu
investieren, zogen es die deutschen Unternehmen
jedoch vor, ihren Schuldenberg abzutragen und
dabei die Abhängigkeit von der Fremdfinanzierung
zu reduzieren. Innerhalb kürzester Zeit
wandelte sich der deutsche Unternehmenssektor
von einem Nettoschuldner zu einem Nettogläubiger
(vgl. Abb. 5). 2001 betrug die so genannte
Finanzierunglücke (Differenz zwischen Investitionsausgaben
und Unternehmensgewinn) noch 7%
des BIPs, d.h., die Unternehmen mussten sich 150
Mrd. Euro von anderen Sektoren (Privathaushalte,
Ausland, Staat) besorgen, um ihre Investitionsprojekte
zu realisieren. 2005 verfügten die Unternehmen
hingegen ihrerseits über einen Finanzierungsüberschuss
von 2% des BIPs (ca. 40 Mrd. Euro).
Dass die Unternehmen auch 2006 ihre Nettogläubigerposition
trotz kräftig anziehender Investitionsausgaben
beibehalten konnten, spricht für ihre
aktuell hohe Ertragskraft.
Abb. 5: Unternehmensfinanzierung: in Deutschland
Überschüsse, in Spanien wachsende Defizite!

Quelle: Deutsche Bundesbank, Banco de España, BANTLEON BANK AG
Angesichts dieser Finanzierungspolster ist es kaum
verwunderlich, dass die bisherige Restriktionspolitik
der EZB in Deutschland kaum Spuren hinterlassen
hat. Weit weniger Unternehmen als in früheren
Aufschwungsphasen sind hoch verschuldet – der
so genannte Zinskanal der Geldpolitik, der über
eine Verteuerung der Finanzierungskosten die
Wirtschaft einzubremsen versucht, kam daher
nicht zur Geltung. Darüber hinaus wiegt offenbar
in vielen Fällen der Nachholbedarf schwerer als
straffere Finanzierungskonditionen.
Das deutsche BIP-Wachstum wird sich daher trotz
der zahlreichen Bremsfaktoren im laufenden Jahr
(MwSt-Erhöhung, steigende Leitzinsen, aufwertender
Euro, nachlassende Welthandelsdynamik)
vergleichsweise robust zeigen. Das Expansionstempo
wird nachlassen, aber über der Potentialrate
bleiben. Wir rechnen in diesem Jahr mit einem BIPZuwachs
von 2,8% und 2008 mit 2,3%. Gilt dieser
positive Ausblick aber für den gesamten Euroraum?
Spanien als Gegenpol zu Deutschland
Die günstige Konstellation in Deutschland sollte
nicht automatisch auf die übrigen Euroländer
übertragen werden! Statt mit Konsum- und Investitionsmangel
hatten diese in vielen Fällen mit dem
gegenteiligen Problem zu kämpfen. Das Paradebeispiel
hierfür ist Spanien, das seit zehn Jahren einen
extremen Konsum- und Investitionsrausch erlebt,
wobei Übersättigungstendenzen mittlerweile in
allen Bereichen zu beobachten sind.
Abb. 6: Die Währungsunion als Konjunkturprogramm
für Spanien!

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Zentraler Auslöser dieser Entwicklung war der
Beitritt Spaniens zur Währungsunion. Als sich im
Laufe des Jahres 1996 abzeichnete, dass Spanien
die Kriterien für die Aufnahme zur Währungsunion
erfüllen würde, schrumpfte die Zinsdifferenz zu
Deutschland bei 10-jährigen Staatsanleihen innerhalb
weniger Monate von über 4%-Punkten auf
nahezu 0%-Punkte zusammen (vgl. Abb. 6). Dieser
positive »Zinsschock« senkte die Finanzierungskosten für Investitionsprojekte auf einen Schlag
massiv. Gleichzeitig waren die Renditechancen in
dem aufstrebenden Mittelmeerland höher als in
den etablierten Mitgliedsstaaten.
Der daraus hervorgehende Bauboom lässt sich mit
wenigen Zahlen beschreiben: Die Immobilienpreise
haben sich in den letzten zehn Jahren beinahe
verdreifacht; 2006 wurden in Spanien fast so viele
Wohnhäuser gebaut (760.000) wie in Deutschland,
Frankreich und Italien zusammen (880.000); in der
Bauwirtschaft sind mittlerweile 13,4% aller Erwerbstätigen
beschäftigt (im Euroraum 7,7%, in
Deutschland 5,5%).
Abb. 7: Investitionsrausch in Spanien!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Angesichts des Baubooms tritt häufig in den Hintergrund,
dass auch die Ausrüstungsinvestitionen
gewaltige Wachstumsraten aufweisen (aktuelle
Jahresrate: 11,4%). Die gesamte Investitionsquote
liegt in Spanien mittlerweile bei über 30% (vgl.
Abb. 7). Selbst für ein Land, das sich im Aufholprozess
befindet, stellt dies einen sehr hohen Wert
dar. Die osteuropäischen Länder Polen, Tschechien
und Ungarn z.B. liegen mit 26% bis 29% darunter,
obwohl die potentiellen Kapitalerträge in diesen
Transformationsstaaten wesentlich höher sind.
Allerdings geht die Investitionswut mit einer
zunehmenden Ausweitung der Unternehmensverschuldung
einher. Im Gegensatz zu Deutschland
reicht der operative Ertrag spanischer Unternehmen
bei Weitem nicht mehr aus, um die ehrgeizigen
Investitionspläne auch nur annähernd aus
eigener Kraft zu finanzieren (vgl. Abb. 5). Vielmehr
beläuft sich die Finanzierungslücke spanischer
Unternehmen mittlerweile auf beinahe 10% des
BIPs – Tendenz steigend.
Das Zusammenspiel aus der wachsenden Verschuldung
und steigenden Zinsen macht sich in
den Erfolgsbilanzen der Unternehmen bereits
bemerkbar. Aus den verfügbaren Statistiken der
Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ergibt sich,
dass zwar die Bruttogewinne (vor Zinsen, Dividenden
und Steuern) 2006 immer noch das Niveau der Vorjahre gehalten haben. Die Nettogewinne
sind jedoch bereits deutlich rückläufig (vgl.
Abb. 8). Die wachsende Zinslast macht sich damit
zunehmend bemerkbar und mit jeder weiteren
Refisatzerhöhung der EZB werden die Probleme
grösser.
Abb. 8: Die wachsende Zinslast drückt auf die
Unternehmensgewinne!

Quelle: Banco de España, BANTLEON BANK AG; *gl. Durchschnitt
Vor diesem Hintergrund stellen sich die Perspektiven
für die Unternehmensinvestitionen in Spanien
düster dar. Auf der einen Seite hat der internationale
Konjunkturzyklus seinen Zenit bereits überschritten,
was das Umsatzwachstum vor allem
global ausgerichteter spanischer Firmen begrenzt,
die zudem unter den gestiegenen Lohnstückkosten
und der jüngsten Euroaufwertung leiden. Auf der
anderen Seite steigt die Zinslastquote infolge der
Restriktionspolitik der EZB kontinuierlich an. Die
Gewinne werden somit weiter erodieren, was
zwangsläufig zu einer Kürzung der Investitionsbudgets
führt.
Wir gehen daher davon aus, dass die spanische
Wirtschaft noch im laufenden Jahr eine Korrekturbewegung
vollzieht und für einige Zeit unter dem
Potentialtrend expandiert – Letzterer dürfte allerdings
in Spanien etwas höher liegen als im restlichen
Euroraum (2,5% bis 3,0%). Wir rechnen
entsprechend mit einer Abkühlung des spanischen
Wachstums von gegenwärtig 4,0% auf 2,0% bis
2,5%.
Der konjunkturelle Trend im Euroraum bleibt trotz
Deutschland abwärts gerichtet
Spanien stellt aber keinen Einzelfall dar. Mit Irland,
Griechenland und Finnland gibt es noch weitere
Mitgliedsländer, deren Wirtschaft überhitzt ist und
die infolgedessen von den Leitzinserhöhungen
besonders betroffen sind.
Auch Frankreich muss zu diesem Kreis gerechnet
werden. Zwar erlebte das Land keinen Wirtschaftsboom
wie Spanien oder Irland. Aber mit Blick auf die Immobilienpreise und den Verschuldungsgrad
der Unternehmen sind ähnliche Ungleichgewichte
erkennbar. Auch die gesamtwirtschaftliche
Investitionsquote hat mittlerweile
bereits die Höhe des letzten zyklischen Aufschwungs
übertroffen (vgl. Abb. 7). Von Nachholbedarf
wie im Falle Deutschlands kann daher keine
Rede sein. Hinzu kommt, dass Frankreich parallel
zu Spanien gegenüber Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit
eingebüsst hat und stärker als sein
östlicher Nachbar unter der Euroaufwertung leidet.
Wie bereits im vergangenen Jahr dürfte Frankreich
daher auch 2007 und 2008 nur unterdurchschnittlich
expandieren (jeweils 1,8% nach 2,2% in 2006).
Fazit: In Deutschland hat sich in den vergangenen
Jahren ein erheblicher Nachholbedarf aufgestaut.
Darüber hinaus haben die Unternehmen ihre
relative Wettbewerbsposition verbessert und ihre
Abhängigkeit von der Aussenfinanzierung reduziert.
Trotz zyklischen Gegenwinds sind die
Wachstumsperspektiven für die kommenden
beiden Jahre daher günstig – die grösste Volkswirtschaft
wird für längere Zeit nicht mehr als Bremsklotz
im Euroraum fungieren.
Dessen ungeachtet bleibt der übergeordnete
Konjunkturtrend im Euroraum abwärts gerichtet.
Die Wachstumsdynamik des vergangenen Jahres
lässt 2007 und 2008 sukzessive nach. Allerdings
wird sich innerhalb der Währungsunion in Bezug
auf die »Performance« der einzelnen Länder ein
Rollentausch vollziehen. Die stärksten Wachstumseinbussen
werden die zinssensitiven Länder
mit überhitzen Immobilienmärkten erleiden.
Dabei handelt es sich zugleich um diejenigen
Staaten, die in den vergangenen Jahren an preislicher
Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst haben
und daher am stärksten von der Euro-Aufwertung
betroffen sind.
Zum Download