Der Arbeitsmarkt rettet den deutschen Aufschwung nicht!

Dr. Daniel Hartmann
Fundamentale
Analyse

Arbeitsmarkt seit 12 Monaten im Aufwind

Die Erholung am deutschen Arbeitsmarkt ist mittlerweile unverkennbar. So sank nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die saisonbereinigte Erwerbslosenzahl seit März um durchschnittlich 42.000 pro Monat. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Arbeitslosensaldo mittlerweile sogar um 426.000 gefallen. Um eine ähnlich positive Jahresbilanz zu finden, muss man nicht weniger als 14 Jahre zurückgehen, in die Zeiten des Wiedervereinigungsbooms (vgl. Abbildung 1)!

Abb. 1: Der Arbeitslosensaldo fällt rapide!

Quelle: Deutsche Bundesbank, BANTLEON BANK AG

Neben Gesetzesänderungen zeigt insbesondere die Konjunktur Wirkung

Wie so häufig ist der Gesetzgeber an der spektakulären Entwicklung nicht ganz unbeteiligt. Seit Februar 2006 wurde die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I generell auf 12 bis 18 Monate verkürzt. Langzeitarbeitslose fallen daher im Durchschnitt früher als bisher aus der amtlichen Statistik heraus. Danach können sie zwar noch Arbeitslosengeld II beantragen, dieses wird jedoch nur »Bedürftigen« gewährt.

Dennoch, als alleinige Erklärung für den positiven Trend am deutschen Arbeitsmarkt reicht die kürzere Anspruchsdauer auf Arbeitslohnsgeld I nicht aus. Die Beschäftigungszahlen zeigen vielmehr, dass die Konjunktur die massgebliche Rolle spielt. Laut der neuesten Schätzung des Statistischen Bundesamts lag die Erwerbstätigenzahl im Juli 2006 um 310.000 höher als ein Jahr zuvor – rund 70% des rückläufigen Arbeitslosensaldos sind folglich auf Mehrbeschäftigung zurückzuführen.

Setzt sich der Beschäftigungsaufbau in diesem Tempo bis Ende 2006 fort, wovon wir angesichts der aktuell hohen Wachstumsdynamik ausgehen, wird die Erwerbstätigenzahl auch im Jahresdurchschnitt erstmals nach fünf Jahren wieder über dem Vorjahresstand liegen. Das Ausmass des Beschäftigungszuwachses (etwa 200.000) wäre dabei mit dem Beginn des letzten Aufschwungs (1998) durchaus vergleichbar.

Beschäftigungsboom versus restriktive Fiskalpolitik

Angesichts dieses Beschäftigungsbooms werden die Konjunkturbeobachter immer zuversichtlicher. Selbst die anstehenden Steuer- und Abgabenerhöhungen, die den privaten Konsumenten im kommenden Jahr per Saldo 20 Mrd. EUR entziehen, werden kaum noch als Wachstumsrisiko angesehen. Aus Sicht der Optimisten sorgen die Arbeitsmarktbelebung und die damit verbundenen positiven Einkommens- und Stimmungseffekte für eine Kompensation. Nach einer kurzen Wachstumsdelle Anfang 2007 werde sich daher der Aufschwung ungebremst fortsetzen. Ein plausibles Szenario?

Die Einkommenseffekte der Arbeitsmarktbelebung sollten nicht überschätzt werden

Um die Einkommens- und Stimmungsimpulse der aktuellen Arbeitsmarktbelebung abzuschätzen, muss neben der Quantität auch die Qualität der neu geschaffenen Stellen berücksichtigt werden. So wird sich die finanzielle Lage eines Haushalts durch die Aufnahme einer Vollzeitstelle ungleich deutlicher verbessern als durch die Annahmen eines 400-Euro- Jobs. Werden die Beschäftigungszahlen nach diesem Kriterium analysiert, erhält die Euphorie bereits einen ersten Dämpfer.

Abb. 2: Das Plus bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten fällt mager aus!

Quelle: NTC Research, BfA, BANTLEON BANK AG

Zwar gab die Bundesagentur für Arbeit bekannt, dass im Mai erstmals nach fünf Jahren die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse im Vergleich zum Vorjahr wieder angestiegen ist, eine Entwicklung die sich im Juni weiter fortgesetzt hat. Der Zuwachs fällt jedoch nach zwölf Monaten des konjunkturellen Aufschwungs mit knapp 130.000 immer noch vergleichsweise gering aus – die gesamte Erwerbstätigenzahl lag zu diesem Zeitpunkt bereits um 260.000 über dem Vorjahresniveau. Folglich basierte nur etwa die Hälfte der neu geschaffenen Stellen auf einem traditionellen Arbeitsvertrag. Den anderen Teil stellen Minijobs auf 400-Euro- Basis dar. Die daraus resultierenden Einkommenseffekte sind entsprechend gering.

Abbildung 2 zeigt, dass im Vergleich zum letzten Aufschwung eine Lücke zwischen den Beschäftigungsabsichten der Unternehmen und den neu geschaffenen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen entstanden ist. Obwohl laut Einkaufsmanagerumfrage bereits seit November 2005 mehr Unternehmen ihren Personalbestand erhöhen als senken wollten, hat sich dies erst seit Mitte 2006 in einem Plus bei den sozialversicherungspflichtigen Stellen niedergeschlagen.

Zeitarbeit auf dem Vormarsch

Als erstes Zwischenfazit kann daher festgehalten werden, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften durchaus so stark ausgeprägt ist wie in vergangenen Aufschwungsphasen, der Zuwachs an Vollzeitstellen aber geringer ausfällt. Im Unterschied zu früheren Zeiten befriedigen die Unternehmen ihren Personalbedarf offenbar auf flexiblerem Wege. Neben Minijobs wird dabei in immer stärkerem Masse auf Leiharbeit zurückgegriffen.

Letzteres offenbart die sektorale Analyse der Arbeitsmarktdaten. Aus ihr geht hervor, dass in den vergangenen 12 Monaten lediglich die Zeitarbeitsbranche in nennenswertem Umfang sozialversicherungspflichtige Stellen geschaffen hat. Aus dem Fundus an Leiharbeitern schöpfen mittlerweile auch die zentralen Bereiche der deutschen Wirtschaft (Industrie, Handel, Kreditgewerbe, Bau), die selbst keinen Stellenaufbau betrieben haben.

Die zyklische Mehrnachfrage nach Zeitarbeit wird dabei durch strukturelle Ursachen verstärkt. So zwingt der wachsende internationale Wettbewerbsdruck die Unternehmen dazu, langfristige Bindungen zu vermeiden und Auftragsspitzen mittels Leiharbeit statt Neueinstellungen zu bewältigen. Daneben hat die Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsrechts – u.a. das unbefristete Ausleihen von Arbeitskräften – die Attraktivität dieses Instrumentariums in den letzten Jahren erhöht. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist jedoch, dass sich Unternehmen auch rasch wieder von Arbeitskräften trennen können. Der aktuell positive Beschäftigungstrend kann daher sehr schnell wieder kippen.

Die Arbeitsmarkterholung hat bereits ihren Zenit erreicht

Dies gilt umso mehr, als sich bereits erste dunkle Wolken am Konjunkturhimmel gebildet haben. Zwar beurteilen die Unternehmen die Geschäftsperspektiven immer noch sehr positiv – seit April hat sich aber unverkennbar ein Abwärtstrend eingestellt (vgl. Abbildung 3), wofür insbesondere nachlassende Exporterwartungen verantwortlich sind. Für uns steht damit fest, dass der konjunkturelle Wendepunkt zur Jahresmitte durchschritten wurde. Der zyklische Abschwung wird dabei nicht folgenlos für die Personalplanungen der Unternehmen sein, die laut Einkaufsmanagerindex bereits im Juli/August ihre Einstellungsabsichten reduziert haben. Am Jahresende werden sie nach unserer Prognose ganz zum Erliegen kommen (vgl. Abbildung 2). Die Belebung am Arbeitsmarkt wird daher – vor allem mit Blick auf die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse – bereits wieder vorbei sein, noch bevor sie richtig in Schwung gekommen ist.

Abb. 3: Das Zeitfenster für weitere Beschäftigungsgewinne schliesst sich bereits!

Quelle: Statistisches Bundesamt, IFO, BANTLEON BANK AG

Im ersten Halbjahr 2007 dürfte die konjunkturelle Abkühlung sogar noch an Dynamik gewinnen: Parallel zur restriktiven Fiskalpolitik wirken die weniger günstigen Finanzierungsbedingungen sowie der weiter nachlassende Welthandel als Bremsfaktoren. Wir gehen daher davon aus, dass es im Jahresverlauf 2007 zu keiner weiteren Zunahme der Erwerbstätigkeit kommt. Lediglich aufgrund des hohen Ausgangsniveaus (statistischer Überhang), mit dem ins Jahr gestartet wird, ergibt sich nochmals eine durchschnittliche Zunahme der Beschäftigung um 200.000 Personen.

Der Aufschwung bleibt ein kurzes Gastspiel

Vom Arbeitsmarkt sind daher im Jahr 2007 kaum konjunkturstützende Impulse zu erwarten. Um die Belastungseffekte aus der Anhebung der Mehrwertsteuer sowie den übrigen restriktiven fiskalpolitischen Massnahmen (Kürzung der Pendlerpauschale, Sparerfreibetrag, Eigenheimzulage etc.) zu kompensieren, müsste nach unseren Berechnungen die Erwerbstätigenzahl um mindestens 500.000 zunehmen. Da dies nicht der Fall ist und zudem langfristige Anschaffungen in das Jahr 2006 vorgezogen werden, zeichnet sich für das nächste Jahr eine äusserst schwache Konsumnachfrage ab – die Zuwachsrate des privaten Verbrauchs dürfte pro Quartal unter 0,2% liegen.

Auch die Investitionsnachfrage, die eng mit dem (fallenden) Geschäftsklima und der (abnehmenden) Gewinndynamik korreliert ist, wird sich im kommenden Jahr abkühlen. Die Binnennachfrage ist vor diesem Hintergrund nicht dazu in der Lage, den bereits jetzt erkennbaren Abwärtstrend bei der Exportdynamik auszugleichen. Nach unserer Prognose wird das deutsche BIP-Wachstum 2007 mit 1,2% wieder unter die Potentialrate fallen. Es bleibt daher dabei: Aus eigener Kraft kann Deutschland seit der Wiedervereinigung keinen Konjunkturboom erzeugen, sondern hängt weiterhin am Tropf der Weltwirtschaft.

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