Arbeitsmarkt seit 12 Monaten im Aufwind
Die Erholung am deutschen Arbeitsmarkt ist
mittlerweile unverkennbar. So sank nach
Angaben der Bundesagentur für Arbeit die
saisonbereinigte Erwerbslosenzahl seit März
um durchschnittlich 42.000 pro Monat. Im
Vergleich zum Vorjahr ist der Arbeitslosensaldo
mittlerweile sogar um 426.000 gefallen.
Um eine ähnlich positive Jahresbilanz zu
finden, muss man nicht weniger als 14 Jahre
zurückgehen, in die Zeiten des Wiedervereinigungsbooms
(vgl. Abbildung 1)!
Abb. 1: Der Arbeitslosensaldo fällt rapide!

Quelle: Deutsche Bundesbank, BANTLEON BANK AG
Neben Gesetzesänderungen zeigt insbesondere
die Konjunktur Wirkung
Wie so häufig ist der Gesetzgeber an der
spektakulären Entwicklung nicht ganz unbeteiligt.
Seit Februar 2006 wurde die Bezugsdauer
von Arbeitslosengeld I generell auf 12
bis 18 Monate verkürzt. Langzeitarbeitslose
fallen daher im Durchschnitt früher als bisher
aus der amtlichen Statistik heraus. Danach
können sie zwar noch Arbeitslosengeld II
beantragen, dieses wird jedoch nur »Bedürftigen« gewährt.
Dennoch, als alleinige Erklärung für den
positiven Trend am deutschen Arbeitsmarkt
reicht die kürzere Anspruchsdauer auf Arbeitslohnsgeld
I nicht aus. Die Beschäftigungszahlen
zeigen vielmehr, dass die Konjunktur
die massgebliche Rolle spielt. Laut
der neuesten Schätzung des Statistischen
Bundesamts lag die Erwerbstätigenzahl im
Juli 2006 um 310.000 höher als ein Jahr zuvor –
rund 70% des rückläufigen Arbeitslosensaldos
sind folglich auf Mehrbeschäftigung
zurückzuführen.
Setzt sich der Beschäftigungsaufbau in diesem
Tempo bis Ende 2006 fort, wovon wir angesichts
der aktuell hohen Wachstumsdynamik
ausgehen, wird die Erwerbstätigenzahl auch
im Jahresdurchschnitt erstmals nach fünf
Jahren wieder über dem Vorjahresstand
liegen. Das Ausmass des Beschäftigungszuwachses
(etwa 200.000) wäre dabei mit dem
Beginn des letzten Aufschwungs (1998)
durchaus vergleichbar.
Beschäftigungsboom versus restriktive Fiskalpolitik
Angesichts dieses Beschäftigungsbooms
werden die Konjunkturbeobachter immer
zuversichtlicher. Selbst die anstehenden
Steuer- und Abgabenerhöhungen, die den
privaten Konsumenten im kommenden Jahr
per Saldo 20 Mrd. EUR entziehen, werden
kaum noch als Wachstumsrisiko angesehen.
Aus Sicht der Optimisten sorgen die Arbeitsmarktbelebung
und die damit verbundenen
positiven Einkommens- und Stimmungseffekte
für eine Kompensation. Nach einer kurzen
Wachstumsdelle Anfang 2007 werde sich
daher der Aufschwung ungebremst fortsetzen.
Ein plausibles Szenario?
Die Einkommenseffekte der Arbeitsmarktbelebung
sollten nicht überschätzt werden
Um die Einkommens- und Stimmungsimpulse
der aktuellen Arbeitsmarktbelebung abzuschätzen,
muss neben der Quantität auch die
Qualität der neu geschaffenen Stellen berücksichtigt
werden. So wird sich die finanzielle
Lage eines Haushalts durch die Aufnahme
einer Vollzeitstelle ungleich deutlicher verbessern
als durch die Annahmen eines 400-Euro-
Jobs. Werden die Beschäftigungszahlen nach
diesem Kriterium analysiert, erhält die Euphorie
bereits einen ersten Dämpfer.
Abb. 2: Das Plus bei den sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten fällt mager aus!

Quelle: NTC Research, BfA, BANTLEON BANK AG
Zwar gab die Bundesagentur für Arbeit bekannt,
dass im Mai erstmals nach fünf Jahren
die Zahl der sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigungsverhältnisse im Vergleich zum
Vorjahr wieder angestiegen ist, eine Entwicklung
die sich im Juni weiter fortgesetzt hat.
Der Zuwachs fällt jedoch nach zwölf Monaten
des konjunkturellen Aufschwungs mit knapp
130.000 immer noch vergleichsweise gering
aus – die gesamte Erwerbstätigenzahl lag zu
diesem Zeitpunkt bereits um 260.000 über
dem Vorjahresniveau. Folglich basierte nur
etwa die Hälfte der neu geschaffenen Stellen
auf einem traditionellen Arbeitsvertrag. Den
anderen Teil stellen Minijobs auf 400-Euro-
Basis dar. Die daraus resultierenden Einkommenseffekte
sind entsprechend gering.
Abbildung 2 zeigt, dass im Vergleich zum
letzten Aufschwung eine Lücke zwischen den
Beschäftigungsabsichten der Unternehmen
und den neu geschaffenen sozialversicherungspflichtigen
Arbeitsstellen entstanden ist.
Obwohl laut Einkaufsmanagerumfrage bereits
seit November 2005 mehr Unternehmen ihren
Personalbestand erhöhen als senken wollten,
hat sich dies erst seit Mitte 2006 in einem Plus
bei den sozialversicherungspflichtigen Stellen
niedergeschlagen.
Zeitarbeit auf dem Vormarsch
Als erstes Zwischenfazit kann daher festgehalten
werden, dass die Nachfrage nach
Arbeitskräften durchaus so stark ausgeprägt
ist wie in vergangenen Aufschwungsphasen,
der Zuwachs an Vollzeitstellen aber geringer
ausfällt. Im Unterschied zu früheren Zeiten
befriedigen die Unternehmen ihren Personalbedarf
offenbar auf flexiblerem Wege. Neben
Minijobs wird dabei in immer stärkerem
Masse auf Leiharbeit zurückgegriffen.
Letzteres offenbart die sektorale Analyse der
Arbeitsmarktdaten. Aus ihr geht hervor, dass
in den vergangenen 12 Monaten lediglich
die Zeitarbeitsbranche in nennenswertem
Umfang sozialversicherungspflichtige Stellen
geschaffen hat. Aus dem Fundus an
Leiharbeitern schöpfen mittlerweile auch die
zentralen Bereiche der deutschen Wirtschaft
(Industrie, Handel, Kreditgewerbe, Bau), die
selbst keinen Stellenaufbau betrieben haben.
Die zyklische Mehrnachfrage nach Zeitarbeit
wird dabei durch strukturelle Ursachen verstärkt.
So zwingt der wachsende internationale
Wettbewerbsdruck die Unternehmen dazu,
langfristige Bindungen zu vermeiden und
Auftragsspitzen mittels Leiharbeit statt Neueinstellungen
zu bewältigen. Daneben hat die
Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsrechts
– u.a. das unbefristete Ausleihen
von Arbeitskräften – die Attraktivität dieses
Instrumentariums in den letzten Jahren erhöht.
Die Kehrseite dieser Entwicklung ist
jedoch, dass sich Unternehmen auch rasch
wieder von Arbeitskräften trennen können.
Der aktuell positive Beschäftigungstrend
kann daher sehr schnell wieder kippen.
Die Arbeitsmarkterholung hat bereits ihren
Zenit erreicht
Dies gilt umso mehr, als sich bereits erste
dunkle Wolken am Konjunkturhimmel gebildet
haben. Zwar beurteilen die Unternehmen
die Geschäftsperspektiven immer noch sehr
positiv – seit April hat sich aber unverkennbar
ein Abwärtstrend eingestellt (vgl. Abbildung
3), wofür insbesondere nachlassende
Exporterwartungen verantwortlich sind. Für
uns steht damit fest, dass der konjunkturelle
Wendepunkt zur Jahresmitte durchschritten
wurde. Der zyklische Abschwung wird dabei
nicht folgenlos für die Personalplanungen der
Unternehmen sein, die laut Einkaufsmanagerindex
bereits im Juli/August ihre Einstellungsabsichten
reduziert haben. Am Jahresende
werden sie nach unserer Prognose ganz
zum Erliegen kommen (vgl. Abbildung 2).
Die Belebung am Arbeitsmarkt wird daher –
vor allem mit Blick auf die sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigungsverhältnisse
– bereits wieder vorbei sein, noch bevor sie
richtig in Schwung gekommen ist.
Abb. 3: Das Zeitfenster für weitere Beschäftigungsgewinne
schliesst sich bereits!

Quelle: Statistisches Bundesamt, IFO, BANTLEON BANK AG
Im ersten Halbjahr 2007 dürfte die konjunkturelle
Abkühlung sogar noch an Dynamik
gewinnen: Parallel zur restriktiven Fiskalpolitik
wirken die weniger günstigen Finanzierungsbedingungen
sowie der weiter nachlassende
Welthandel als Bremsfaktoren. Wir
gehen daher davon aus, dass es im Jahresverlauf
2007 zu keiner weiteren Zunahme der
Erwerbstätigkeit kommt. Lediglich aufgrund
des hohen Ausgangsniveaus (statistischer
Überhang), mit dem ins Jahr gestartet wird,
ergibt sich nochmals eine durchschnittliche
Zunahme der Beschäftigung um 200.000
Personen.
Der Aufschwung bleibt ein kurzes Gastspiel
Vom Arbeitsmarkt sind daher im Jahr 2007
kaum konjunkturstützende Impulse zu erwarten.
Um die Belastungseffekte aus der Anhebung
der Mehrwertsteuer sowie den übrigen
restriktiven fiskalpolitischen Massnahmen
(Kürzung der Pendlerpauschale, Sparerfreibetrag,
Eigenheimzulage etc.) zu kompensieren,
müsste nach unseren Berechnungen die Erwerbstätigenzahl
um mindestens 500.000
zunehmen. Da dies nicht der Fall ist und
zudem langfristige Anschaffungen in das Jahr
2006 vorgezogen werden, zeichnet sich für
das nächste Jahr eine äusserst schwache
Konsumnachfrage ab – die Zuwachsrate des
privaten Verbrauchs dürfte pro Quartal
unter 0,2% liegen.
Auch die Investitionsnachfrage, die eng mit
dem (fallenden) Geschäftsklima und der
(abnehmenden) Gewinndynamik korreliert
ist, wird sich im kommenden Jahr abkühlen.
Die Binnennachfrage ist vor diesem Hintergrund
nicht dazu in der Lage, den bereits jetzt
erkennbaren Abwärtstrend bei der Exportdynamik
auszugleichen. Nach unserer Prognose
wird das deutsche BIP-Wachstum 2007 mit
1,2% wieder unter die Potentialrate fallen. Es
bleibt daher dabei: Aus eigener Kraft kann
Deutschland seit der Wiedervereinigung
keinen Konjunkturboom erzeugen, sondern
hängt weiterhin am Tropf der Weltwirtschaft.
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