Die EZB gerät zusehends in die Defensive
Die EZB ist vergangene Woche sichtlich in die Defensive geraten. Jean-Claude Trichet behauptete zwar trotzig, alle Informationen der vergangenen
Wochen hätten die Leitzinserhöhung von Anfang Juli gestützt. Gleichzeitig
gestand er jedoch ein, dass sich im Bereich des Konjunkturausblicks einige
der Abwärtsrisiken materialisiert haben und das BIP-Wachstum im 2. und
3. Quartal 2008 äusserst schwach ausfallen werde. Das ursprüngliche
Basisszenario der Notenbank, wonach das Bruttoinlandsprodukt der
Eurozone 2008/2009 nahe der Potentialrate expandiert, wurde damit
endgültig zu Grabe getragen.
Angesichts der jüngsten Batterie an negativen Konjunkturdaten blieb den
Währungshütern aber auch gar nichts anderes übrig, als von ihrem
moderaten Konjunkturoptimismus abzurücken. Sie wären unglaubwürdig
geworden, hätten sie weiter von »anhaltend solidem Wachstum«
gesprochen. Bereits kurz nach dem Juli-Notenbanktreffen schockierten
zunächst die Stimmungsindikatoren. So fielen unter anderem der EUR-Einkaufsmanagerindex
sowie das Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission
auf Niveaus, die letztmals zu Zeiten des Irak-Kriegs oder der
Terroranschläge vom 11. September 2001 beobachtet wurden.
In den vergangenen Tagen knüpften die Aktivitätsdaten nahtlos an dieses
Negativbild an. Demnach liegt der private Verbrauch in der Eurozone im
wahrsten Sinne des Wortes am Boden: Die Autozulassungen befanden sich
im Juni um 8,8% und die Einzelhandelsumsätze um 3,1% unter dem
Vorjahresniveau. Letzteres ist der tiefste Stand seit Beginn der Währungsunion.
Eine noch grössere Überraschung stellten jedoch die deutschen
Auftragseingänge dar, die zwischen Dezember 2007 und Juni 2008 eine
bislang nicht gekannte Negativserie verbuchten. Die gerade von der EZB
gehegte Hoffnung, die rückläufigen Orders aus den USA würden durch
anhaltend lebhafte Bestelleingänge aus den Schwellenländern kompensiert,
erweist sich zunehmend als unhaltbar. So sank nicht zuletzt die
Kapitalgüternachfrage aus dem Ausland seit Ende 2007 um 17%.
Während somit einerseits der Strom an enttäuschenden Konjunkturmeldungen
nicht abreisst, gibt es andererseits erste Hoffnungsschimmer
beim Inflationsausblick. Bis vor kurzem rechneten die meisten Prognosen
erst im August mit dem eigentlichen Inflationsgipfel. Wegen des raschen
Ölpreisverfalls könnte die Wende aber bereits im laufenden Monat
eintreten. Sollte der Ölpreis nicht wieder zu neuen Höhenflügen ansetzen,
wird sich dieser Abwärtsprozess in den kommenden Monaten
beschleunigen und die »Headline«-Inflationsrate 2009 in Richtung 2,0%
führen.
Zunehmende Rezessionsrisiken bei abnehmenden Inflationsgefahren – vor
diesem Hintergrund wird es für die EZB immer schwieriger, ihren strikt
inflationskritischen Kurs fortzusetzen. Bereits im September werden die
Währungshüter im Rahmen der offiziellen EZB-Projektionen ihr
Wachstumsszenario deutlich nach unten anpassen. Spätestens im Laufe des
4. Quartals 2008 dürfte aber auch der Inflationsausblick der Notenbank
freundlicher ausfallen. Der Grundsteine für Leitzinssenkungen im Jahr
2009 und ein anhaltend günstiges Rentenmarktumfeld ist damit gelegt.
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