Die hohe Immobilienmarktabhängigkeit der privaten
Haushalte als langfristiges Problem
Eindrucksvoll haben die jüngsten Finanzmarktturbulenzen
gezeigt, dass die Immobilienkrise in den
USA noch längst nicht verdaut ist, sondern weiter
wie ein Damoklesschwert über der US-Wirtschaft
schwebt. Bislang sah es so aus, als würde die Rezession
am Immobilienmarkt das Wirtschaftswachstum
allenfalls marginal belasten. Die verniedlichten
»Altlasten« (drastisch veränderte Vermögens- und
Verschuldungssituation bei den privaten Haushalten)
schienen keinen Tribut zu fordern. Die aktuellen
Verwerfungen an den Finanzmärkten lassen
diese Illusion jedoch schlagartig zusammenfallen.
Im Folgenden soll daher ein genaues Bild der Konsequenzen
gezeichnet werden, die sich aus der Rekordverschuldung
und den Verschiebungen in der
Vermögensstruktur der US-Bürger für das Wirtschaftswachstum
ergeben.
Die Vermögenssituation der US-Bürger
Der Immobilienboom der vergangenen Jahre bescherte
den Konsumenten in den USA bekanntlich
einen beispiellosen Einkommensschub. In den Jahren
2003 bis 2005 haben die US-Bürger reichlich von
der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ihre im Wert
massiv gestiegenen Häuser mit zusätzlichen Hypotheken
zu beleihen. Auf diesem Weg konnten sie
immense Einkommenszuflüsse in Höhe von rund
500 Mrd. USD pro Jahr realisieren. Gemessen an
den sonstigen Zins- und Dividendeneinkommen,
die in diesem Zeitraum jährlich bei 1.460 Mrd. USD
lagen, nahm der Einkommenszufluss aus Kapitalvermögen
dadurch um rund ein Drittel zu (vgl. Abbildung
1).
Diese Einkommensquelle ist jedoch dabei zu versiegen.
Im Jahr 2006 betrugen die Zuflüsse bereits nur
noch 330 Mrd. USD. Im laufenden und in den
kommenden Jahren dürften sie angesichts der stagnierenden
Immobilienpreise weiter abnehmen.
Abbildung 1: Die beispiellosen Einkommenszuflüsse
vom Immobilienvermögen ebben ab!

Quelle: BEA, Fed, BANTLEON BANK AG
Gibt es von anderer Seite dafür Ersatz? Können die
seit mehreren Jahren im Aufwind befindlichen Aktienmärkte
diese Abschwächung ausgleichen? Wir
sind diesbezüglich skeptisch, wobei nicht entscheidend
ist, dass die Notierungen hier in den vergangenen
Wochen deutlich nachgegeben haben. Ausschlaggebend
ist vielmehr die geringere Bedeutung
im Portfolio des Durchschnittshaushalts: Aktien
und Aktienfonds machen nur einen Anteil von gut
15% am Gesamtvermögen aus, während in Immobilien
knapp 33% des Vermögens investiert sind (vgl.
Abbildung 2).
Dabei ist dieses Auseinanderklaffen erst in den
letzten Jahren entstanden. Im Jahr 2000 hatten die
beiden Vermögensklassen noch einen gleich grossen
Anteil von rund 25%. Infolge der Wertverluste
durch den Aktienmarkteinbruch in den Jahren 2001
und 2002 nahm die Bedeutung des Aktienvermögens
jedoch spürbar ab. Gleichzeitig legte das Immobilienvermögen
mit zweistelligen Zuwachsraten
merklich zu (vgl. Abbildung 2).
Abbildung 2: Das Immobilienvermögen ist wichtiger
als das Aktienvermögen!

Quelle: Fed, BANTLEON BANK AG
Beim Vermögenseinkommen der privaten Haushalte
zeigte sich ebenfalls eine gegenläufige Entwicklung.
Während im Jahr 2002 und 2003 die Zins- und
Dividendeneinkommen der US-Haushalte deutlich
zurückgingen, nahm der Einkommenszufluss aus
Immobilienvermögen genau in diesem Zeitraum
rapide zu und milderte damit die negativen Folgen
des Aktienmarkteinbruchs (vgl. Abbildung 3). Die
kräftigen Zinssenkungen der Notenbank trugen
durch das Anheizen des Immobilienbooms somit
wesentlich dazu bei, dass die vergangene Rezession
nur schwach ausfiel und die konjunkturelle Erholung
bald einsetzte.
Abbildung 3: Das Vermögenseinkommen
nimmt ab!

Quelle: BEA, Fed, BANTLEON BANK AG
In Abbildung 3 ist darüber hinaus zu erkennen,
dass die sprudelnden Unternehmensgewinne der
Vergangenheit in den Jahren 2005 und 2006 zwar
weiter steigende Zins- und Dividendeneinkommen
zur Folge hatten. Diese reichten jedoch schon 2006
nicht mehr aus, das Minus bei den Einkommenszuflüssen
aus Immobilienvermögen auszugleichen. In
der Summe nahm das Einkommen aus den beiden
Vermögensklassen daher im vergangenen Jahr
zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder ab. Für 2007
rechnen wir ebenfalls mit einem Minus, da sich der
rückläufige Wertzuwachs bei Immobilien fortsetzen
wird und die allein bis Juni vorliegenden Daten zu
den Zins- und Dividendeneinkommen weiter
schrumpfende Gewinnsteigerungen ausweisen.
Der Zusammenhang von Vermögen und Konsum
Von dieser Seite werden daher künftig erhebliche
dämpfende Effekte auf den privaten Konsum ausgehen.
Der in den vergangenen Jahren wichtige
Stimulus des Immobilienvermögens auf das Haushaltseinkommen
ist definitiv dabei auszulaufen.
Eine Kompensation ist derzeit nicht in Sicht. So ist
selbst am Arbeitsmarkt mittlerweile eine nachlassende
Dynamik bei den Stellenschaffungen, den
Lohnsteigerungen und damit dem Lohnwachstum
insgesamt auszumachen.
Abbildung 4: Die Rahmenbedingungen für das
Konsumwachstum verschlechtern sich …

Quelle: BEA, Fed, BANTLEON BANK AG
Dass sich erst jüngst (im 2. Quartal dieses Jahres)
eine entsprechende Abschwächung beim Konsumwachstum
abzeichnete, obwohl schon im vergangenen
Jahr die privaten Haushalte deutlich weniger
Einkommen aus ihrem Immobilienvermögen extrahieren
konnten, hängt damit zusammen, dass der
private Konsum üblicherweise nur relativ träge auf
Vermögensänderungen reagiert. Die rasant nachlassenden
Steigerungsraten beim Immobilienvermögen
lassen jedoch erkennen, dass eine nachhaltige Verlangsamung des Konsumwachstums inzwischen
überfällig ist (vgl. Abbildung 4).
Die Verschuldungssituation der privaten Haushalte
Neben den ausklingenden Vermögenseffekten sollte
sich auch die hohe Verschuldung künftig als Belastung
für den privaten Verbrauch erweisen. Knapp
20% des verfügbaren Einkommens müssen die US-Bürger
inzwischen für die Bedienung ihrer Schulden-
und Zinslast bzw. sonstiger fixierter Zahlungen
wie z.B. Grundsteuern und Kfz-Leasingraten
aufwenden.
Gleichzeitig wird den Haushalten der Zugang zu
neuen Krediten als Finanzierungsquelle immer öfter
verwehrt. Als Folge der zuletzt deutlich gestiegenen
Zahlungsausfälle (vor allem bei Hypothekenkrediten)
haben die Banken die Kreditvergabestandards
bereits in der ersten Jahreshälfte – und damit noch
vor der jüngsten Krise – spürbar verschärft. Der
Anteil der Institute, die eine Straffung der Konditionen
bei der Immobilienfinanzierung angeben, ist
damit auf ein Niveau gestiegen, das zuletzt im Umfeld
der Rezession Anfang der 90er Jahre erreicht
wurde (vgl. Abbildung 5).
Abbildung 5: … auch weil der Zugang zu
Krediten erschwert wird!

Quelle: MBA, BEA, BANTLEON BANK AG
Inzwischen haben die Institute ihre Vergabe in diesem
Segment noch weiter eingeschränkt, was den
US-Bürgern die Finanzierung ihrer Konsumausgaben
durch eine Ausweitung der Verschuldung zusätzlich
erschweren wird.
Zu beachten ist dabei, dass die Hypothekenkredite
in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den
traditionellen Konsumentenkrediten eine immer
grössere Rolle spielen. Ihr Anteil an der Gesamtverschuldung
der privaten Haushalte ist seit Anfang
dieses Jahrzehnts von rund 65% auf 73% gestiegen,
während die Konsumentenkredite mit 18% nach
23% an Relevanz verloren haben (vgl. Abbildung 6).
Als Folge sind die privaten Haushalte damit noch
stärker von der Verschärfung der Konditionen bei
der Immobilienfinanzierung abhängig als vor wenigen
Jahren. Belastend kommt hinzu, dass die Banken
inzwischen auch die Vergabepraxis bei Konsumentenkrediten
straffen und das Ausweichen in
dieses Segment erschweren.
Abbildung 6: Steigende Abhängigkeit der
US-Bürger von Hypothekenkrediten!

Quelle: Fed, BANTLEON BANK AG
Fazit: Die negativen Folgen des Immobilienbooms
werden die US-Wirtschaft langfristig belasten
Die aktuellen Finanzmarktturbulenzen führen eindrücklich
vor Augen, wie schwerwiegend die negativen
Nachwirkungen sind, die vom Platzen der
Immobilienblase auf die US-Wirtschaft ausstrahlen.
Zwar hatte in den vergangenen Jahren die gestiegene
Verschuldung der privaten Haushalte, verbunden
mit der stärkeren Fokussierung auf Immobilienkredite,
das Wirtschaftswachstum massgeblich
angetrieben. Inzwischen ist diese Phase jedoch zu
einem Ende gekommen und die notwendige Bereinigung
hat begonnen. Die verfügbaren Einkommen
werden künftig deutlich langsamer zulegen und
sich spiegelbildlich in einem geringeren Konsumwachstum
niederschlagen. Der wichtigste Taktgeber
der US-Wirtschaft verliert dadurch an Schwung.
Das Wirtschaftswachstum ist somit aufgrund der
lange Zeit verniedlichten »Altlasten« bis weit ins
nächste Jahr hinein spürbaren Belastungen ausgesetzt.
Die inflationsneutrale Potentialrate (2,75% bis
3,0%) dürfte daher frühestens zum Ende des kommenden
Jahres wieder erreicht werden.
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