Höhenflüge enden meist schmerzhaft …
… manchmal sogar tödlich. Die Ursache ist fast immer die gleiche: grenzenloser Übermut, wie er nach einer langen Erfolgsstrecke zwangsläufig entsteht. Dabei trübt die Euphorie den Blick
für die Risiken und es wächst das Gefühl, selbst im schlechtesten Fall werde es schon nicht allzu schlimm kommen.
Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der jahrelange Boom der globalen Investitionsgüternachfrage, der zwischen 2002 und 2007 für Wachstumsraten in der Weltwirtschaft von 5% und mehr
sorgte. Angeheizt wurde die Nachfrage dabei längst nicht nur von den Infrastrukturinvestitionen in den Schwellenländern. Auch die rasant gewachsenen Bau- und Anlageinvestitionen in
den USA sowie in Europa leisteten hierbei üppige Beiträge.
Abbildung 1: Kredit- und Investitionsnachfrage – zwei Seiten der gleichen Medaille!

Quelle: EZB, Eurostat, BANTLEON BANK AG
Die Kehrseite des Investitionsbooms war eine immense Ausweitung der Kreditnachfrage. Anders als im Technologieboom der 90er Jahre finanzierten die Unternehmen ihre Investitionen
nicht über die Ausgabe von Aktien, sondern
sie nutzten die vergleichsweise niedrigen
Zinsen zur Fremdkapitalbeschaffung (siehe
Abbildung 1). Durch die noch junge Praxis der
Kreditverbriefung war es den Banken möglich,
Kredite schnell an Finanzinvestoren weiterzureichen
und das frei gewordene Eigenkapital
für neue Kredite einzusetzen. Mit der Zeit kam
hierdurch eine Spirale in Gang, die von laxeren
Kreditprüfungsstandards sowie immer grösseren
Eigenkapitalhebelungen auf Seiten der
Banken (Leveraging) zusätzlichen Schwung
erhielt. Auf diese Weise erlebten Investitionen,
Kreditnachfrage und nicht zuletzt die Unternehmensgewinne
einen beispielhaften Höhenflug.
Das Ende ist bekannt. Es kam zu einer Vertrauenskrise,
die den Geld- und Kreditmarkt
lahmlegte und den erfolgsverwöhnten Gross- und
Investmentbanken zum Verhängnis wurde.
Einige Institute mussten Insolvenz anmelden,
viele stehen unter massivem Druck und
fast alle müssen ihre Geschäftsmodelle unter
Revision stellen.
Das Deleveraging und die Zukunft der Kreditexpansion
So werden die Kreditvergabestandards seit
Mitte 2007 massiv verschärft. Strengere Prüfungsrichtlinien,
höhere Risikomargen, kürzere
Laufzeiten und eine stärkere Besicherung sind
die Folge. Einer wachsenden Zahl von Banken
reicht indes auch das nicht, sie ziehen sich
gänzlich aus dem Kredit- bzw. dem Hypothekengeschäft
zurück. Hinzu kommen Pläne von
regulatorischer Seite, die darauf abzielen, eine
Wiederholung der Krise zu verhindern. Beispielsweise
denkt die EU-Kommission darüber
nach, künftig spezielle Eigenkapitalobergrenzen
für den Erwerb von verbrieften Krediten
vorzuschreiben. Gleichzeitig verordnete die
Eidgenössische Bankenkommission den
Schweizer Grossbanken eine generelle Höchstgrenze
für das Leveraging des Eigenkapitals.
Es führt daher kein Weg daran vorbei, dass die
Risikoneigung der Banken – wie der Finanzmarktinvestoren
insgesamt – künftig deutlich
weniger aggressiv sein wird als in der Vergangenheit.
Die Risikoaufschläge für Kreditprodukte
bleiben somit hoch oder werden sogar
noch weiter steigen.
Während dies für die Sanierung der Bankbilanzen
einen unvermeidlichen Schritt in die
richtige Richtung bedeutet, fangen damit für
den Rest der Wirtschaft die Probleme erst an.
Abbildung 2 zeigt, dass straffere Finanzierungskonditionen,
wie sie z.B. in höheren Risikoaufschlägen
zum Ausdruck kommen, eine
ausserordentlich hohe Korrelation zur Kreditnachfrage
aufweisen – allerdings mit einem
grossen Vorlauf von bis zu zwei Jahren!
Abbildung 2: Höhere Risikoaufschläge kündigen ein schwächeres Kreditgeschäft an!

Quelle: EZB, Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Wie ist diese lange Verzögerung zu erklären?
Zum einen können die Banken die Kreditvergabestandards
nur im Neugeschäft straffen,
bestehende Kredite oder Kreditzusagen fallen
in aller Regel unter einen Bestandsschutz.
Zum anderen hängt das Kreditwachstum natürlich
nicht unwesentlich von der Nachfrageseite
und damit vom Konjunkturzyklus ab.
Während die Konsumenten ausgesprochen
schnell auf straffere Konditionen reagieren,
liegt die Schmerzgrenze bei den Unternehmen,
die in aller Regel grosse Teile des Produktionsprozesses
über Zwischenfinanzierungen »absichern« müssen, sehr viel höher.
Wie Abbildung 2 eindrücklich unterstreicht,
sollte die Karenzzeit sowohl auf der Angebots wie
der Nachfrageseite mittlerweile definitiv
abgelaufen sein. Während die Risikoaversion
an den Kapitalmärkten gemessen an den Creditspreads
bereits seit Ende 2005 sukzessive
zunimmt (und Mitte 2008 einen vorläufigen
Höhepunkt erreichte), hat das Kreditwachstum
im Einklang mit der üblichen Wirkungsverzögerung
erst im Herbst 2007 eine Wende nach
unten vollzogen.
Der Abkühlungsprozess im
Kreditgeschäft befindet sich somit in einem
ausgesprochen frühen Stadium und sollte
sich bis weit ins Jahr 2010 hinein fortsetzen!
Investitionen und Beschäftigung stehen am Beginn einer mehrjährigen Korrektur
Damit aber nicht genug: Das schwächere Kreditwachstum
bleibt nicht folgenlos für die Investitionstätigkeit.
Und das zur Unzeit. Denn
die Unternehmen haben unter einer massiven
Aufblähung der Produktionskosten zu leiden.
Rekordpreise für Energie und Rohstoffe im
Verbund mit höheren Arbeitskosten fordern
hier ihren Tribut und restringieren bereits unübersehbar
die Gewinnmargen.
Abbildung 3: Auch die Investitionen reagieren allergisch auf höhere Creditspreads!

Quelle: EZB, Eurostat, BANTLEON BANK AG
Wenn die Banken in diesem Umfeld die Kreditgewährung
einschränken, geraten die Unternehmen
gleich von zwei Seiten in die Zange.
Die naheliegende Reaktion besteht dann in
aller Regel darin, die Investitionspläne auf Eis
zu legen (siehe Abbildung 3).
Angesichts der einbrechenden Auftragseingänge
in der Industrie und bei den
Dienstleistern dürfte es dabei aber nicht bleiben.
Vielmehr ist davon auszugehen, dass die
Sparbemühungen auf weitere Bereiche ausgedehnt
werden. Erst werden Einstellungsstopps
verhängt, reicht auch das nicht aus, werden
Arbeitsplätze abgebaut. So beginnt die Arbeitslosenquote
in aller Regel ca. 5 bis 6 Quartale
nach Durchschreiten des Investitionsgipfels zu
steigen (siehe Abbildung 4).
Bezogen auf die Eurozone wurde der Höhepunkt
in den Investitionen im 1. Quartal 2007
durchschritten. Fast punktgenau 5 Quartale
später (Q2/2008) ist bereits eine Bodenbildung
in der Arbeitslosenquote zu beobachten. Hier
schlägt sich der rasante Stellenabbau in den
südeuropäischen Staaten nieder (v.a. Spanien),
der die (noch) robusten Stellenschaffungen in
Deutschland kompensiert. Spätestens im
Herbst dieses Jahres sollten jedoch auch in
Deutschland die Kräfte erlahmen und die EUR-Arbeitslosenquote
dreht nach oben.
Dabei handelt es sich voraussichtlich nicht nur
um eine kurze Korrekturbewegung. Nach
Massgabe der historischen Wirkungszusammenhänge
wird der Aufwärtstrend vielmehr
drei bis vier Jahre (!) anhalten: 2 Jahre, von
Mitte 2008 an gerechnet, belastet die Risikoaversion
die Investitionen (siehe Abbildung 2),
weitere ca. eineinhalb Jahre vergehen gemäss
Abbildung 4, bis die nächste Investitionsbelebung
positiv auf den Arbeitsmarkt durchschlägt!
Damit ist bereits jetzt eine bis Ende
2011/Anfang 2012 dauernde Eintrübung am
Arbeitsmarkt vorgezeichnet!
Abbildung 4: Schwächere Investitionen hinterlassen ihre Spuren auf dem Arbeitsmarkt!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Diese Einschätzung steht in vollkommenem
Gegensatz zur Auffassung der EZB oder auch
des Consensus. Dort herrscht noch immer die
Meinung vor, die Eurozone könne ihren »Superzyklus« nach einer kurzen Unterbrechung
im nächsten Jahr wieder aufnehmen.
Unsere
Analysen zeigen hingegen, dass die Eurozone
nicht nur vor einer zyklischen Verlangsamung
des Expansionstempos steht, vielmehr
ist der mehrjährige Höhenflug vorbei – und
zwar endgültig! Es besteht sogar die Gefahr,
dass die nachlassende Kredit- und Investitionsnachfrage
in eine regelrechte Abwärtsspirale
mündet, an deren Ende eine schmerzhafte
Rezession steht!
Fazit
Während die Öffentlichkeit mit grosser Sorge
auf die Probleme im Finanzsektor blickt und
die Politik diesseits und jenseits des Atlantiks
alles daransetzt, eine Bankenkrise zu verhindern,
breitet sich als Nebenwirkung der Therapiebemühungen
bereits der nächste Gefahrenherd
für die konjunkturellen Perspektiven aus.
Die Reparatur der Bilanzen des Bankensystems
wird eine markante und vor allem mehrjährige
Verlangsamung des Kreditwachstums nach
sich ziehen. In der Folge wird sich die Gewinndynamik
im Finanzsektor und in der Realwirtschaft
massiv abschwächen. Damit führt
das Deleveraging der Bankbilanzen zwangsläufig
zu einem Deleveraging des Trendwachstums
– dies gilt für die Eurozone genauso wie
für die Weltwirtschaft insgesamt.
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