Das Kreditparadoxon in der Eurozone
Die vom US-Hypothekenmarkt ausgehende Finanzmarktkrise hat nicht nur in der amerikanischen,
sondern auch in der europäischen Bankenwelt tiefe Spuren hinterlassen. So mussten die
Kreditinstitute der Eurozone allein in den letzten beiden Quartalen Abschreibungen in Höhe von
mehr als 50 Mrd. EUR auf ihre Anleihen- und Kreditbestände vornehmen. Daneben haben sich
seit Beginn der Spannungen die Refinanzierungskosten erheblich verteuert. Der Kapitalmarkt
fordert mittlerweile selbst von Banken erstklassiger Bonität Risikoaufschläge von über 150 Bp im
Vergleich zu grossen europäischen Staaten – vor der Krise waren es gerade einmal 20 Bp. Schliesslich
sind den Investmentbanken einige zuvor äusserst lukrative Geschäftsfelder (fremdkapitalfinanzierte
Unternehmensübernahmen) mit einem Schlag verloren gegangen.
Abb. 1: Kreditboom trotz Finanzmarktkrise!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Vor diesem Hintergrund liegt es eigentlich auf der
Hand, dass der Kreditboom der vergangenen Jahre
zu Ende geht. Vielfach wurde sogar darüber spekuliert,
dass es zu einer Kreditklemme kommen
könnte und somit die negativen Folgen der Finanzmarktkrise
über den Umweg des Bankensektors
verstärkt würden. Die Statistik der Europäischen
Zentralbank (EZB) erzählt jedoch eine andere
Geschichte. Demnach hat die Dynamik der von
Banken vergebenen Unternehmenskredite seit dem
vergangenen Sommer sogar zugenommen. Lag die
Wachstumsrate im Juni 2007 noch bei 13,3%, ist sie
bis Februar 2008 sukzessive auf 14,8% geklettert, den mit Abstand höchsten Wert seit Beginn der
Währungsunion (vgl. Abb. 1).
Dementsprechend folgert die EZB in ihrem jüngsten
Monatsbericht: »Das starke Wachstum der Kreditvergabe
an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften lässt
den Schluss zu, dass das Angebot an Bankkrediten für
Unternehmen im Euroraum bisher nicht wesentlich von
den Finanzmarktunruhen beeinträchtigt worden ist.«
Auch aus anderen Verlautbarungen der Notenbank
geht hervor, dass sie die Gefahr einer Kreditklemme
als vergleichsweise gering ansieht.
Handelt es sich dabei um eine voreilig optimistische
Schlussfolgerung? Nachfolgend sollen die
wahren Gründe für die zuletzt anziehende Kreditdynamik
in Erfahrung gebracht werden.
Heizte Reintermediation das Kreditwachstum an?
Eine erste Vermutung zur Erklärung des anziehenden
Kreditwachstums besteht darin, dass sich viele
Banken gezwungen sehen, zuvor »ausgelagerte«
Kredite wieder auf die eigenen Bücher zu nehmen
(Reintermediation). In den vergangenen Jahren war
es zusehends in Mode gekommen, Kreditpakete zu
verbriefen und auf eigens dafür geschaffene
Zweckgesellschaften zu übertragen. Diese »Conduits« oder »Structured Investment Vehicles (SVIs)« sind jedoch im Zuge der Finanzmarktkrise in
erhebliche Refinanzierungsschwierigkeiten geraten,
weshalb ihnen ihre »Gründer« bis zum heutigen
Tag unter die Arme greifen müssen.
Dies geschieht jedoch offenbar weniger durch die
Rückübertragung der Kredite – nach Schätzung der
EZB ist das Volumen der in der Eurozone verbrieften
Kredite zuletzt kaum kleiner geworden. Stattdessen
versuchen sich die Zweckgesellschaften auf
anderem Wege aus der Liquiditätsklemme zu
befreien: Zum einen indem sie Schuldverschreibungen
emittieren, die primär von ihren Mutterinstituten
aufgekauft werden. Dementsprechend ist
das Anleihenportefeuille (ohne Staats- und Bankschuldverschreibungen)
der Banken seit Mitte
letzten Jahres um fast 50% gewachsen (vgl. Abb. 2).
Abb. 2: Die Banken müssen ihre Verbriefungsgesellschaften über mehrere Kanäle refinanzieren!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Zum anderen nehmen die Verbriefungsgesellschaften
verstärkt Kreditlinien ihrer Muttergesellschaften
in Anspruch. Diese Ausleihungen werden aber
von der EZB separat unter der Rubrik »Bankkredite
an Sonstige Finanzinstitute« (SFIs) erfasst (vgl.
Abb. 2). Die Zuwachsrate der Unternehmenskredite
erhöht sich dadurch nicht. Die Liquiditätsschwierigkeiten
der Conduits und SVIs liefern
folglich keine stichhaltige Erklärung für den jüngsten
Boom der Bankkredite an Unternehmen.
Hat die Kreditnachfrage zugenommen?
Wenn keine Sondereffekte am Werk sind, können
dann nachfrageseitige Faktoren einen Beitrag zur
Aufklärung leisten? Um dieser Frage nachzugehen,
ist ein Blick auf die länderspezifische Aufteilung
des Kreditwachstums hilfreich (hierzu sind aber
erst Daten seit 2003 verfügbar). Dabei wird deutlich,
dass innerhalb der Währungsunion keineswegs
eine einheitliche Entwicklung vorherrscht
(vgl. Abb. 3). So flaut das spanische Kreditwachstum
entgegen dem Trend seit Anfang 2007 ab. Zu
einer spürbaren Belebung kam es hingegen in
Deutschland, während in Frankreich nur ein
flacher Aufwärtstrend und in Italien eine Seitwärtsbewegung
beobachtbar ist.
Abb. 3: Unterschiedliche Trends im Kreditgeschäft …

Quelle: Nationale Notenbanken, BANTLEON BANK AG
Dieses Verlaufsmuster deckt sich in groben Zügen
mit den verschiedenen Investitionszyklen der
Mitgliedsländer (vgl. Abb. 4). Während in Spanien
der Investitionsboom bereits Ende 2006 seinen
Höhepunkt durchschritten hat, gewann er in Deutschland zum Jahresende 2007 nochmals an
Schwung – nicht zuletzt als Folge der Vorzieheffekte
im Zusammenhang mit der Abschaffung der
degressiven Abschreibung.
Abb. 4: … und der Investitionsdynamik!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Nachfrageseitige Faktoren können somit die Erholung
der Kreditnachfrage in Deutschland erklären.
Sowohl der massive Sprung in der deutschen
Kreditstatistik als auch die Belebung des Kreditgeschäfts
in der Eurozone insgesamt bleiben dennoch
rätselhaft – per saldo war der konjunkturelle Trend
in der Eurozone im Jahr 2007 abwärts gerichtet, die
realwirtschaftlich fundierte Nachfrage nach Unternehmenskrediten
dementsprechend rückläufig.
Dies spiegelt sich auch in der vierteljährlichen
Bankenumfrage der EZB (»Bank Lending Survey«)
wider. Die Mehrheit der dabei befragten Banken
berichtete im Januar 2008 über eine schwindende
Nachfrage nach Investitionskrediten.
Handelt es sich um eine Ausweichreaktion?
Auch wenn der realwirtschaftliche Finanzierungsbedarf
insgesamt nicht zugenommen hat, könnte
eine Verschiebung innerhalb der Finanzierungsstruktur
eine Mehrnachfrage nach Bankkrediten
ausgelöst haben. Wie oben bereits erwähnt, kam es
als unmittelbare Folge der Finanzmarktturbulenzen
an den Kapitalmärkten zu einer Ausweitung
der Risikoprämien, unter der nicht nur Banken,
sondern auch Unternehmen leiden. Für Firmen mit
schwacher Bonität ist es seitdem zum Teil unmöglich,
Anleihen am Kapitalmarkt zu platzieren. Dies
hat entsprechende Auswirkungen auf das Emissionsvolumen
von Unternehmensanleihen. Nach
Angaben der EZB sank der Bruttoabsatz langfristiger
Unternehmensanleihen der Eurozone im
August 2007 vorübergehend auf 1 Mrd. EUR,
nachdem es zuvor noch monatlich über 10 Mrd.
EUR waren. Auch danach blieb die Emissionstätigkeit
verhalten: Der gleitende 6-Monatsdurchschnitt
sank im Januar 2008 auf 5 Mrd. EUR (vgl. Abb. 5).
Die Unternehmen mussten daher andere Finanzierungsquellen
ausfindig machen. Dabei lag es auf
der Hand, bereits vereinbarte Kreditlinien in
Anspruch zu nehmen. Solche Kreditzusagen
wurden im Vorfeld der Finanzkrise von den Banken bereitwillig eingeräumt. Vor allem Grosskonzerne
hatten sich entsprechende Liquiditätspolster
unter Mitwirkung mehrerer Gläubiger einräumen
lassen. Nach Angaben von Loanware, das hierüber
Statistiken führt, stieg das Volumen der syndizierten
Euro-Kreditfazilitäten (90% davon entfallen
auf Unternehmen der Eurozone) im ersten Halbjahr
2007 auf durchschnittlich 65 Mrd. EUR im
Monat.
Abb. 5: Die langfristige Verschuldung über den Kapitalmarkt hat abgenommen!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Auf eine verstärkte Inanspruchnahme von vorhandenen
Kreditlinien deutet auch die Struktur der
jüngsten Beschleunigung im Kreditwachstum.
Demnach weisen die Ausleihungen mit einer
Vertragsdauer von 1 bis 5 Jahren die stärksten
Zuwachsraten auf (22,6%). Genau in diesem »mittleren
« Laufzeitbereich ist auch ein Grossteil der
Vereinbarungen über Kreditfazilitäten angesiedelt.
Dass dabei noch andere Motive als die reine Liquiditätsnot
eine Rolle gespielt haben, zeigt das prominente
Beispiel der Porsche AG. Der Sportwagenhersteller
gab im Februar 2008 bekannt, eine Anfang
2007 ausgehandelte Kreditlinie über 10 Mrd.
EUR voll auszunutzen. Die entsprechende Geldsumme
wurde aber nicht in Realanlagen investiert,
sondern höher verzinslich am Geldmarkt angelegt.
Das Kreditangebot ist bereits reduziert worden!
Fasst man die obige Diskussion zusammen, so
spiegeln sich in der beschleunigten Kreditdynamik
zum einen die letzen Ausläufer des Aufschwungs
in Deutschland wider – der Boom sorgte am Jahresende
2007 nochmals für eine gesteigerte Nachfrage
nach Investitionsdarlehen. Zum anderen
handelt es sich aber vor allem um eine Ausweichreaktion
der Unternehmen, die zur Liquiditätssicherung
lieber auf bestehende Kreditlinien zurückgreifen,
als sich am Kapitalmarkt zu verschulden.
Angesichts dessen spricht vieles für ein lediglich
temporäres Hoch am Kreditmarkt, wofür neben
der abnehmenden Investitionsdynamik insbesondere
zwei Gründe massgeblich sind:
Erstens haben die Kreditinstitute als Reaktion auf
die Finanzmarktkrise ihre Konditionen drastisch verschärft, was die »Bank Lending Survey« der EZB
nachdrücklich belegt. Demnach kam der seit Jahren
anhaltende Trend zur Lockerung der Kreditrichtlinien
im zweiten Halbjahr 2007 abrupt zum Stillstand.
Stattdessen gaben zuletzt fast 50% der
Banken an, dass sie ihre Konditionen leicht oder
deutlich verschärft hätten. Dabei wurde die gesamte
Palette an Massnahmen – Ausweitung der
Margen, kürzere Laufzeiten, höhere Sicherheitsanforderungen
– aufgezählt. Ein solcher Umschwung
in den Kreditvergaberichtlinien wird sich zwangsläufig
im Kreditwachstum bemerkbar machen.
Erfahrungsgemäss dauert es jedoch mindestens ein
Jahr, bis die dämpfenden Impulse zur vollen
Geltung kommen.
Zweitens haben die Banken insofern auf die Finanzmarktturbulenzen
reagiert, als sie auslaufende
Kreditfaziltäten vielfach nicht mehr revolviert
haben und sich generell beim Neugeschäft zurückhielten.
Dementsprechend sank gemäss Loanware
der Dreimonatsdurchschnitt der neu vereinbarten
Euro-Kreditfazilitäten im 1. Quartal 2008 auf 15
Mrd. EUR pro Monat, was zugleich den tiefsten
Stand seit 2001 und weniger als ein Viertel des
Vorjahresvolumens darstellt. Der damit verbundene
abnehmende Liquiditätsspielraum der Unternehmen
wird sich in den nächsten Quartalen
ebenfalls in einer Verlangsamung des Kreditwachstums
niederschlagen.
Fazit: Die Finanzmarktstörungen haben bereits
negative Spuren an den Kreditmärkten der Eurozone
hinterlassen. Dabei sollte man sich vom
aktuell hohen Kreditwachstum nicht in die Irre
führen lassen. Letzteres stellt primär eine kurzfristige
Ausweichreaktion der Unternehmen dar: Sie
greifen auf Kreditlinien zurück, die noch aus den
Zeiten vor den Finanzmarktturbulenzen herrühren.
Auslaufende Agreements werden hingegen nur
noch zu verschärften Zinskonditionen verlängert,
wobei kürzere Laufzeiten und reduzierte Volumina
vereinbart werden.
Für uns steht damit fest, dass sich das Kreditwachstum
im weiteren Jahresverlauf spürbar
zurückbilden wird – auch weil die Banken ihr
Angebot bewusst einschränken. Kleinere Mittelständler
guter Bonität dürften darunter zwar
kaum leiden. Im Gegensatz zu den letzten Jahren
werden es jedoch grössere Finanzierungsprojekte
schwer haben, an Fremdkapital zu gelangen.
Demzufolge trägt die Finanzmarktkrise über die
langfristige Schwächung des Kreditmarkts sehr
wohl zur Verstärkung des zyklischen Abschwungs
in den Jahren 2008 und 2009 bei. Die
optimistische Sicht der EZB können wir in dieser
Hinsicht nicht teilen.
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