Die EZB sieht sich als zu expansiv!
Die EZB hat seit Ende 2005 die Leitzinsen um
125 Bp erhöht, mit einem weiteren Schritt um
25 Bp am 7. Dezember wird fest gerechnet.
Innerhalb eines Jahres hätte die Notenbank
damit das Leitzinsniveau um 75% angehoben.
Trotz dieser erheblichen monetären Straffung
sind jedoch auf den ersten Blick kaum geldpolitische
Bremsspuren sichtbar.
Im Gegenteil, die Ausweitung der Geldmenge
hat zuletzt sogar wieder zugenommen – mit
8,5% liegt die Wachstumsrate von M3 beträchtlich
über den Zielvorstellungen der
Währungshüter. Gleiches gilt für das Kreditwachstum,
dessen Raten unverändert im
zweistelligen Bereich verharren.
Diese Entwicklung scheint den Falken im
EZB-Rat recht zu geben, welche die gegenwärtige
Geldpolitik immer noch als »sehr
akkommodierend« bezeichnen und daher
weitere Leitzinserhöhungen in Richtung
4,00% fordern. Alles andere sei angesichts der
aktuell lebhaften Konjunktur- und Geldmengenentwicklung
fahrlässig und würde unnötige
Inflationsrisiken provozieren.
M1 zeigt bereits die geldpolitische Wende an!
Stimmt es aber tatsächlich, dass von den
bisherigen Leitzinserhöhungen der EZB keine
bzw. kaum restriktive Wirkungen ausgehen?
Ein Blick in die Details der Geldmengen- und
Kreditstatistik widerspricht dieser These!
So zeigte sich zwar M3 zuletzt gegenüber den
Zinsanhebungen immun, das Expansionstempo
der liquidesten Geldmengenbestandteile
(Bargeld und Sichteinlagen = M1) hat
jedoch bereits spürbar nachgelassen: Die
Wachstumsrate von M1 fiel von 11,4% im
Dezember 2005 auf 7,1% im September 2006 –
»Geld« im engeren Sinne hat folglich bereits
merklich an Attraktivität verloren.
Eine solch asymmetrische Entwicklung von
M1 und M3 ist keine Seltenheit. Auch im
Rahmen der letzten Restriktionsphase
(1999/2000) verlangsamte sich die Wachstumsdynamik
von M1 rascher als von M3.
Das gleiche Phänomen war bereits in den
1990er Jahren unter der Führung der Deutschen
Bundesbank beobachtbar: Sowohl in
Zinssenkungs- als auch Zinserhöhungshasen
reagierte M1 schneller auf eine geldpolitische
Wende als M3. Zur Abschätzung des aktuellen
geldpolitischen Kurses eignet sich daher
das enge Geldmengenaggregat besser. Abb. 1
veranschaulicht den hohen Gleichlauf von
Leitzinsen und M1-Wachstum.
Abb. 1: M1 spiegelt die geldpolitischen Kurswechsel
meist unmittelbar wider!

Quelle: Deutsche Bundesbank, EZB, BANTLEON BANK AG
Grund für die oftmals träge Reaktion von M3
sind Umschichtungen innerhalb des breit
gefassten Geldmengenaggregats. Bei steigenden
Zinsen werden zunächst Sichteinlagen
durch Termineinlagen ersetzt – die gegenläufigen
Entwicklungen kompensieren sich. Erst
wenn alle Anleger den Leitzinsgipfel klar vor
Augen haben, fliessen Gelder verstärkt an den
Kapitalmarkt ab und dämpfen das M3-Wachstum.
Wir gehen davon aus, dass dies in den kommenden
Monaten der Fall sein wird und
daher ein Rückgang der Wachstumsrate von
M3 – auch ohne weitere Leitzinserhöhungen –
vorprogrammiert ist.
Unternehmenskredite vorerst noch dynamisch!
Darüber hinaus dürfte die Kreditschöpfung
der Banken in den nächsten Monaten an
Dynamik verlieren, womit der wesentliche
Motor der Liquiditätsschwemme ins Stocken
geraten würde. Erste Anzeichen für eine
nachlassende Kreditnachfrage gibt es bereits.
Es kommt aber auch hier – wie bei der Geldmenge
– darauf an, das richtige Segment des
Kreditgeschäfts zu betrachten.
Die Unternehmenskredite expandierten bis
zuletzt lebhaft, woran sich kurzfristig auch
nichts ändern wird. Als typischer Spätindikator
läuft die Kreditentwicklung im Unternehmenssektor
der Konjunktur um etwa zwei
Quartale hinterher. Wir hatten daher bereits
zu Jahresbeginn prognostiziert, dass die
anstehende Belebung im Firmenkreditgeschäft
mindestens bis zum Jahresende anhalten
würde (vgl. »Die Wende im Kreditgeschäft
ist vollzogen« vom 7. Februar 2006).
Firmenkredite sind folglich kein guter Frühindikator
zur Beurteilung des geldpolitischen
Restriktionsgrades.
Wohnungsbaukredite reagieren jedoch bereits
auf restriktivere Geldpolitik!
Anders sieht es hingegen bei Wohnungsbaukrediten
aus. Auf einigen europäischen Immobilienmärkten
(Spanien, Irland, Frankreich)
galt die Situation bereits vor Beginn des
Zinserhöhungszyklus als angespannt. Zahlreiche
Indikatoren deuteten auf regionale
Überbewertungen und einen wachsenden
Verschuldungsgrad der Privathaushalte hin.
Es war daher von vornherein klar, dass Hypothekenkredite
am sensibelsten auf die Leitzinserhöhungen
der EZB reagieren und sich
als erstes dort das restriktivere Vorgehen der
Geldpolitik zeigen würden.
Tatsächlich ist die Wachstumsrate privater
Immobilienkredite bereits von knapp 14,0%
im 1. Quartal 2006 auf 11,5% im 3. Vierteljahr
2006 zurückgegangen (vgl. Abb. 2). Dass
dahinter mehr steckt als eine vorübergehende
Delle, zeigt die Umfrage zum Kreditgeschäft
im Euroraum (»Bank Lending-Survey«), die
vierteljährlich von der EZB durchgeführt
wird.
Abb. 2: Der Abwärtstrend bei Wohnungsbaukrediten
hat eingesetzt!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Bereits im ersten Halbjahr liessen die Auskünfte
der Banken auf eine deutlich abflauende
Dynamik bei Hypothekenkrediten schliessen.
Die aktuelle Umfrage vom Oktober geht
aber noch darüber hinaus. Mittlerweile ist
nicht mehr nur von rückläufigen Zuwachsraten,
sondern sogar von einem schrumpfenden
Marktvolumen die Rede.
Entsprechend sank der Saldo aus den positiven
und negativen Antworten zur Kreditnachfrage
auf –6 (nach +4) und damit erstmals
seit Beginn der Erhebung (Januar 2003) unter
null. Noch Anfang 2006 lag der Umfragewert
bei +45 und spiegelte damit den Höhepunkt
des Booms bei Immobilienkrediten wider
(vgl. Abb. 2).
Wir sehen in der abflauenden Nachfrage nach
Wohnungsbaukrediten den ersten handfesten
Beleg dafür, dass die monetäre Straffung in
der Realwirtschaft zu wirken beginnt. In den
kommenden Monaten wird sich die restriktivere
Geldpolitik auch unmittelbar in den
Baudaten niederschlagen.
Abb. 3: Der Zinserhöhungszyklus erreicht die
Realwirtschaft!

Quelle: Banco de España, BANTLEON BANK AG
Beispielhaft sei hierfür auf die Situation in
Spanien verwiesen. Seit Anfang dieses Jahres
sind die spanischen Hypothekenzinsen als
Reaktion auf die EZB-Zinspolitik von 3,2%
auf 4,5% angestiegen. Abb. 3 zeigt, dass es in
der Regel drei Quartale dauert, bis sich ein
solcher »Zinsschock« in den Bauaktivitäten
bemerkbar macht.
Dazu wird auch eine noch konsequentere
Weiterleitung der Leitzinserhöhungen durch
die Banken beitragen. Laut Kreditumfrage
sehen die Finanzinstitute die Perspektiven am
Immobilienmarkt mittlerweile wesentlich
kritischer. Bislang hat allein der intensive
Wettbewerb unter den Banken die Durchsetzung
strengerer Kreditrichtlinien oder grössere
Risikozuschläge gegenüber den Kunden
verhindert. Mit fortschreitender Eintrübung
am Immobilienmarkt wird dieses Argument
jedoch in den Hintergrund treten.
Die restriktiven Impulse werden 2007 zur
vollen Geltung kommen!
Angesichts des geldpolitischen »Time-Lags«
sollte es nicht verwundern, dass Spuren der
restriktiveren Geldpolitik bislang noch rar
sind. Alle empirischen Studien zur Länge und
Stärke monetärer Übertragungswege kommen
zu dem Ergebnis, dass sich Zinsimpulse der
Notenbanken frühestens nach zwölf Monaten
in der Realwirtschaft bemerkbar machen und
der eigentliche Höhepunkt erst nach eineinhalb
bis zwei Jahren eintritt.
Diese Erkenntnisse wurden von der EZB in
einer umfangreichen Forschungsstudie aus
dem Jahr 2001 (vgl. EZB Monatsbericht Oktober
2002) für den Euroraum bestätigt. Die
Notenbank kommt dabei zu dem Schluss,
dass eine Leitzinserhöhung um 100 Bp das
reale BIP-Wachstum nach zwei Jahren um
0,4%- bis 0,7%-Punkte abschwächt.
Das Ergebnis gilt dabei unabhängig von der
Höhe des Leitzinsniveaus im Ausgangspunkt.
Insofern greift der Einwand zu kurz, der
EZB-Hauptrefinanzierungssatz sei mit 3,50% im
historischen Vergleich immer noch niedrig.
Entscheidend für die Wirkung eines geldpolitischen
Impulses ist allein das Ausmass der
Leitzinsveränderung.
Zur Veranschaulichung sei hierzu nochmals
auf Abb. 3 verwiesen. Sowohl 1994/1995 als
auch 1999/2000 sind die spanischen Hypothekenzinsen
um etwa 150 Bp (im Vorjahresvergleich)
angestiegen. In beiden Fällen resultierte
daraus ein Jahr später der gleiche realwirtschaftliche
Effekt: Die Bauaktivität sank
um ca. 20% und dies obwohl die Zinsniveaus
im Ausgangspunkt völlig unterschiedlich
waren (10,0% bzw. 4,5%). Auch im gegenwärtigen
Umfeld wird der von der EZB induzierte
Zinsanstieg daher nicht folgenlos bleiben.
Fazit: Jenseits von M3 liefern die Geldmengen-
und Kreditdaten klare Indizien, dass
die Zinserhöhungspolitik der EZB zu wirken
beginnt und ein Überspringen auf die
Realwirtschaft unmittelbar bevorsteht.
Wird die obige EZB-Analyse als Grundlage
genommen, so dürfte die Anhebung des
Refisatzes um 150 Bp das BIP-Wachstum im
kommenden Jahr um bis zu 1,0%-Punkte
dämpfen. Zusammen mit der restriktiveren
Fiskalpolitik in Deutschland und Italien, der
nachlassenden Welthandelsdynamik und
den rückläufigen Vermögenseffekten kommen
somit immense Belastungsfaktoren auf
die europäische Konjunktur zu. Dies wird
Rufe nach weiteren Leitzinserhöhungen im
EZB-Rat schon bald verstummen lassen. Wir
rechnen daher im Jahr 2007 mit keiner weiteren
monetären Straffung, sondern einem
konstanten Leitzinsniveau von 3,50%.
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