Der nächste US-Leitzinserhöhungszyklus wird noch lange auf sich warten lassen
Nicht nur die EZB, auch die US-Notenbankvertreter haben in den
vergangenen Tagen keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Inflationssorgen in
den Vordergrund zu stellen. Den Anfang machte vor zwei Wochen der
Fed-Präsident, Ben Bernanke, als er betonte, die Währungshüter würden in
Anbetracht der weiter steigenden Energiepreise »einem Ausbrechen der
Inflationserwartungen nachdrücklich entgegentreten«. Gleichzeitig vertrat
er die Auffassung, die akuten Rezessionsgefahren hätten – trotz des
Rekordanstiegs der Arbeitslosenquote im Mai – zuletzt abgenommen.
An den Rentenmärkten liessen die Reaktionen nicht lange auf sich warten.
Die Äusserungen Bernankes trieben die Leitzinserwartungen markant in
die Höhe. Nach Massgabe der Geldterminmärkte wird der
Offenmarktausschuss den Tagesgeldsatz spätestens im Herbst anheben
und im Laufe der kommenden zwölf Monate um insgesamt 150 Bp auf
3,50% erhöhen.
Überraschend war an den Ausführungen Bernankes neben dem
Konjunkturoptimismus vor allem die enge Verknüpfung künftiger
geldpolitischer Massnahmen mit der weiteren Entwicklung der
Inflationserwartungen. Die Orientierung der Notenbank an den
Inflationserwartungen ist zwar im Grunde nichts Neues. In der aktuellen
Situation wirkt sie jedoch wie eine Art Selbstbindung. Wenn die
Energiepreise – sei es nur spekulationsgetrieben – weiter steigen und damit
die Inflationserwartungen nochmals in die Höhe treiben, kann die Fedgar
nicht mehr anders, als die Leitzinsen unmittelbar anzuheben. Andernfalls
würde sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. In gewisser Weise liefert
sich die Notenbank damit dem Geschehen an den Energiemärkten aus.
Der zweite Punkt in Bernankes Ausführungen – seine Einschätzung, die
akuten Konjunkturrisiken hätten abgenommen – erstaunt insofern, als die
mittelfristigen Gefahren für die Konjunkturdynamik dabei in den
Hintergrund gedrängt werden. Zwar scheinen die Steuerschecks ein
Schrumpfen der US-Wirtschaft im laufenden Quartal zu verhindern.
Wegen des temporären Charakters dieses Stimulus muss jedoch davon
ausgegangen werden, dass auf diesen Impuls in den nächsten Quartalen
eine Gegenbewegung folgt. Gleichzeitig nehmen die fundamentalen
Belastungen für die US-Wirtschaft weiter zu: Die Vermögen der privaten
Haushalte sinken, die Lasten aus der Rekordverschuldung werden immer
grösser und zu allem Übel hat am Arbeitsmarkt ein nachhaltiger
Abschwung eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund werten wir den derzeit von den Finanzmärkten
eskomptierten Leitzinserhöhungszyklus als keine realistische Option. Zwar
kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Notenbank als Reaktion auf
energiepreisgetriebene Inflationserwartungen einen kleinen Teil (ein oder
zwei 25 Bp-Schritte) der umfangreichen Zinssenkungen der letzten
Quartale zurücknehmen muss Aber selbst darin sehen wir nur ein
Risikoszenario. In unserem Hauptszenario gehen wir bis weit ins nächste
Jahr hinein von einem unveränderten Tagesgeldsatz aus, da die
Konjunkturrisiken nach dem Abebben des fiskalischen Stimulus wieder
deutlich stärker in den Vordergrund treten sollten. Der Ausblick für die
US-Rentenmärkte hellt sich entsprechend auf und damit auch die
Perspektiven für die europäischen Pendants.
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