Die EZB zeichnet in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick ein rosiges Bild:
Gestützt auf eine robuste Welthandelsdynamik sowie eine gefestigte
Investitions- und Konsumgüternachfrage innerhalb der Währungsunion
soll das Wachstum nicht nur im Jahr 2006 (2,7%), sondern auch 2007 (2,1%)
und 2008 (2,3%) über dem langfristigen Trend (knapp unter 2,0%)
verharren. Gleichzeitig gehen die Währungshüter davon aus, dass der
Aufwärtstrend in der Inflationsrate gestoppt ist. Bereits 2007 werde die
Teuerung »nur« noch 2,0% betragen, um im Folgejahr mit 1,9% wieder im
Einklang mit dem Stabilitätsziel der EZB zu stehen. Nach den Worten Jean-
Claude Trichets sind diese Perspektiven indes kein Grund, sich entspannt
zurückzulehnen. Vielmehr berge das nach wie vor zu hohe Liquiditätswachstum
die Gefahr eines dauerhaften Inflationsschubes, so dass die
Geldpolitik »sehr wachsam« bleiben müsse.
Die Anleihenmärkte reagierten auf die Aussagen des EZB-Präsidenten mit
Kursverlusten – schliesslich war die Bekundung einer »wachsamen
Geldpolitik« in den letzten 12 Monaten stets als Vorbereitung des jeweils
nächsten Zinsschritts zu werten. Aus den impliziten Renditen der
Geldterminfutures lässt sich ablesen, dass die Investoren noch im Verlauf
des 1. Quartals 2007 mit einer Zinserhöhung auf 3,75% rechnen und sogar
einen finalen Schritt auf 4,00% nicht ausschliessen wollen.
Unserer Einschätzung nach lässt die reflexartige Reaktion der Marktteilnehmer
allerdings wesentliche Details der »EZB-Botschaft« ausser Acht. So
betonte Jean-Claude Trichet mehrfach, dass die Währungshüter diesmal
explizit keine Ankündigung weiterer Zinserhöhungen vornehmen wollen.
Nicht einmal die bedingte Prognose, wonach die akkomodierende
Geldpolitik im Falle einer Bestätigung des günstigen Konjunkturausblicks
weiter zurück-genommen werde, findet sich im jüngsten Statement.
Offenkundig sind im EZB-Rat die Zweifel hinsichtlich der mittelfristigen
Wachstumsperspektiven ausgeprägter, als es in den offiziellen Projektionen
zum Ausdruck kommt. Die enttäuschenden Auftrags- und Produktionsdaten
der letzten Monate zeigen warum: Trotz des Stimmungsbooms hat
die realwirtschaftliche Dynamik unverkennbar nachgelassen und dieser
Trend wird sich nach Massgabe der OECD-Frühindikatoren bis weit ins
nächste Jahr hinein fortsetzen. Hinzu kommt die erhöhte Unsicherheit über
die direkten und indirekten Folgen der Mehrwertsteuererhöhung in
Deutschland, die nicht nur im grössten Mitgliedsstaat, sondern auch bei
allen wichtigen Handelspartnern tiefe Spuren hinterlassen wird.
Insofern sind die Risiken für den Konjunkturausblick so gross wie seit
langem nicht mehr. Vor diesem Hintergrund werten wir die vorsichtigen
Aussagen des EZB-Präsidenten als »Hinweis«, dass die Situation nicht
durch das Schüren von Zinsängsten zusätzlich verschärft werden soll.
Nach unserer Überzeugung werden die Leitzinsen daher in den nächsten
Monaten nicht angehoben – der Leitzinsgipfel ist vielmehr erreicht! Damit
nicht genug: Der bevorstehende Stimmungseinbruch in den Geschäftsklimaindikatoren
wird die EZB noch im Frühjahr 2007 dazu bewegen, den
Zinszyklus offiziell für beendet zu erklären, was Spekulationen über eine
mögliche Lockerung der monetären Rahmenbedingungen den Weg
bereiten dürfte. Das fundamentale Umfeld für die EUR-Rentenmärkte
bleibt in Anbetracht dessen positiv, die Renditen werden mittelfristig
spürbar sinken!
Zum Download...