Der Kurswechsel der EZB spiegelt Inflationssorgen
und konjunkturellen Optimismus wider!
Der überraschende Kurswechsel, den die EZB
Anfang Juni vollzog, hat nachhaltige Spuren an
den Finanzmärkten hinterlassen. So sorgte allein
die Ankündigung einer weiteren Leitzinsanhebung
von 4,00% auf 4,25% für einen spürbaren Renditesprung
an den Anleihemärkten, in dessen Zuge
5-jährige Bundesobligationen sogar ein neues
5-Jahreshoch (4,76%) erklommen. Gleichzeitig
gerieten die Aktienmärkte unter Druck, da die
Investoren den Zinsschritt als Auftakt einer ganzen
Serie von monetären Straffungen und damit einer
deutlich restriktiveren Geldpolitik werten.
Zwei Faktoren waren letztendlich entscheidend für
den unerwarteten Schwenk der Notenbank, der die
Eruptionen an den Finanzmärkten billigend in
Kauf nahm: Neben dem eingetrübten Inflationsausblick
präsentierte die EZB auch eine vergleichsweise
optimistische Konjunktureinschätzung.
Trotz aller Belastungsfaktoren rechnen die
Währungshüter weiterhin mit einem »soliden«
Wachstumstempo und erwarten bereits für das
Jahresende eine konjunkturelle Trendwende. So
heisst es im Juni-Monatsbericht:
»Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten des Euroraums
bleiben solide. Die aktuellen Daten bestätigen die
Erwartung eines gemässigten, aber fortgesetzten Wachstums
… sowohl die Inlands- als auch die Auslandsnachfrage
werden das anhaltende Wachstum des realen BIP
im Euroraum stützen … «
»… das reale BIP-Wachstum wird bereits im laufenden
Jahr die Talsohle erreichen und sich anschliessend
allmählich wieder erholen.«
Handelt es sich dabei um eine realistische Einschätzung
des konjunkturellen Umfeldes oder um
den üblichen Zweckoptimismus einer Notenbank?
Der konjunkturelle Trend ist abwärts gerichtet!
Hoffnungsvoll dürften die EZB zuletzt vor allem
zwei Entwicklungen gestimmt haben: Zunächst
das – ungeachtet des jüngsten Rückgangs – immer noch robuste IFO-Barometer (vgl. Abb. 1). Allen
Hiobsbotschaften von den Finanz-, Öl-, Immobilien-
und Devisenmärkten zum Trotz bewegt sich
vor allem die IFO-Lagekomponente mit 108,3
Punkten immer noch auf hohem Niveau und
spiegelt damit den ungebrochenen Optimismus der
deutschen Unternehmen wider. Seine Ergänzung
erfuhr dieses Bild durch den kräftigen Anstieg des
deutschen BIP-Wachstums im 1. Quartal 2008
(+1,5%).
Abb. 1: Der IFO-Index mit Widerstandskraft!

Quelle: IFO, ISAE, Banque de France, BANTLEON BANK AG
Zwar räumt die Notenbank ein, dass in den ersten
drei Monaten des Jahres Sonderfaktoren (günstige
Witterungsbedingungen, Lageraufbau) das Wirtschaftswachstum
stützten und im 2. Quartal eine
Gegenbewegung droht. Insgesamt haben die
Zahlen jedoch die Hoffnung geweckt, dass die
grösste Wirtschaft der Eurozone die jüngsten
Belastungsfaktoren besser wegsteckt als erwartet
und damit weiterhin als Konjunkturlokomotive der
Währungsunion fungiert. Stellvertretend hierfür
kann die Meinung der Bundesbank zitiert werden:
»Trotz der Sonderfaktoren, die die gesamtwirtschaftliche
Aktivität im ersten Vierteljahr 2008 begünstigten …
spricht einiges dafür, dass die Eigendynamik beziehungsweise
Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft
bislang unterschätzt wurde.«
Aus unserer Sicht verschleiern jedoch sowohl der
IFO-Index als auch die stark volatilen Quartalszahlen
zum BIP-Wachstum den Blick auf die tatsächliche
Situation der Eurozone. Anders als das deutsche
Geschäftsklima zeichnen alle übrigen wichtigen
Konjunkturbarometer der Währungsunion ein trübes Bild. Dies gilt besonders für die beiden
umfassendsten Indikatoren: den Composite-
Einkaufsmanagerindex (EMI) sowie das Wirtschaftsvertrauen
der EU-Kommission. In beiden
Fällen werden nicht nur Industriefirmen, sondern
auch Dienstleistungsunternehmen in die Umfrage
einbezogen (beim Wirtschaftsvertrauen zusätzlich
Einzelhändler, Bauunternehmer und Verbraucher).
Darüber hinaus werden die Erhebungen in der
gesamten Eurozone durchgeführt.
Wie Abb. 2 zeigt, geht vom Wirtschaftsvertrauen
und vom EMI die gleiche Botschaft aus: Die konjunkturellen
Rahmenbedingungen haben sich seit
Mitte 2007 spürbar verschlechtert. Neben der
Steilheit der Abwärtstrends ist dabei bemerkenswert,
dass mit 49,3 (EMI) bzw. 94,9 (Wirtschaftsvertrauen)
Punkten die historischen Mittelwerte von
54,5 bzw. 100,0 Punkten mittlerweile erkennbar
unterschritten werden. Von robuster Dynamik
kann daher keine Rede mehr sein. Getragen wird
diese Entwicklung von allen Ländern und sämtlichen
Sektoren, wobei in Deutschland der Schwerpunkt
auf der Dienstleistungsbranche liegt.
Abb. 2: Breite Abschwungsbewegung!

Quelle: NTC Research, EU-Kommission, BANTLEON BANK AG
Die Schwäche in den einzelnen Mitgliedsländern
zeigt sich daneben – mit Ausnahme Deutschlands –
ebenso in den nationalen Erhebungen. Zu Spanien
und Italien hat sich hierbei in jüngster Zeit Frankreich
gesellt (vgl. Abb. 1). Sowohl der Geschäftsklimaindex
des französischen Statistikamts (INSEE)
als auch der Banque de France erlitten in den letzten
drei Monaten spürbare Rückschläge und befinden
sich nahe (INSEE) oder bereits unter (Banque de
France) ihrem jeweiligen historischen Durchschnitt.
Abgesehen vom deutschen IFO-Index belegen
somit alle wichtigen Indikatoren der Eurozone,
dass der konjunkturelle Abschwung in vollem
Gange ist.
Damit aber nicht genug. In die Zukunft geschaut
zeichnet sich vorerst kein Ende dieses Abwärtstrends
ab. Erste Hinweise in diese Richtung liefern
unsere eigenen Frühindikatoren, die der aktuellen
Entwicklung vorauseilen und zum Teil bis Mitte
2009 eine zyklische Abkühlung signalisieren. Ein
Beispiel hierfür ist der »BB-Global Monetary Conditions Indicator«, in dem die für den globalen
Konjunkturzyklus relevanten monetären Einflussfaktoren
(Liquiditätsversorgung, Zinssätze, Aktienmärkte)
gebündelt werden. Demnach hat sich
das Finanzmarktumfeld bis zuletzt eingetrübt, was
sich – mit der üblichen zeitlichen Verzögerung –
negativ in der realwirtschaftlichen Entwicklung
niederschlagen wird (vgl. Abb. 3).
Abb. 3: Kein Ende des Abwärtstrends in Sicht!

Quelle: NTC Research, BANTLEON BANK AG
Der Exportboom läuft aus!
Ergänzt wird die Auswertung der Frühindikatoren
durch unsere fundamentale Analyse, welche die
einzelnen Nachfragekomponenten einer näheren
Betrachtung unterzieht. Unsere Schlussfolgerungen
weisen dabei zum Teil erhebliche Differenzen zur
Einschätzung der EZB auf. So geht die Notenbank
mit Blick auf die Weltwirtschaft von folgenden
Rahmenbedingungen aus:
»Die Expansion der Weltwirtschaft wird … robust
bleiben, wobei ihr vor allem das anhaltend kräftige
Wachstum in den Schwellenländern zugute kommt.«
Dieser positiven Einschätzung liegt unter anderem
die Annahme zugrunde, dass die US-Wirtschaft
bereits im zweiten Halbjahr 2008 in eine Erholungsphase
eintritt. Wir sind skeptischer und
rechnen mit einer längeren Schwächephase in der
grössten Volkwirtschaft. So dürften weder die USImmobilienmarktrezession
noch die Bankenkrise
ihren Tiefpunkt durchschritten haben. Die Abkühlung
beim privaten Verbrauch erhielt durch die
Versendung der Steuerschecks lediglich eine
Atempause und sollte sich nach Auslaufen der
temporären Stimulierung umso heftiger fortsetzen.
In anderen wichtigen Handelspartnerländern
stehen wir erst am Beginn einer Wachstumsverlangsamung
– eine Stabilisierung liegt folglich noch
in weiter Ferne. Dies gilt besonders für das Vereinigte
Königreich, das von der Immobilienmarktrezession
und Finanzmarktkrise überproportional
betroffen ist. Dementsprechend fielen sowohl die
Indikatoren des Dienstleistungs- als auch des
Verbrauchervertrauens in den letzten Monaten auf mehrjährige Tiefststände. Selbst die Bank of England
äussert sich zunehmend besorgt über die konjunkturellen
Perspektiven. Daneben sehen sich aber
auch die osteuropäischen Länder mit einer Nachfrageabschwächung
konfrontiert. Grösstes Problem
sind hier die sprunghaft gestiegenen Inflationsraten
(Tschechien: 6,8%, Ungarn: 7,0%, Rumänien:
8,5%), die weitere restriktive geldpolitische Massnahmen
nach sich ziehen werden.
Abb. 4: Die wichtigsten Exportmärkte straucheln!

Quelle: OECD, BANTLEON BANK AG
Nimmt man die OECD Leading Indicators als
groben Orientierungspunkt, zeigt der zyklische
Trend in fast allen Exportmärkten nach unten (vgl.
Abb. 4). Einzig in Russland und China sind die
Signale ambivalent. Aber diese beiden Länder
besitzen zusammen – trotz wachsender Bedeutung
– einen Anteil von lediglich 9% am gesamten
Aussenhandel der Eurozone und können somit die
Schwäche auf den übrigen Absatzgebieten nicht
ausgleichen. Alles in allem gehen wir von einer
spürbaren Verlangsamung des Exportwachstums
bis in das erste Halbjahr 2009 aus.
Bei der Binnennachfrage ist Optimismus fehl am
Platz!
Auch mit Blick auf die Binnennachfrage zeigt sich
die EZB keineswegs besorgt:
»Das Investitionswachstum dürfte unverändert zum
Wirtschaftswachstum beitragen, da … sich die Ertragslage
der Unternehmen weiterhin nachhaltig entwickelt.«
Aus unserer Sicht stellen jedoch gerade die Gewinnperspektiven
eine Achillesverse des Investitionsausblicks
dar. Die Margen geraten derzeit von
allen Seiten (steigende Lohn- und Materialkosten,
sinkende Preisüberwälzungsspielräume) unter
Druck, was die Investitionsanreize erheblich
dämpfen wird.
In diesem Zusammenhang können wir auch nicht
die Einschätzung teilen, dass die Wirtschaft der
Eurozone in allen Bereichen auf solidem Fundament
steht, da keine »grösseren Ungleichgewichte«
vorhanden seien. Nicht zuletzt die EZB selbst hat
mehrfach auf die gefährlich anschwellende Schuldenlast
des Unternehmenssektors hingewiesen. So
sind in Spanien und Frankreich die Firmen schon
lange nicht mehr in der Lage, ihre Investitionen aus
eigener Kraft zu finanzieren. Die sogenannte Finanzierungslücke
(Differenz zwischen Cashflow und
Investitionen) erreichte hier im Verhältnis zum BIP
Rekordwerte von -4,0% bzw. -11,8% (vgl. Abb. 5).
Angesichts der verschärften Kreditkonditionen ist
kaum davon auszugehen, dass dieses Niveau in den
nächsten Quartalen aufrechterhalten werden kann.
Vielmehr ist eine Beseitigung des »fundamentalen
Ungleichgewichts« überfällig und zwar in Form
einer nachlassenden Investitionstätigkeit.
Abb. 5: Ungleichgewichte im Unternehmenssektor!

Quelle: EUROSTAT, nationale Notenbanken, BANTLEON BANK AG
Ebenfalls fragwürdig erscheint schliesslich das
anhaltende Vertrauen in eine nachhaltige Konsumbelebung.
Die EZB verweist hier stereotyp auf das
Rekordtief der EUR-Arbeitslosenrate in Höhe von
7,2%. Der Gipfel der Arbeitsmarktbelebung ist
aber mittlerweile eindeutig überschritten. Spätestens
ab dem kommenden Jahr werden die Erwerbslosenquoten
wieder auf breiterer Front ansteigen
(in Spanien und Irland ist das bereits jetzt der Fall).
Die Verbraucher haben dies bereits antizipiert und
äussern zunehmende Zweifel an der eigenen
Arbeitsplatzsicherheit. Letzteres belastet neben den
steigenden Teuerungsraten das Konsumklima, das
sich seit Monaten im freien Fall befindet.
Fazit: Sowohl die Auswertung der Frühindikatoren
als auch die Analyse der Nachfragekomponenten
lässt eine deutliche Expansionsverlangsamung in
den kommenden Quartalen erwarten. Vor diesem
Hintergrund halten wir den Befund der EZB –
solides Wachstumstempo – für zu optimistisch und
gehen davon aus, dass er im Laufe des Jahres
allmählich nach unten korrigiert werden muss. Im
Schlepptau der Konjunkturprognose sollte auch
der Inflationsausblick eine Abwärtsrevision erfahren.
Die Leitzinserhöhung auf 4,25% dürfte daher
eine einmalige Aktion darstellen und im kommenden
Jahr angesichts wachsender Stagnationsängste
wieder zurückgenommen werden.
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