Die EZB kann die nachlassende Konjunkturdynamik noch ignorieren – aber nicht mehr lange!
Nach der jüngsten Pressekonferenz Jean-Claude Trichets gilt als
ausgemacht, dass der EZB-Rat Anfang März eine weitere Anhebung der
Leitzinsen um 25 Bp auf 3,75% beschliessen wird. Die in den nächsten
Monaten weiter unter dem Zielwert der Notenbank von 2,0% liegende
Inflationsrate wird als vorübergehende technische Reaktion auf die
günstigere Rohölpreisentwicklung abgetan – mittelfristig dominieren in
den Augen der Währungshüter bei der Teuerung eindeutig die
konjunkturbedingten Aufwärtsrisiken.
Darüber hinaus vermittelten die Ausführungen Trichets auf den ersten
Blick den Eindruck, dass auch nach der nächsten Zinserhöhung die
Inflationsgefahren längst nicht gebannt sind. So stelle sich weltweit das
Wirtschaftswachstum robust dar, was zusammen mit der stabilen
Binnennachfrage im Euroraum den Konjunkturaufschwung in der
Währungsunion weiter antreiben dürfte. Zusammen mit der kräftigen
Expansion der Geldmenge und des Kreditvolumens sieht die EZB damit
auch künftig wachsende Inflationsrisiken. Vor diesem Hintergrund scheint
eine fortgesetzte Anhebung der Leitzinsen in den kommenden Quartalen
bereits ausgemacht – wieso sollte die Notenbank daher nicht dem
Dreimonatsrhythmus entsprechend im Juni den nächsten Zinsschritt auf
4,00% folgen lassen?
Weil sich nach unserer Auffassung bis dahin die Rahmenbedingungen
deutlich geändert haben und die EZB vor allem eine kritischere
Konjunktureinschätzung formulieren wird. Hilfreich ist in diesem
Zusammenhang der Vergleich mit der Situation im Jahr 2000. Im Oktober –
nach dem damals letzten Zinsschritt – bezeichnete die Notenbank die
Weltwirtschaft noch als unzweifelhaft robust. Nur drei Monate später, im
Januar 2001, diagnostizierte sie jedoch bereits eine deutliche
Wachstumsabkühlung insbesondere in den USA und rückte damit die
Konjunkturrisiken in den Vordergrund. Nochmals vier Monate später
folgte sogar die erste Zinssenkung.
Auch wenn Zinssenkungen im gegenwärtigen Umfeld ausser Frage stehen,
so verdeutlicht der Blick auf das Jahr 2000, dass der von Trichet zur Schau
gestellte Konjunkturoptimismus und die damit verbundene
Inflationsskepsis nicht missverstanden werden dürfen. Sie beziehen sich
genau genommen auf den kurzfristigen Ausblick! Die mittelfristige
Einschätzung – über die nächsten zwei bis drei Monate hinaus – steht bei
der EZB laufend zur Diskussion. Und die Richtung, in die sich hier die
Datenlage künftig entwickeln wird, ist bereits vorgezeichnet.
So sind inzwischen nahezu alle wichtigen konjunkturellen
Stimmungsindikatoren im Euroraum in einen Abwärtstrend eingeschwenkt.
Lediglich in Deutschland wird diese Wende durch die Vorzieheffekte
der MwSt-Erhöhung temporär überdeckt. Dass aber auch hier
mittlerweile eine nachhaltige Abkühlung eingesetzt hat, zeigen die seit
Monaten rückläufigen Auftragsdaten.
In diesem Umfeld wird die EZB nicht mehr lange die Anzeichen für eine
merkliche Wachstumsverlangsamung ignorieren können. Die Inflationsgefahren
verlieren damit schrittweise an Bedrohungspotential, so dass die
Zentralbank nach dem nächsten Zinsschritt im März eine abwartende
Haltung einnehmen kann – wir sehen mit 3,75% den Leitzinsgipfel als
erreicht an. Die Furcht vor weiteren geldpolitischen Straffungen dürfte
daher schwinden, was sich an den Rentenmärkten in deutlich steigenden
Anleihenkursen niederschlagen wird.
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