Nicht alles durch die rosarote deutsche Brille sehen!

Kapitalmarktanalyse - Dr. Daniel Hartmann

Die konjunkturellen Perspektiven für den Euroraum werden derzeit äusserst optimistisch eingeschätzt. Gefördert wird diese Zuversicht nicht zuletzt durch den aktuellen Beschäftigungsboom – die meisten Konjunkturbeobachter haben daher die Konsumnachfrage als zentralen Wachstumsmotor der kommenden zwei Jahre ausgemacht. Mit Blick auf die grösste Volkswirtschaft des Euroraums scheint diese Einschätzung durchaus plausibel. Aufgrund der Beschäftigungsgewinne und der anziehenden Löhne dürfte der reale Zuwachs beim verfügbaren Einkommen in Deutschland 2007 erstmals seit sechs Jahren wieder die 1,0%-Marke überschreiten. Dies erhöht den Ausgabenspielraum der Konsumenten, der 2008 sogar nochmals zunehmen sollte. Der private Verbrauch wird daher die Stagnationsphase der letzten fünf Jahre verlassen und im Trend zwischen 0,3% und 0,4% pro Quartal expandieren. Damit ist Deutschland zwar noch lange keine Konsumlokomotive, aber auch kein Bremsklotz mehr.

Die Euphorie über die Aufhellung der deutschen Perspektiven hat allerdings die Sicht auf die übrigen Euroländer verstellt – zu Unrecht, denn dort droht eine gegenläufige Entwicklung. Neben einigen kleineren Mitgliedsstaaten (Irland, Finnland) haben mit Frankreich und Spanien vor allem zwei grosse Euroländer das Konsumwachstum in den vergangenen Jahren getragen. Im ersten Halbjahr 2007 dürfte sich an dieser Vorreiterrolle zunächst nichts ändern. Wie in Deutschland findet auch in diesen Ländern eine Arbeitsmarktbelebung statt. Allerdings war die Dynamik des Stellenaufbaus zuletzt rückläufig: In Frankreich nahm der Beschäftigungszuwachs im Laufe des vergangenen Jahres von 0,4% (Q2) auf 0,2% (Q4) ab, in Spanien zeigt der Trend sogar schon längere Zeit nach unten. Von einer erneuten Beschleunigung des Beschäftigungsaufbaus gehen wir angesichts bereits rückläufiger Frühindikatoren (OECD Leading Indicators) in diesem Jahr nicht aus. Entsprechend sollte in beiden Ländern der Zenit des Lohnwachstums überschritten sein.

Noch schwerer wiegt jedoch ein struktureller Belastungsfaktor – in Spanien und Frankreich wurde das Konsumwachstum massgeblich vom Immobilienboom angetrieben. Die stimulierende Wirkung vollzog sich dabei über mehrere Kanäle: Zum einen bescherten steigende Hauspreise den Privathaushalten in den vergangenen Jahren stetige Vermögenszuwächse, was die Konsumlaune verbessert hat. Zum anderen wurde die Bauwirtschaft angeschoben, die vor allem in Spanien das Standbein des Beschäftigungsaufbaus darstellt. Schliesslich strahlte der Aufschwung am Bau auf andere Sektoren aus (Banken, Handwerk, Baumärkte etc.) und sorgte damit für gesamtwirtschaftliche Einkommenssteigerungen.

Mittlerweile mehren sich jedoch von Monat zu Monat sowohl in Frankreich als auch in Spanien die Hinweise auf ein Auslaufen des Immobilienbooms. Erstens zeigt sich dies in den abflauenden Preissteigerungsraten – die Verkäufer können offenbar immer geringere Zuschläge durchsetzen. Zweitens berichten französische und spanische Immobilienmakler über rückläufige Verkaufszahlen und zunehmende Leerstände. Drittens sehen sich auch die Banken einem abnehmenden Interesse an Baufinanzierungen gegenüber, die Wachstumsraten der Hypothekenkredite fallen in Spanien seit Anfang bzw. in Frankreich seit Ende 2006 spürbar.

In der letzten Beobachtung spiegelt sich wider, dass nicht nur eine allgemeine Sättigungstendenz, sondern auch die Verschlechterung der Finanzierungskonditionen für die Immobilienmarktabkühlung verantwortlich ist. Dieser Prozess ist jedoch noch keineswegs zu Ende. Vielmehr dauert es in der Regel mindestens zwölf Monate, bis sich monetäre Impulse auf den Immobilienmarkt übertragen haben. Die restriktivere Geldpolitik wird daher erst im Laufe dieses Jahres zur vollen Geltung kommen.

In Frankreich hat aber schon jetzt die schwindende Nachfrage nach Wohnimmobilien auf die Bauwirtschaft übergegriffen. Die Baubeginne lagen im 1. Quartal 2007 um 11% unter dem Vorjahresstand, was sich in den kommenden Quartalen zweifellos negativ bei den Bauinvestitionen bemerkbar machen wird. In Spanien versucht man sich zwar noch mittels Preisnachlässen dem Abwärtstrend entgegenzustemmen, aber auch hier erwarten wir in den nächsten Monaten negative Botschaften von den Bauaktivitätsdaten. Dies wird Wachstum und Beschäftigung kosten und damit werden die Einkommenszuwächse sowie das Verbrauchervertrauen gedämpft. Wir gehen daher davon aus, dass sich das überdurchschnittliche Konsumwachstum in Frankreich und Spanien im Laufe dieses Jahres erkennbar abschwächt.

Fazit: Bei der Beurteilung der Konsumnachfrage im Euroraum ist eine zu einseitige Fixierung auf Deutschland unangebracht – der Belebung in der grössten Volkswirtschaft stehen gegenläufige Entwicklungen in anderen Ländern gegenüber. Trotz der aktuellen Arbeitsmarktbelebung wachsen die Bäume daher in der Währungsunion nicht in den Himmel. Spätestens ab dem kommenden Jahr sollten sogar die konsumdämpfenden Effekte überwiegen. Das Wachstum des privaten Verbrauchs wird dann erneut auf seine unterdurchschnittliche Performance der vergangenen Jahre zurückfallen.

Zum Download...