Widersprüchliche Signale vom US-Arbeitsmarkt!

Dr. Andreas A. Busch
Fundamentale
Analyse

Wie sehr hat sich der US-Arbeitsmarkt abgeschwächt?

Wer sich in diesen Tagen eine fundierte Meinung zur Lage am US-Arbeitsmarkt bilden will, stösst auf widersprüchliche Einschätzungen, was nicht zuletzt an der hohen Zahl an Datenquellen liegt. So gibt allein das Bureau of Labor Statistics (BLS), das den viel beachteten monatlichen Arbeitsmarktbericht veröffentlicht, insgesamt neun – mehr oder weniger unabhängige – Statistiken heraus. Dazu kommt eine Vielzahl von Arbeitsmarktindikatoren von anderen öffentlichen und auch privaten Institutionen sowie Verbänden.

In diesem Umfeld wird auf der einen Seite die niedrige Arbeitslosenquote als Beleg einer robusten Entwicklung angeführt. Auf der anderen Seite erregte die vierteljährliche Business and Employment Dynamics-Statistik (BED) grosse Aufmerksamkeit: Sie liess erkennen, dass bereits im 3. Quartal letzten Jahres die Zahl der neu geschaffenen Stellen auf nahezu null zurückgegangen ist – eine markante Abschwächung, die sich früher oder später auch in der Arbeitslosenquote zeigen sollte. Schliesslich wird die monatliche JOLTS-Statistik (Job Openings and Labor Turnover Survey) widersprüchlich interpretiert: Der seit Monaten rückläufige Trend an Neueinstellungen dient den einen als Beleg der Schwäche. In Verbindung mit den ebenfalls sinkenden Entlassungen verweisen dagegen andere auf die nach wie vor hohe Zahl an Netto-Stellenschaffungen – ein Signal der Stärke. Wer hat in diesem Daten-Wirrwarr Recht (vgl. Abbildung 1)

Um diese Frage zu beantworten und um Aussagekraft und Bedeutung der unterschiedlichen Statistiken beurteilen zu können, sollen diese im Folgenden genauer beleuchtet werden.

Im Vordergrund: Monatlicher Stellensaldo und Arbeitslosenquote

Die Arbeitsmarktdaten, die an jedem ersten Freitag eines Monats bekannt gegeben werden, beruhen auf zwei vollständig unabhängigen Erhebungen: zum einen auf einer Umfrage unter 400.000 Unternehmen, der sog. Current Employment Statistics (CES), im Rahmen derer die Zahl der neu geschaffenen Stellen im Mittelpunkt steht. Zum anderen auf der Current Population Survey (CPS), die auf einer Befragung von 60.000 privaten Haushalten basiert und als Ergebnis nicht zuletzt die Arbeitslosenquote liefert.

Abbildung 1: Wichtige Arbeitsmarktstatistiken des BLS im Überblick!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG

Beide Statistiken zeichnen im Wesentlichen ein ähnliches Bild. Der gesamtwirtschaftliche Stellensaldo beträgt im Mittel der vergangenen drei Monate knapp 150.000. Das ist zwar merklich weniger als die durchschnittlich 190.000 des Jahres 2006 – letztlich aber immer noch genug, um die rund 100.000 bis 150.000 neu auf den Arbeitsmarkt drängenden Personen aufzunehmen. Dies zeigt sich auch in der Arbeitslosenquote, die mit 4,5% nur ein Zehntel über dem bisherigen Tiefpunkt von 4,4% (März 2007) liegt. Der bis Ende letzten Jahres andauernde Abwärtstrend hat sich damit nicht weiter fortgesetzt – die seitdem vollzogene Seitwärtsbewegung deutet aber darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum ausreichend hoch ist, um mit dem Wachstum der Erwerbsbevölkerung Schritt zu halten.

JOLTS: Die Statistik zur Identifikation von Engpässen beim Arbeitskräfteangebot

Was liefern die anderen Statistiken an zusätzlichen Informationen? Wenn es darum geht, auf Branchen ebene Engpässe am Arbeitsmarkt auszumachen, dann sollte auf die JOLTS-Statistik (Job Openings and Labor Turnover Survey) zurückgegriffen werden, bei der die Zahl offener, derzeit nicht zu besetzender Stellen eine wichtige Kenngrösse darstellt. Quasi nebenbei kann als Differenz zwischen Einstellungen und Entlassungen aller Sektoren – in Anlehnung an den Stellensaldo der CES-Statistik – ein alternatives Mass für die Zahl an neu geschaffenen Stellen ermittelt werden.

Abbildung 2: Wenig zusätzliche Erkenntnisse durch die JOLTS-Statistik!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG

Dieser Saldo ist – wie Abbildung 2 erkennen lässt – relativ eng mit dem Stellensaldo der CES-Statistik korreliert und kann damit ebenfalls als Gradmesser der Arbeitsmarktdynamik dienen. Allerdings wird er erst sechs Wochen später veröffentlicht und steht allein deshalb hinter den CES-Daten zurück. Daneben sind von Monat zu Monat durchaus erhebliche Abweichungen zu verzeichnen und angesichts der grösseren Volatilität ist der übergeordnete Trend im Saldo der JOLTS-Statistik keineswegs besser zu erkennen. Hinzu kommt, dass die JOLTSStatistik jährlich auf Grundlage der CES-Daten revidiert wird und ihre Datenbasis mit 16.000 befragten Unternehmen weitaus kleiner ist als die der CES-Umfrage (400.000 Unternehmen, vgl. Abbildung 1). Vor diesem Hintergrund sehen wir den Informationsgehalt der JOLTS-Statistik im Hinblick auf die aggregierte gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarktdynamik als begrenzt an.

BED und QCEW: Die umfassendsten Arbeitsmarktdaten

Neben der JOLTS-Erhebung taucht in der aktuellen Diskussion immer wieder die BED-Statistik (Business Employment and Dynamics) auf, weil sie Hinweise auf einen etwaigen Revisionsbedarf des monatlichen Stellensaldos aus der CES-Statistik liefert. Genau genommen ist es jedoch nicht die BED-Statistik, die zur jährlichen Revision des monatlichen Stellensaldos herangezogen wird, sondern die Quarterly Census of Employment and Wages-Statistik (QCEW), die die Grundlagen für die jährliche CES-Anpassung bildet und gleichzeitig die Daten für die BEDStatistik liefert (vgl. Abbildung 1).

Die QCEW-Daten werden als »Benchmark« herangezogen, weil sie anders als die meisten Statistiken des BLS nicht auf einer Stichprobenerhebung basieren, sondern auf die Beitragszahlungen der Arbeitslosenversicherungs- Statistik zurückgreifen, in der nahezu alle abhängig Beschäftigten erfasst sind. Es wird somit nicht nur ein mehr oder weniger repräsentativer Teil der Beschäftigten erfasst – vielmehr handelt es sich quasi um eine Totalerhebung.

Der Nachteil der QCEW-Statistik liegt in dem erheblichen Aufwand, der bei ihrer Ermittlung notwendig ist, und der Zeitverzögerung von rund einem halben Jahr, mit der die Daten schliesslich vorliegen.

Abbildung 3: Die QCEW-Daten bilden die Basis für die Revisionen des Stellensaldos …

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG

In der Gegenüberstellung in Abbildung 3 zeigt sich, dass die jährliche Revision der CES-Statistik auf Basis der QCEW-Daten zu einem eng korrelierten Verlauf der Stellensalden beider Statistiken führt. 1 Am aktuellen Rand, für den noch keine Angleichung vorgenommen wurde, klafft jedoch eine relativ grosse Lücke – der Stellensaldo laut QCEWDaten liegt erkennbar unter dem des monatlichen Arbeitsmarktberichts. Noch deutlicher kommt die Diskrepanz bei der Gegenüberstellung des CESStellensaldos mit der BED-Statistik zum Ausdruck. Demnach lag die Zahl der neu geschaffenen Stellen (im privaten Sektor) im 3. Quartal 2006 nicht bei rund 500.000, sondern mit +19.000 nahe null (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4: … und deuten auf eine Abwärtskorrektur hin!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG

Vor diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass mit der nächsten jährlichen »Benchmark«- Revision für den Zeitraum März 2006 bis März 2007 die Beschäftigtenzahl der CES-Statistik merklich nach unten korrigiert wird, wodurch die monatlichen Stellensalden in diesem Zeitraum entsprechend geringer ausfallen. Wie umfangreich die Anpassung jedoch tatsächlich sein wird, hängt zu einem grossen Teil von den QCEW-Daten für Q4/2006 und Q1/2007 ab. Eine erste offizielle Abschätzung des Korrekturbedarfs wird das BLS nach der Bekanntgabe der QCEW-Daten für das 1. Quartal 2007 im Herbst dieses Jahres veröffentlichen, die detaillierte Revision folgt indes erst Anfang 2008!

Monatlicher Stellensaldo versus Arbeitslosenquote

Als Zwischenfazit bleibt festzustellen, dass im Hinblick auf eine zeitnahe Beurteilung der Arbeitsmarktlage kein Weg an der monatlichen CESStatistik vorbeiführt. Und hier zeigt die Arbeitsmarktdynamik bislang nur moderat nach unten, mit der Einschränkung, dass dieser Trend unter Umständen nach der nächsten Revision steiler ausfällt. Ist der Arbeitsmarkt also tatsächlich schwächer als bislang angenommen und muss sich die Notenbank daher mehr Sorgen um das Vollbeschäftigungsziel machen?

Zur Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick auf die Arbeitslosenquote, die im Rahmen der CPSStatistik ermittelt wird. So ist die Veränderung der Arbeitslosenquote – wie eingangs erwähnt – eng mit der Entwicklung des Stellensaldos korreliert: Liegt die Zahl der neu geschaffenen Stellen über dem Wachstum des Erwerbspersonenpotentials, geht die Arbeitslosenquote zurück und umgekehrt; derzeit liegt die Grenze bei rund 125.000 (vgl. Abbildung 5).

Abbildung 5: Arbeitslosenquote und Stellensaldo präsentieren ein einheitliches Bild!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG

Entscheidend ist nun, dass die Arbeitslosenquote kaum revidiert wird. Ausser der jährlichen Aktualisierung der Saisonbereinigungsfaktoren wird lediglich im Rhythmus von drei bis vier Jahren eine Anpassung an die Bevölkerungsstatistik vorgenommen, die jedoch selten nennenswerte Änderungen bei der Arbeitslosenquote mit sich bringt. Selbst wenn also der Stellensaldo Anfang nächsten Jahres nach unten korrigiert werden sollte – die sich zuletzt seitwärts bewegende Arbeitslosenquote dürfte ungeachtet dessen immer noch eine relativ robuste Beschäftigungsentwicklung widerspiegeln.

Welche der beiden Statistiken würde in diesem Fall stärker wiegen? Im Hinblick auf das wirtschaftspolitische Ziel Vollbeschäftigung stünde die Arbeitslosenquote im Vordergrund. Denn in diesem Zusammenhang ist nicht entscheidend, ob 50.000 oder 100.000 oder 200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden – wichtig ist, ob die Stellenschaffungen ausreichen, die wachsende Erwerbsbevölkerung aufzunehmen. Eine seitwärts tendierende Arbeitslosenquote würde aber genau das signalisieren.

Andere Arbeitsmarktindikatoren ausserhalb des BLS

Ein ähnliches Bild zeichnen die meisten übrigen (ausserhalb des BLS) ermittelten Arbeitsmarktindikatoren. So ist – wie bei der Arbeitslosenquote – auch in den Beschäftigungskomponenten der Verbrauchervertrauensumfragen der Abwärtstrend zu einem Ende gekommen und in eine Seitwärtsbewegung übergegangen (vgl. Abbildung 6). Die Arbeitsmarktdynamik hat also nach Auffassung der US-Bürger nachgelassen, ohne jedoch einzubrechen.

Die ISM-Einkaufsmanagerumfragen lassen ebenfalls einen im letzten Jahr nur moderat schwächer werdenden Beschäftigungsaufbau erkennen, wobei hier in den vergangenen Monaten eine Stabilisierung auf relativ hohem Niveau zu beobachten ist (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 6: Moderat nachlassende Beschäftigungsdynamik auch in den Augen der Verbraucher!

Quelle: Conference Board, BLS, BANTLEON BANK AG

Die gleichzeitig kaum gestiegene Zahl an Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung zeichnet sogar ein noch freundlicheres Bild: Demnach ist die Arbeitsmarktdynamik seit einigen Jahren als relativ stabil anzusehen (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7: Stabile Entwicklung gemäss den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe!

Quelle: ISM, DOL, BANTLEON BANK AG

Zusammenfassung: Woher kommt die Robustheit des Arbeitsmarktes?

In der Gesamtschau kann die gegenwärtige Arbeitsmarktlage folgendermassen beschrieben werden: Nahezu alle Statistiken und Indikatoren lassen im Laufe der vergangenen Jahre eine leichte Abschwächung erkennen – einen dramatischen Einbruch zeigt jedoch keine der aktuellen Erhebungen. Offensichtlich konnte die deutliche Verlangsamung des BIP-Wachstums von über 3,5% auf nur noch rund 2,0% in den letzten Quartalen dem Arbeitsmarkt bislang nur wenig anhaben. Zwar stellten die Unternehmen weniger neue Mitarbeiter ein – umfangreiche Entlassungen blieben aber aus, wie die JOLTS-Statistik und die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung übereinstimmend bestätigen. Offenbar hält der zunehmende Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die Firmen gegenwärtig von derartigen Massnahmen ab. Vor diesem Hintergrund ist es auch plausibel, dass die Verbraucher kaum unter der schleichenden Verschlechterung des Beschäftigungsumfeldes zu leiden hatten.

Ausblick: Wie geht’s weiter am US-Arbeitsmarkt?

Sollte die Wachstumsschwäche jedoch weiter andauern – wovon wir angesichts der strukturellen Belastungsfaktoren grundsätzlich ausgehen –, dürfte der bislang nur angeschlagene Arbeitsmarkt stärker ins Straucheln geraten. So lässt das schon jetzt unübersehbar rückläufige Gewinnwachstum den Ruf nach Rationalisierungsmassnahmen lauter werden. Es fehlt somit nicht viel, und die Zahl der Entlassungen nimmt zu und in der Folge steigt auch die Arbeitslosenquote an.

Abbildung 8: Kurzfristig dürfte sich der Arbeitsmarkt weiter stabil entwickeln!

Quelle: BLS, ISM, BANTLEON BANK AG

Diese Entwicklung sollte sich jedoch erst in der mittelfristigen Perspektive einstellen. Kurzfristig ist wegen der jüngsten Belebung im verarbeitenden Gewerbe vielmehr mit einer moderaten Erholung zu rechnen. So befindet sich der trendbestimmende ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie inzwischen seit mehreren Monaten wieder in einem Aufwärtstrend und kündigt damit zeitverzögert eine erneut anziehende Arbeitsmarktdynamik an: Der Wiederaufbau der Lagerbestände und der Nachholbedarf bei den Investitionsausgaben dürften zu umfangreicheren Stellenschaffungen führen. Die Arbeitslosenquote könnte vor diesem Hintergrund vorübergehend sogar wieder auf ihren zyklischen Tiefstand von 4,4% zurückgehen (vgl. Abbildung 8), bevor ab dem Jahresende eine neue Aufwärtsdynamik einsetzt.

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1 Verbleibende Differenzen beruhen darauf, dass die Revisionen sich jeweils nur auf den März eines Jahres beziehen – die Entwicklung der übrigen Monate ist somit nach wie vor von unterschiedlichen Datenquellen geprägt.