Wie sehr hat sich der US-Arbeitsmarkt abgeschwächt?
Wer sich in diesen Tagen eine fundierte Meinung
zur Lage am US-Arbeitsmarkt bilden will, stösst auf
widersprüchliche Einschätzungen, was nicht zuletzt
an der hohen Zahl an Datenquellen liegt. So gibt
allein das Bureau of Labor Statistics (BLS), das den
viel beachteten monatlichen Arbeitsmarktbericht
veröffentlicht, insgesamt neun – mehr oder weniger
unabhängige – Statistiken heraus. Dazu kommt eine
Vielzahl von Arbeitsmarktindikatoren von anderen
öffentlichen und auch privaten Institutionen sowie
Verbänden.
In diesem Umfeld wird auf der einen Seite die niedrige
Arbeitslosenquote als Beleg einer robusten
Entwicklung angeführt. Auf der anderen Seite erregte
die vierteljährliche Business and Employment
Dynamics-Statistik (BED) grosse Aufmerksamkeit:
Sie liess erkennen, dass bereits im 3. Quartal letzten
Jahres die Zahl der neu geschaffenen Stellen auf
nahezu null zurückgegangen ist – eine markante
Abschwächung, die sich früher oder später auch in
der Arbeitslosenquote zeigen sollte. Schliesslich
wird die monatliche JOLTS-Statistik (Job Openings
and Labor Turnover Survey) widersprüchlich interpretiert:
Der seit Monaten rückläufige Trend an
Neueinstellungen dient den einen als Beleg der
Schwäche. In Verbindung mit den ebenfalls sinkenden
Entlassungen verweisen dagegen andere auf
die nach wie vor hohe Zahl an Netto-Stellenschaffungen
– ein Signal der Stärke. Wer hat in diesem
Daten-Wirrwarr Recht (vgl. Abbildung 1)
Um diese Frage zu beantworten und um Aussagekraft
und Bedeutung der unterschiedlichen Statistiken
beurteilen zu können, sollen diese im Folgenden
genauer beleuchtet werden.
Im Vordergrund: Monatlicher Stellensaldo und
Arbeitslosenquote
Die Arbeitsmarktdaten, die an jedem ersten Freitag
eines Monats bekannt gegeben werden, beruhen auf zwei vollständig unabhängigen Erhebungen: zum
einen auf einer Umfrage unter 400.000 Unternehmen,
der sog. Current Employment Statistics (CES),
im Rahmen derer die Zahl der neu geschaffenen
Stellen im Mittelpunkt steht. Zum anderen auf der
Current Population Survey (CPS), die auf einer Befragung
von 60.000 privaten Haushalten basiert und
als Ergebnis nicht zuletzt die Arbeitslosenquote liefert.
Abbildung 1: Wichtige Arbeitsmarktstatistiken
des BLS im Überblick!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG
Beide Statistiken zeichnen im Wesentlichen ein
ähnliches Bild. Der gesamtwirtschaftliche Stellensaldo
beträgt im Mittel der vergangenen drei Monate
knapp 150.000. Das ist zwar merklich weniger als
die durchschnittlich 190.000 des Jahres 2006 –
letztlich aber immer noch genug, um die rund
100.000 bis 150.000 neu auf den Arbeitsmarkt drängenden
Personen aufzunehmen. Dies zeigt sich
auch in der Arbeitslosenquote, die mit 4,5% nur ein
Zehntel über dem bisherigen Tiefpunkt von 4,4%
(März 2007) liegt. Der bis Ende letzten Jahres andauernde
Abwärtstrend hat sich damit nicht weiter
fortgesetzt – die seitdem vollzogene Seitwärtsbewegung
deutet aber darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum
ausreichend hoch ist, um mit dem Wachstum
der Erwerbsbevölkerung Schritt zu halten.
JOLTS: Die Statistik zur Identifikation von Engpässen
beim Arbeitskräfteangebot
Was liefern die anderen Statistiken an zusätzlichen
Informationen? Wenn es darum geht, auf Branchen ebene Engpässe am Arbeitsmarkt auszumachen,
dann sollte auf die JOLTS-Statistik (Job Openings and
Labor Turnover Survey) zurückgegriffen werden, bei
der die Zahl offener, derzeit nicht zu besetzender
Stellen eine wichtige Kenngrösse darstellt. Quasi
nebenbei kann als Differenz zwischen Einstellungen
und Entlassungen aller Sektoren – in Anlehnung an
den Stellensaldo der CES-Statistik – ein alternatives
Mass für die Zahl an neu geschaffenen Stellen ermittelt
werden.
Abbildung 2: Wenig zusätzliche Erkenntnisse
durch die JOLTS-Statistik!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG
Dieser Saldo ist – wie Abbildung 2 erkennen lässt –
relativ eng mit dem Stellensaldo der CES-Statistik
korreliert und kann damit ebenfalls als Gradmesser
der Arbeitsmarktdynamik dienen. Allerdings wird
er erst sechs Wochen später veröffentlicht und steht
allein deshalb hinter den CES-Daten zurück.
Daneben sind von Monat zu Monat durchaus erhebliche
Abweichungen zu verzeichnen und angesichts
der grösseren Volatilität ist der übergeordnete
Trend im Saldo der JOLTS-Statistik keineswegs
besser zu erkennen. Hinzu kommt, dass die JOLTSStatistik
jährlich auf Grundlage der CES-Daten revidiert
wird und ihre Datenbasis mit 16.000 befragten
Unternehmen weitaus kleiner ist als die der
CES-Umfrage (400.000 Unternehmen, vgl. Abbildung
1). Vor diesem Hintergrund sehen wir den
Informationsgehalt der JOLTS-Statistik im Hinblick
auf die aggregierte gesamtwirtschaftliche
Arbeitsmarktdynamik als begrenzt an.
BED und QCEW: Die umfassendsten Arbeitsmarktdaten
Neben der JOLTS-Erhebung taucht in der aktuellen
Diskussion immer wieder die BED-Statistik (Business
Employment and Dynamics) auf, weil sie Hinweise
auf einen etwaigen Revisionsbedarf des monatlichen
Stellensaldos aus der CES-Statistik liefert. Genau
genommen ist es jedoch nicht die BED-Statistik,
die zur jährlichen Revision des monatlichen Stellensaldos herangezogen wird, sondern die Quarterly
Census of Employment and Wages-Statistik (QCEW),
die die Grundlagen für die jährliche CES-Anpassung
bildet und gleichzeitig die Daten für die BEDStatistik
liefert (vgl. Abbildung 1).
Die QCEW-Daten werden als »Benchmark« herangezogen,
weil sie anders als die meisten Statistiken
des BLS nicht auf einer Stichprobenerhebung basieren,
sondern auf die Beitragszahlungen der Arbeitslosenversicherungs-
Statistik zurückgreifen, in der
nahezu alle abhängig Beschäftigten erfasst sind. Es
wird somit nicht nur ein mehr oder weniger repräsentativer
Teil der Beschäftigten erfasst – vielmehr
handelt es sich quasi um eine Totalerhebung.
Der Nachteil der QCEW-Statistik liegt in dem erheblichen
Aufwand, der bei ihrer Ermittlung notwendig
ist, und der Zeitverzögerung von rund
einem halben Jahr, mit der die Daten schliesslich
vorliegen.
Abbildung 3: Die QCEW-Daten bilden die Basis
für die Revisionen des Stellensaldos …

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG
In der Gegenüberstellung in Abbildung 3 zeigt sich,
dass die jährliche Revision der CES-Statistik auf
Basis der QCEW-Daten zu einem eng korrelierten
Verlauf der Stellensalden beider Statistiken führt. 1
Am aktuellen Rand, für den noch keine Angleichung
vorgenommen wurde, klafft jedoch eine
relativ grosse Lücke – der Stellensaldo laut QCEWDaten
liegt erkennbar unter dem des monatlichen
Arbeitsmarktberichts. Noch deutlicher kommt die
Diskrepanz bei der Gegenüberstellung des CESStellensaldos
mit der BED-Statistik zum Ausdruck.
Demnach lag die Zahl der neu geschaffenen Stellen
(im privaten Sektor) im 3. Quartal 2006 nicht bei rund 500.000, sondern mit +19.000 nahe null (vgl.
Abbildung 4).
Abbildung 4: … und deuten auf eine
Abwärtskorrektur hin!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG
Vor diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich,
dass mit der nächsten jährlichen »Benchmark«-
Revision für den Zeitraum März 2006 bis März 2007
die Beschäftigtenzahl der CES-Statistik merklich
nach unten korrigiert wird, wodurch die monatlichen
Stellensalden in diesem Zeitraum entsprechend
geringer ausfallen. Wie umfangreich die
Anpassung jedoch tatsächlich sein wird, hängt zu
einem grossen Teil von den QCEW-Daten für
Q4/2006 und Q1/2007 ab. Eine erste offizielle Abschätzung
des Korrekturbedarfs wird das BLS nach
der Bekanntgabe der QCEW-Daten für das 1. Quartal
2007 im Herbst dieses Jahres veröffentlichen, die
detaillierte Revision folgt indes erst Anfang 2008!
Monatlicher Stellensaldo versus Arbeitslosenquote
Als Zwischenfazit bleibt festzustellen, dass im
Hinblick auf eine zeitnahe Beurteilung der Arbeitsmarktlage
kein Weg an der monatlichen CESStatistik
vorbeiführt. Und hier zeigt die Arbeitsmarktdynamik
bislang nur moderat nach unten,
mit der Einschränkung, dass dieser Trend unter
Umständen nach der nächsten Revision steiler
ausfällt. Ist der Arbeitsmarkt also tatsächlich
schwächer als bislang angenommen und muss sich
die Notenbank daher mehr Sorgen um das Vollbeschäftigungsziel
machen?
Zur Beantwortung dieser Frage hilft ein Blick auf
die Arbeitslosenquote, die im Rahmen der CPSStatistik
ermittelt wird. So ist die Veränderung der
Arbeitslosenquote – wie eingangs erwähnt – eng mit
der Entwicklung des Stellensaldos korreliert: Liegt
die Zahl der neu geschaffenen Stellen über dem
Wachstum des Erwerbspersonenpotentials, geht die
Arbeitslosenquote zurück und umgekehrt; derzeit
liegt die Grenze bei rund 125.000 (vgl. Abbildung 5).
Abbildung 5: Arbeitslosenquote und Stellensaldo
präsentieren ein einheitliches Bild!

Quelle: BLS, BANTLEON BANK AG
Entscheidend ist nun, dass die Arbeitslosenquote
kaum revidiert wird. Ausser der jährlichen Aktualisierung
der Saisonbereinigungsfaktoren wird lediglich
im Rhythmus von drei bis vier Jahren eine Anpassung
an die Bevölkerungsstatistik vorgenommen,
die jedoch selten nennenswerte Änderungen
bei der Arbeitslosenquote mit sich bringt. Selbst
wenn also der Stellensaldo Anfang nächsten Jahres
nach unten korrigiert werden sollte – die sich zuletzt
seitwärts bewegende Arbeitslosenquote dürfte
ungeachtet dessen immer noch eine relativ robuste
Beschäftigungsentwicklung widerspiegeln.
Welche der beiden Statistiken würde in diesem Fall
stärker wiegen? Im Hinblick auf das wirtschaftspolitische
Ziel Vollbeschäftigung stünde die Arbeitslosenquote
im Vordergrund. Denn in diesem Zusammenhang
ist nicht entscheidend, ob 50.000 oder
100.000 oder 200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen
werden – wichtig ist, ob die Stellenschaffungen
ausreichen, die wachsende Erwerbsbevölkerung
aufzunehmen. Eine seitwärts tendierende Arbeitslosenquote
würde aber genau das signalisieren.
Andere Arbeitsmarktindikatoren ausserhalb
des BLS
Ein ähnliches Bild zeichnen die meisten übrigen
(ausserhalb des BLS) ermittelten Arbeitsmarktindikatoren.
So ist – wie bei der Arbeitslosenquote –
auch in den Beschäftigungskomponenten der
Verbrauchervertrauensumfragen der Abwärtstrend
zu einem Ende gekommen und in eine Seitwärtsbewegung
übergegangen (vgl. Abbildung 6). Die
Arbeitsmarktdynamik hat also nach Auffassung der
US-Bürger nachgelassen, ohne jedoch einzubrechen.
Die ISM-Einkaufsmanagerumfragen lassen ebenfalls
einen im letzten Jahr nur moderat schwächer werdenden
Beschäftigungsaufbau erkennen, wobei hier
in den vergangenen Monaten eine Stabilisierung auf relativ hohem Niveau zu beobachten ist (vgl. Abbildung
7).
Abbildung 6: Moderat nachlassende Beschäftigungsdynamik
auch in den Augen der Verbraucher!

Quelle: Conference Board, BLS, BANTLEON BANK AG
Die gleichzeitig kaum gestiegene Zahl an Erstanträgen
auf Arbeitslosenunterstützung zeichnet sogar
ein noch freundlicheres Bild: Demnach ist die Arbeitsmarktdynamik
seit einigen Jahren als relativ
stabil anzusehen (vgl. Abbildung 7).
Abbildung 7: Stabile Entwicklung gemäss den
Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe!

Quelle: ISM, DOL, BANTLEON BANK AG
Zusammenfassung: Woher kommt die Robustheit
des Arbeitsmarktes?
In der Gesamtschau kann die gegenwärtige Arbeitsmarktlage
folgendermassen beschrieben
werden: Nahezu alle Statistiken und Indikatoren
lassen im Laufe der vergangenen Jahre eine leichte
Abschwächung erkennen – einen dramatischen
Einbruch zeigt jedoch keine der aktuellen Erhebungen.
Offensichtlich konnte die deutliche Verlangsamung
des BIP-Wachstums von über 3,5% auf
nur noch rund 2,0% in den letzten Quartalen dem
Arbeitsmarkt bislang nur wenig anhaben. Zwar
stellten die Unternehmen weniger neue Mitarbeiter
ein – umfangreiche Entlassungen blieben aber aus,
wie die JOLTS-Statistik und die Erstanträge auf
Arbeitslosenunterstützung übereinstimmend bestätigen. Offenbar hält der zunehmende Mangel an
qualifizierten Arbeitskräften die Firmen gegenwärtig
von derartigen Massnahmen ab. Vor diesem
Hintergrund ist es auch plausibel, dass die Verbraucher
kaum unter der schleichenden Verschlechterung
des Beschäftigungsumfeldes zu leiden hatten.
Ausblick: Wie geht’s weiter am US-Arbeitsmarkt?
Sollte die Wachstumsschwäche jedoch weiter andauern
– wovon wir angesichts der strukturellen
Belastungsfaktoren grundsätzlich ausgehen –, dürfte
der bislang nur angeschlagene Arbeitsmarkt stärker
ins Straucheln geraten. So lässt das schon jetzt
unübersehbar rückläufige Gewinnwachstum den
Ruf nach Rationalisierungsmassnahmen lauter werden.
Es fehlt somit nicht viel, und die Zahl der
Entlassungen nimmt zu und in der Folge steigt
auch die Arbeitslosenquote an.
Abbildung 8: Kurzfristig dürfte sich der Arbeitsmarkt
weiter stabil entwickeln!

Quelle: BLS, ISM, BANTLEON BANK AG
Diese Entwicklung sollte sich jedoch erst in der
mittelfristigen Perspektive einstellen. Kurzfristig ist
wegen der jüngsten Belebung im verarbeitenden
Gewerbe vielmehr mit einer moderaten Erholung
zu rechnen. So befindet sich der trendbestimmende
ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie inzwischen
seit mehreren Monaten wieder in einem
Aufwärtstrend und kündigt damit zeitverzögert
eine erneut anziehende Arbeitsmarktdynamik an:
Der Wiederaufbau der Lagerbestände und der
Nachholbedarf bei den Investitionsausgaben dürften
zu umfangreicheren Stellenschaffungen führen.
Die Arbeitslosenquote könnte vor diesem Hintergrund
vorübergehend sogar wieder auf ihren zyklischen
Tiefstand von 4,4% zurückgehen (vgl. Abbildung
8), bevor ab dem Jahresende eine neue Aufwärtsdynamik
einsetzt.
Zum Download
1 Verbleibende Differenzen beruhen darauf, dass die Revisionen
sich jeweils nur auf den März eines Jahres beziehen – die
Entwicklung der übrigen Monate ist somit nach wie vor von
unterschiedlichen Datenquellen geprägt.