Blitzstart ins Jahr 2007
Die japanische Wirtschaft ist laut offiziellen Berechnungen
in den ersten drei Monaten des Jahres um
0,8% gegenüber dem Schlussvierteljahr 2006 gewachsen.
Nach dem extrem starken 4. Quartal 2006
(+1,2% vs. Q3) muss dies ohne Abstriche als sehr
gutes Ergebnis gewertet werden. Zumal der Anstieg
des BIP erneut deutlich höher war als das langfristige
Wachstumspotential, das unseren Berechnungen
zufolge bei ca. 0,4% pro Quartal anzusiedeln ist
(vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: Die japanische Wirtschaft auf der
Erfolgsspur!

Quelle: Econ. and Social Research Inst., BANTLEON BANK AG
Hervorzuheben ist des Weiteren der hohe Wachstumsbeitrag
des privaten Konsums, der um 0,8%
zulegen konnte (nach 1,1% in Q4/2006), was alleine
0,4%-Wachsumspunkte lieferte. Auch die Exporte –
der klassische Motor der japanischen Wirtschaft –
wuchsen mit 3,3% überproportional stark und trugen
damit (nach Abzug der Importe) 0,5%-Punkte
zum Gesamtergebnis bei. Vergleichsweise schwach
waren dagegen die Unternehmensinvestitionen
(0,3%) sowie der Lagerabbau (0,1%), die jeweils nur
einen marginalen Wachstumsbeitrag leisteten.
Dennoch, aus der insgesamt ausgewogenen Struktur
des Wirtschaftswachstums könnte man den
Schluss ziehen, dass Japan nach einem »verlorenen
Jahrzehnt« mittlerweile auf einen stabilen, selbsttragenden
Wachstumspfad zurückgekehrt ist: auf der einen Seite die erstarkende Binnenkonjunktur, auf
der anderen Seite die rasant expandierende Boomregion
Südostasiens »direkt vor der Haustür« –
eigentlich ideale Voraussetzungen für die zweitgrösste
Volkswirtschaft der Welt, wieder ihre frühere
Rolle als globale Wachstumslokomotive einzunehmen.
Exportperspektiven – trotz Yen-Schwäche wenig
berauschend
»Eigentlich«, denn die Dinge sind bei näherem Hinsehen
weniger eindeutig, als sie auf den ersten Blick
anmuten. So suggeriert der positive Wachstumsbeitrag
des Aussenhandels (Exporte – Importe), japanische
Unternehmen seien aussergewöhnlich wettbewerbsfähig
und/oder profitierten in erheblichem
Masse von der robusten Weltwirtschaft. Ähnlich
wie im Euroraum wirke sich deswegen die Schwäche
der US-Wirtschaft so gut wie überhaupt nicht
auf das Exportgeschäft aus; vielmehr scheint es den
Unternehmen erfolgreich gelungen zu sein, auf
andere Absatzmärkte auszuweichen, allen voran in
Asien sowie in Europa.
Abbildung 2: Regionale Handelsbilanzsalden im
Vergleich!

Quelle: Ministry of Finance, BANTLEON BANK AG
Die Fakten sagen allerdings etwas anderes. Zwar
kommt der Europäischen Union eine wachsende
Bedeutung als Handelspartner zu, die führende
Rolle der USA ist jedoch unangefochten. Der Handelsbilanzüberschuss
mit den Vereinigten Staaten ist bis zuletzt sogar weiter gestiegen (siehe
Abbildung 2). Das kann nur heissen, dass japanische
Unternehmen dort ihre Marktanteile in einem
Umfeld rückläufigen Nachfragewachstums ausbauen
konnten – bestes Beispiel hierfür ist der Automobilhersteller
Toyota.
Die wachsenden Marktanteile japanischer Unternehmen
in den USA und Europa sind allerdings
weniger Ausdruck eines produktivitätsbedingten
Wettbewerbsvorteils als vielmehr Reflex der reichlichen
Exportsubventionen, die implizit aus der anhaltenden
Abwertung des Yen (binnen eines Jahres:
-13% vs. EUR, -10% vs. USD) resultieren. Für diese
These spricht, dass ausgerechnet im Handel mit den
anderen asiatischen Volkswirtschaften, die ebenfalls
ein extrem aktives Wechselkursmanagement betreiben,
eine Stagnation auszumachen ist (siehe
Abbildung 2)!
Abbildung 3: Japan im Sog der schwächeren
Weltwirtschaft!

Quelle: Ministry of Finance, BANTLEON BANK AG
Darüber hinaus kann von höheren Marktanteilen
nicht auf eine generelle Verbesserung der Exportchancen
geschlossen werden. Wie Abbildung 3
eindrücklich belegt, hat das Expansionstempo der
japanischen Ausfuhren zuletzt spürbar an Schwung
verloren. Dass der Aussenhandel dennoch einen
positiven Wachstumsbeitrag lieferte, ist nur der
extrem schwachen Importnachfrage zu verdanken.
Die abnehmende globale Konjunkturdynamik
macht somit auch den japanischen Unternehmen zu
schaffen. Angesichts unserer skeptischen Einschätzung
der weltwirtschaftlichen Perspektiven 2007
und 2008 dürfte sich daher der Wachstumsschub
von Seiten des Aussenhandels in den nächsten
Quartalen merklich verkleinern. Sollte zusätzlich
die Unterstützung durch den abwertenden Yen
wegfallen, droht in den exportabhängigen Branchen
sogar ein effektiver Rückgang des Absatzvolumens!
Die Investitionsdynamik lässt nach
Das abflauende Exportgeschäft wirft bereits Schatten
auf die Entwicklung der Unternehmensinvestitionen,
die zuletzt hinter den Erwartungen zurückgeblieben
waren. Viele Beobachter werteten das
relativ schwache Ergebnis des 1. Quartals als normale
Gegenbewegung auf die steilen Anstiege der
Vorperioden. Eine plausible Erklärung – aber nicht
die einzige.
Ein Belastungsfaktor dürfte in der Tat in der schwächeren
Auslandsnachfrage zu finden sein, die sich
in Japan sehr schnell auf die Investitionsabsichten
der Unternehmen auswirkt. Noch wichtiger ist jedoch,
dass auch die operativen Gewinne zuletzt
deutlich langsamer expandierten als in den Vorjahren
(2004: 28%; 2005: 12%; 2006: 10%, Q1/2007: 7%).
Abbildung 4: Hohe Lagerbestände treffen auf
sinkende Auftragseingänge!

Quelle: Econ. and Social Research Inst., BANTLEON BANK AG
Gründe hierfür sind erstens die hohen Rohstoffpreise
(verstärkt durch die rasante Yen-Abwertung!),
die sich in der nach wie vor stark industrielastigen
japanischen Wirtschaft besonders niederschlagen.
Zweitens (und für Japan als Inselstaat besonders
relevant): die dramatisch steigenden Frachtverkehrsraten;
der internationale Frachtpreisindex
notiert derzeit mehr als 150% über dem Vorjahresniveau.
Drittens: die hohe Kapitalbindung durch die
kräftig gestiegenen Lagerbestände in der Industrie,
die in Erwartung einer weiterhin robusten Exportkonjunktur
aufgelaufen sind (siehe Abbildung 4).
Die kräftige Abwertung des Yen sowie die sinkenden
Arbeitskosten (siehe unten) fangen zwar einen
Teil der Mehrbelastung auf, ohne jedoch am Befund
eines nachlassenden Gewinnwachstums etwas zu
verändern. Es ist daher kein Wunder, dass die Investitionsbereitschaft
der Unternehmen schwindet,
und dieser Trend wird nach Massgabe unserer
Frühindikatoren bis ins Jahr 2008 hineinreichen.
Kein Potential für eine nachhaltige Belebung des
privaten Verbrauchs
Die Abkühlung des Investitionsklimas wird für den
Arbeitsmarkt nicht ohne Folgen bleiben. Zwar befindet sich die Arbeitslosenquote derzeit mit 3,8%
auf einem 10-jährigen Tiefststand. Der offizielle
Frühindikator der Regierung signalisiert jedoch für
die nächsten Monate einen regelrechten Sprung
nach oben (siehe Abbildung 5). Auch das seit Mitte
2006 rückläufige Verhältnis von offenen Arbeitsstellen
zu Bewerbern deutet auf eine Trendwende am
Arbeitsmarkt hin.
Abbildung 5: Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich
im Jahresverlauf verschlechtern!

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Die Vorzeichen für eine Fortsetzung des jüngsten
Konsumbooms sind damit denkbar schlecht. Nicht
nur, weil sich die mittelfristigen Beschäftigungsaussichten
weniger rosig darstellen, sondern auch wegen
der bereits jetzt schrumpfenden Effektivverdienste
(Abbildung 6) – und das trotz der niedrigen
Arbeitslosenquote. Hierin spiegelt sich die extreme
Alterung der japanischen Gesellschaft wider. Die
Löhne der auf den Arbeitsmarkt nachrückenden
Jahrgänge sind deutlich geringer als diejenigen der
zahlenmässig überlegenen Verrentungs-Generation.
Der Abwärtsdruck auf die Löhne wird sich künftig
sogar noch verstärken, wenn die Arbeitslosenquote
erst zu steigen begonnen hat!
Abbildung 6: Sinkende Reallöhne restringieren
die Verbraucher!

Quelle: Global Insight, BANTLEON BANK AG
In Anbetracht dessen dürfte sich das Expansionstempo
des privaten Konsums im Jahresverlauf
spürbar verlangsamen. Das Gleiche gilt unter dem
Strich für das Wirtschaftswachstum insgesamt. Wir erwarten für den Jahresdurchschnitt 2007 einen
Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 2,1% –
verglichen mit den 2,2% des Jahres 2006 eine kaum
ins Gewicht fallende Abnahme, die aber primär auf
den hohen statistischen Überhang zurückzuführen
ist. Im Quartalsdurchschnitt dürfte 2007 mit 0,4%
aber erkennbar schlechter abschneiden als 2006
(+0,6%)!
Was folgt daraus für die Geldpolitik?
Die Bank of Japan (BoJ) hat den Leitzins seit Mitte
2006 in zwei Schritten von null auf 0,5% angehoben.
Die zögerliche Vorgehensweise ist dabei zum einen
auf die grosse Furcht vor einem zinsinduzierten
konjunkturellen Rückschlag zurückzuführen, zum
anderen aber auch eine Folge der immer noch nicht
vollständig überwundenen Deflation der Verbraucherpreise.
So sinkt die Kerninflationsrate (ex Energie
und Nahrungsmittel) nach wie vor mit einer
Jahresrate von 0,2%, und selbst unter Berücksichtigung
der kräftig gestiegenen Energiepreise sind die
Lebenshaltungskosten gerade einmal exakt so hoch
wie im Vorjahresmonat (April)!
Ganz anders stellt sich die Lage auf Erzeugerebene
dar. Hier kommen die hohen Rohstoff- und Frachtpreise
vollumfänglich zum Tragen: Der Grosshandelspreisindex
liegt 2,2% im Plus – Tendenz steigend.
Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht
der erodierenden Gewinnmargen erscheint die
Erwartung der BoJ durchaus gerechtfertigt, dass die
Unternehmen die steigenden Kosten künftig in
stärkerem Masse weiterreichen und von dieser Seite
auch die Verbraucherpreise über kurz oder lang in
einen leichten Aufwärtstrend einmünden.
Nach Massgabe der Notenbankprotokolle sind die
Währungshüter bereit, die Leitzinsen im Vorgriff
auf steigende Verbraucherpreise zu erhöhen – aber
nur, sofern der Konjunkturausblick entsprechend
positiv ausfällt. Auf Basis unserer Analysen trüben
sich die Wachstumsaussichten in den nächsten
Quartalen jedoch schrittweise ein. Deswegen gehen
wir davon aus, dass sich die japanische Notenbank
auch weiterhin Zeit lässt und die Zinsen graduell
erhöht. Nach unserer Einschätzung ist daher im
laufenden Jahr nur ein weiterer Schritt (+25 Bp auf
0,75%) zu erwarten, der wahrscheinlich im September
erfolgen wird. Mit einer anschliessenden Fortsetzung
des Erhöhungszyklus rechnen wir erst im
zweiten Halbjahr 2008 (+25 Bp auf dann 1,00%).
Eine unmittelbare Folge dieses extrem langsamen
Anpassungstempos der Geldmarktzinsen ist, dass
Japan in überschaubarer Zukunft eine zentrale Finanzierungsquelle
für die globalen Kapitalmärkte
bleiben dürfte. Falls die Carry-Trade-Lawine einmal
ausläuft, dann wohl nicht wegen der »direkten«
Finanzierungskosten, sondern allenfalls wegen
einer abrupten Aufwertung des Yen oder aber wegen der unattraktiven Bruttorenditen der kreditfinanzierten
Assets!
Moderat positives Umfeld für die Rentenmärkte
Die Renditen japanischer Staatsanleihen sind nach
einer monatelangen Seitwärtsbewegung in den
vergangenen Wochen nach oben ausgebrochen
(siehe Abbildung 7). Auslöser hierfür waren vor
allem die starken Arbeitsmarktdaten für den Monat
April (unerwarteter Rückgang der Arbeitslosenquote
von 4,0% auf 3,8%), die für einen grundlegenden
Richtungswechsel in der konjunkturellen Wahrnehmung
der Investoren sorgten. Fortan wurden
selbst eindeutig schwachen Wirtschaftszahlen eher
positive Seiten abgewonnen (»hätte schlimmer
kommen können«), was den Kursrutsch an den
Anleihenmärkten noch verstärkte.
Abbildung 7: Japanische Anleihenrenditen
im Höhenflug!

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG
In diesem Umfeld legten die Renditen über sämtliche
Laufzeiten hinweg 20 Bp bis 25 Bp zu, wobei
der Anstieg bei längeren Fälligkeiten grösser war als
am kurzen Ende (Bear-Steepening). Parallel wurden
die Leitzinserwartungen an den Geldterminmärkten
deutlich nach oben korrigiert. Galt es noch Anfang
Mai als unsicher, ob die BoJ die Zinsen im laufenden
Jahr überhaupt noch einmal anheben würde, rechnen
mittlerweile viele Investoren sogar mit zwei
Erhöhungen. Ende 2008 soll der Tagesgeldsatz bei
1,25% liegen, 12 Monate später bei 1,50%.
Ganz offensichtlich hat sich der japanische Rentenmarkt
auf einen rundweg positiven konjunkturellen
Datenflow eingestellt. Dies gilt vor allem für längere
Laufzeiten, die mit 1,90% (10J) deutlich über dem
für die nächsten zwei Jahre erwarteten Leitzinsgipfel
rentieren und damit einen komfortablen Puffer
zum Geldmarkt vorweisen können.
Nach Massgabe unseres oben dargelegten Konjunkturausblicks
ist es allerdings unrealistisch anzunehmen,
dass die hinter dem jüngsten Renditeanstieg
stehenden Wachstumserwartungen erfüllt,
geschweige denn übertroffen werden können. Sehr viel wahrscheinlicher sind enttäuschte Hoffnungen:
Das Wachstum dürfte sich stärker als vom Consensus
prognostiziert abschwächen, was die Bank of
Japan davon abhalten wird, die Zinsen im derzeit
eingepreisten Ausmass anzuheben.
Abbildung 8: Die konjunkturellen Frühindikatoren
versprechen fallende Kapitalmarktrenditen!

Quelle: Bloomberg, BANTLEON BANK AG
Profitieren werden hiervon primär länger laufende
Anleihen, für die wir spürbar sinkende Renditen
erwarten (siehe Abbildung 8): 10-jährige JGBs dürften
mittelfristig ca. 35 Bp tiefer rentieren und somit
in ihre ehemalige Seitwärtsrange (1,50% bis 1,75%)
zurückkehren. Bei kurzen Laufzeiten ist das Potential
wegen der fehlenden »Bewertungsreserven«
geringer, hier sollten die Renditen allenfalls 10 Bp in
Richtung 0,90% fallen. Die japanische Zinskurve –
die mit Abstand steilste aller grossen Industrienationen
– wird ihren übergeordneten Verflachungstrend
demnach fortsetzen. Bis Ende des Jahres sollte
sich der Spread zwischen 10- und 2-jährigen Anleihen
von aktuell 80 Bp auf unter 60 Bp einengen.
Fazit
Die japanische Wirtschaft erwischte einen Blitzstart
ins Jahr 2007 und konnte nahtlos an den positiven
Trend des Jahres 2006 anknüpfen. Obschon Japan
seine Rolle als Wachstumsbremse der Weltwirtschaft
mittlerweile abgelegt hat, kann wegen der
immer noch relativ schwachen Binnennachfrage
von einer Wachstumslokomotive keine Rede sein.
Dies gilt umso mehr, als unsere Analysen zeigen,
dass sich die konjunkturelle Dynamik im weiteren
Verlauf des Jahres spürbar verringern wird. Mit
einer aggressiveren Gangart der Bank of Japan ist in
diesem Umfeld nicht zu rechnen. Vielmehr sollte
sich die derzeit grassierende Leitzinsangst in den
nächsten Monaten verflüchtigen und dies sollte
Raum für einen Rückgang der Kapitalmarktrenditen
schaffen. In Anbetracht der Vorreiterrolle, die
der japanische Rentenmarkt für die globalen Anleihenmärkte
spielt, dürften von dieser Seite auch für
EUR-Staatsanleihen positive Impulse ausgehen!
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