Die Geldmenge läuft der EZB aus dem Ruder!
Die EZB verliert zunehmend die Kontrolle über die Geldmenge. Obwohl die Notenbank den Leitzins seit Dezember 2005 nahezu verdoppelt und damit die Kosten der Geldhaltung massiv verteuert hat, beschleunigte sich die Geldmengendynamik zuletzt sogar wieder. Mit einer Rate von 9,8% erreichte das M3-Wachstum im Dezember 2006 das höchste Niveau seit Beginn der Währungsunion.
Muss die EZB die Leitzinsen daher weiter anheben, um künftigen Inflationspotentialen frühzeitig zu begegnen, oder verbirgt sich hinter dem jüngsten Liquiditätsschub ein geldpolitisches Fehlsignal?
Die EZB als letzte Bastion der Geldmengensteuerung!
In der Wissenschaft bestreitet kaum jemand die Gefahren eines zu hohen Geldmengenwachstums. Zahlreiche empirische Studien belegen, dass langfristig eine enge Korrelation zwischen Geldmengen- und Inflationsentwicklung besteht und jeder grossen Inflationsphase des 20. Jahrhunderts eine kräftige Ausweitung der Geldmenge vorausging. Das letzte Beispiel hierfür stellen die 70er Jahre dar, als den meisten westlichen Notenbanken sowohl die Geldmenge als auch die Inflation aus dem Ruder lief.
Grundsätzlich macht es daher Sinn, die Geldmengenentwicklung genau zu beobachten und eine zu starke Ausweitung zu verhindern. Die praktischen Probleme einer aktiven »Geldmengensteuerung« haben sich aber seit Anfang der 90er Jahren dramatisch verschärft, was besonders das US-amerikanische Beispiel zeigt.
Anders als die EZB heute war die Federal Reserve damals daran interessiert, die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft im Nachgang der Rezession von 1990/1991 anzukurbeln. Sie senkte daher massiv die Leitzinsen. Die Geldmenge reagierte auf die geldpolitische Lockerung jedoch »pervers« – statt zu steigen, fiel sie weiter. Ausschlaggebend war, dass zunehmend Geschäfte ausserhalb der Bankbilanzen getätigt wurden: Unternehmen finanzierten sich direkt am Kapitalmarkt. Anleger wiederum wichen von klassischen Sparformen auf Fondsprodukte aus, die jedoch nicht in der traditionellen Geldmengendefinition enthalten waren. Die Geldmenge nahm folglich ab, eine Untervorsorgung mit Liquidität oder künftiges Disinflationspotential resultierte daraus allerdings nicht.
Andere Zentralbanken wie die Bank of England machten ähnliche Erfahrungen. Letztendlich sorgten weltweit neue Entwicklungen an den Vermögens- und Kreditmärkten dafür, dass es zum einen immer schwieriger wurde, den Geldbegriff statistisch zu erfassen. Zum anderen wurde die Beziehung zwischen Geldmenge und Inflation über längere Zeiträume so verzerrt, dass Notenbanken daraus keine vernünftigen Schlussfolgerungen mehr ziehen konnten.
In der modernen Geldpolitik fristet die Geldmenge daher nur noch ein Schattendasein – mit einer Ausnahme: Die EZB weist ihr eisern einen »prominenten Platz« in ihrer Strategie zu und führt damit das Erbe der Deutschen Bundesbank fort.
Die Verzerrungen der Geldmenge haben eine neue Dimension erreicht!
Dabei kämpft auch die EZB seit Beginn der Währungsunion mit den Fallstricken der Geldmenge. Als besonders problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang die permanente Überschreitung des selbst gewählten Geldmengenziels: In nicht weniger als 90% der Zeit lag die Wachstumsrate von M3 oberhalb des »inflationsneutralen« Referenzwertes von 4,5% (vgl. Abbildung 1). Gleichzeitig resultierte daraus jedoch – entgegen dem eigentlichen Postulat der EZB – kein grösseres Inflationsproblem. Um die zweite Säule ihrer Politik zu retten, war die Notenbank daher stets darum bemüht, zumindest ex-post die überhöhten Geldmengenzahlen zu rationalisieren:
- 1999/2000 verwies die Notenbank darauf, dass Ausländer vermehrt in Geldmarktfonds und andere kurzfristige Anlageformen der Währungsunion investierten und dadurch die Geldmenge aufblähten. Seit 2001 wird dieser Teil aus M3 herausgerechnet.
- In den Jahren 2001 bis 2003 wurde von den Währungshütern die verstärkte Risikoaversion der Anleger hervorgehoben, die im Nachgang des Aktien-Crashs die Flucht in kurzfristig liquide und sichere Anlageformen ergriffen. Seit 2004 wird daher versucht, solche Portfolioumschichtungen herauszufiltern. Die Wachstumsrate der entsprechend bereinigten Reihe lag im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2003 nur bei 5,4% statt 7,0% (vgl. Abbildung 1).
Abb. 1: Die »Portfoliobereinigung« sorgte nur kurzfristig für Entspannung bei der Geldmenge!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Bis ins Jahr 2004 gelang es der EZB auf diese Weise,
zumindest im Nachhinein das Geldmengenwachstum
einigermassen in Einklang mit ihrem Referenzwert
zu bringen und damit dem Vorwurf einer
zu laxen Geldpolitik zu begegnen. Seit Mitte 2004
hat sich jedoch ein neuer Aufwärtstrend im M3-
Wachstum etabliert, der den Höhepunkt des
letzten Zyklus (April 2003: 8,9%) sogar übertrifft
und bislang selbst durch höhere Leitzinsen nicht
gestoppt werden konnte.
Unserer Ansicht nach verbergen sich dahinter
wiederum Sonderfaktoren und Neuentwicklungen
an den Kapitalmärkten, die zu einer künstlichen
Aufblähung der Geldmenge führen. Die Dimension
der Verzerrungen hat dabei eine neue Qualität
erreicht. Rückschlüsse von der Geldmengenentwicklung
auf künftige Inflationspotentiale sind
daher aktuell mit noch grösserer Vorsicht zu
geniessen als in den Jahren zuvor.
Das Ausland sorgt für kurzfristige Verzerrungen!
Bei den Ursachen für die Verzerrungen muss
zwischen langfristigen und kurzfristigen Faktoren
unterschieden werden. Zu Letzteren gehören die
hohen ausländischen Kapitalzuflüsse am Jahresende
2006. Ausländer haben zwischen August und
Dezember 2006 Wertpapiere in Höhe von knapp
180 Mrd. Euro von Inländern erworben. Einen so
hohen ausländischen Liquiditätszufluss innerhalb
von nur vier Monaten gab es seit Beginn der Währungsunion
noch nie.
Abb. 2: Kapitalzuflüsse aus dem Ausland haben zuletzt M3 aufgebläht!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Um die Käufe abzuwickeln, wurden 180 Mrd. Euro
von ausländischen auf inländische Girokonten
umgebucht. Die Geldmenge, die nur Sichteinlagen
von Inländern umfasst, erhöhte sich entsprechend.
Allein diese Umbuchung hat beim M3-Wachstum
zum Jahresende einen Schub von 3%-Punkten
ausgelöst (vgl. Abbildung 2). Da es sich dabei um
einen eher kurzfristigen Effekt handeln dürfte –
internationale Kapitalanlagen sind ein »scheues
Reh« und können sehr schnell wieder abgezogen
werden – spiegelt die jüngste Beschleunigung des
Geldmengenwachstums in unseren Augen kein
zusätzliches Inflationspotential wider. Es zeigt sich
darin vielmehr, welche Geldvolumina mittlerweile
international in kürzester Zeit verschoben werden
und wie abhängig die europäische Geldmengenentwicklung
von ausländischen Portfolioentscheidungen
geworden ist.
Kreditfinanzierte Übernahmen blähen M3 auf!
Bereinigt man die Geldmenge um die ausländischen
Transaktionen, wird dadurch zwar der
Schwung der letzten Monate gedämpft, die längerfristige
Aufwärtsbewegung seit Mitte 2004 hat
jedoch fundamentalere Ursachen – das dynamische
Kreditwachstum. Die Kreditausleihungen der
Banken an den privaten Sektor wuchsen in den
vergangenen zwei Jahren um mehr als 30% (von
7.100 Mrd. Euro auf knapp 9.300 Mrd. Euro).
Neben Wohnungsbaukrediten erlebten dabei
insbesondere Unternehmenskredite eine erstaunliche
Wiederbelebung. Mit einer Wachstumsrate von
13,2% im Januar 2007 fällt die Dynamik momentan
sogar noch stärker aus als zum Zeitpunkt des letzten
zyklischen Höhepunkts im März 2001 (11,7%).
Als wesentliche Triebfeder der unternehmerischen
Kreditnachfrage gilt normalerweise der Finanzierungsbedarf
für Investitionen – Kredit- und Investitionszyklen
laufen daher parallel. Das Expansionstempo
bei den Investitionen liegt derzeit aber
immer noch unterhalb des Booms der Jahre 1998
bis 2000 (vgl. Abbildung 3). Der wachsende Finanzierungsbedarf
für Anlageinvestitionen allein kann daher das hohe Wachstum der Unternehmenskredite
nicht erklären.
Abb. 3: Unternehmenskredite wachsen schneller als Anlageinvestitionen!

Quelle: EZB, EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Ein Blick in die »Bank Lending Survey« enthüllt,
dass bis zuletzt ein anderes Motiv der Kreditnachfrage
für die europäischen Unternehmen im Vordergrund
stand: Die Finanzierung von Fusionen
und Übernahmen. Dies spiegelt sich auch in den
M&A-Daten wider. Zwar hat das Transaktionsvolumen
noch nicht ganz die Dimension der letzten
Übernahmewelle um die Jahrtausendwende erreicht.
Entscheidend ist jedoch, dass ein weitaus
höherer Teil der Akquisitionen als damals über den
traditionellen Bankkredit statt über die Emission
neuer Aktien oder Schuldverschreibungen finanziert
wurde (vgl. Abbildung 4).
Abb. 4: Die Finanzierung über Aktien hat an Bedeutung eingebüsst!

Quelle: EZB, EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Zu dieser Renaissance der Bankkredite trugen
sowohl Umwälzungen an den Kapitalmärkten als
auch Finanzinnovationen bei:
- Erstens hat die Entwicklung des Marktes für
Kreditderivate (Credit Default Swaps) dazu geführt,
dass Kreditrisiken effizienter gestreut
werden können. Dieses verbesserte Risikomanagement
hat – zusammen mit den sinkenden
Ausfallraten der letzten Jahre – die Bereitschaft
zur Kreditvergabe erhöht. Letzteres zeigt sich
unter anderem in der kontinuierlichen Lockerung
der Kreditvergabestandards, die sich laut
»Bank Lending Survey« seit vier Jahren vollzieht.
- Zweitens hat das Aufblühen des Marktes für
privates Beteiligungskapital (»Private Equity«)
das Übernahmegeschäft belebt. Für Private-
Equity-Gesellschaften ist es dabei besonders attraktiv,
solche Transaktionen mit einem hohen
Anteil an Fremdkapital zu finanzieren, weil
hierdurch die potentielle Kapitalrendite steigt.
In der Statistik werden Private-Equity-Gesellschaften
unter der Rubrik »Sonstige Finanzinstitute« (SFIs) erfasst. Abbildung 5 zeigt, dass
sich die Kreditvergabe an SFIs in den vergangenen
Jahren noch dynamischer entwickelt hat
als an »gewöhnliche« Unternehmen, auch wenn
zuletzt eine leichte Abkühlung zu beobachten
war.
Abb. 5: Vor allem die Bankkredite an »Sonstige Finanzinstitute« entwickelten sich dynamisch!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Die Unternehmen halten höhere Kassenbestände!
Die wachsenden Übernahmeaktivitäten haben
jedoch nicht nur das Kreditgeschäft belebt, sondern
auch die Geldhaltung der Unternehmen und SFIs
anschwellen lassen – zur Finanzierung der Transaktionen
wurden nicht nur Kredit-, sondern auch
Barmittel verwendet.
Abb. 6: Die privaten Haushalte haben ihre Geldhaltung kaum erhöht!

Quelle: EZB, BANTLEON BANK AG
Einen Beleg für die steigende Kassenhaltung der
Unternehmen liefert die sektorale Aufschlüsselung
des Geldmengenwachstums, welche die EZB seit
Mitte 2006 veröffentlicht. Zentrales Ergebnis dieser
neuen statistischen Untergliederung ist, dass der Aufwärtstrend im Geldmengenwachstum seit 2004
primär unternehmensgetrieben ist (vgl. Abbildung
6). Viele Unternehmen haben ihre höheren
Cashflows der vergangenen Jahre offenbar bewusst
gehortet, um z.B. für Übernahmeaktivitäten gewappnet
zu sein. Das Geldmengenwachstum der
Privathaushalte befindet sich hingegen bestenfalls
in einem sehr flachen Aufwärtstrend. Die Konsumenten
sind daher nicht an dem Liquiditätsboom
beteiligt!
Für uns steht damit fest, dass neue Entwicklungen
an den Kapitalmärkten (Credit Default Swaps,
Private-Equity-Boom) die Liquiditätsschwemme
verursacht haben. Hierdurch wurde das Kreditgeschäft
stimuliert und die Geldnachfrage der Unternehmen
erhöht. Eine konjunkturbedingte Mehrnachfrage
nach liquiden Mitteln – zur Finanzierung
von Investitionen oder Konsumgütern – mit der
künftige Inflationsrisiken verbunden wären, spielte
dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Das anziehende Geldmengenwachstum ist strukturell, nicht konjunkturell bedingt!
Fazit: Die EZB sieht sich seit Beginn der Währungsunion
einer strukturell verursachten Mehrnachfrage
nach Geld gegenüber, welche eine
permanente Überschreitung des Geldmengenziels
zur Folge hat. In den Jahren 2001 bis 2003 waren
dafür vor allem Portfolioumschichtungen (Umtausch
von risikoreiche in risikoärmere Anlageformen)
verantwortlich. Seit 2004 führt das wachsende
Volumen an fremd- und barfinanzierten Übernahmeaktivitäten
zu einer höheren Geldhaltung
auf Seiten der Unternehmen.
Entgegen der Entwicklung Anfang der 1990er Jahre
als Kapitalgeber und -nehmer die Banken in zunehmenden
Masse umgangen haben (Disintermediation),
findet somit in den letzten Jahren wieder
eine Rückkehr in die Bankbilanzen statt. Damit
einher geht eine Aufblähung der Geldmenge, die
aus unserer Sicht aber kein zusätzliches Inflationspotential
in sich birgt. Das hohe M3-Wachstum
der letzten Monate stellt folglich keinen Grund
für die EZB dar, die Leitzinsen weiter zu erhöhen!
Gleichzeitig zeigt sich einmal mehr, dass die
Geldmengensäule immer schwieriger interpretierbar
ist und weiter an Einfluss innerhalb der
EZB-Strategie verlieren wird.
Zum Download