Die Kluft zwischen der Konjunktureuphorie und den realwirtschaftlichen Faktoren wächst

Die deutsche Wirtschaft kann so leicht nichts mehr ins Straucheln bringen. Diese Einschätzung ist mittlerweile tief bei den Analysten und Investoren verwurzelt. Der Euro auf Rekordhoch – kein Problem; die deutschen Produkte sind im Ausland derart begehrt und so individuell auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten, dass der Preis nur eine sekundäre Rolle spielt. Der Ölpreis über 75 USD – auch das schreckt inzwischen niemand mehr. Im Gegenteil, gerade die Ölmultis wissen deutsche Wertarbeit zu schätzen und benötigen deutsches Know-how zum Aufbau ihrer Infrastruktur. Vom Ölrecycling aus dem Nahen Osten profitiert Deutschland daher überproportional. Der neue, selbstbewusste Blick auf die deutsche Wirtschaft wird dabei nicht zuletzt durch die Geschäftsklimaumfragen gestützt, die zur Jahresmitte kaum Schwächesignale erkennen liessen.

Betrachtet man jedoch ganz nüchtern die realwirtschaftlichen Daten, die nunmehr bis Mai 2007 vorliegen, besteht für überbordende Euphorie kein Anlass. Die Produktion des verarbeitenden Gewerbes liegt im Zweimonatsdurchschnitt April/Mai unter dem Vorquartal, die Bauproduktion ist regelrecht eingebrochen (-9,3%) und die Exporte stagnieren. Auch der Einzelhandel kommt nach wie vor nicht in Tritt. Nach -7,3% im 1. Quartal, zeichnet sich im 2. Quartal lediglich ein bescheidenes Plus ab. Im Ergebnis dürfte die deutsche Wirtschaft – wie bereits im Vorquartal – bestenfalls in Höhe ihres Potentialniveaus expandieren (2,0% annualisiert). Im vergangenen Jahr sah dies noch ganz anders aus, damals lag der BIPZuwachs in jedem Quartal fast doppelt so hoch!

Wie stellt sich die Situation in den übrigen Euroländern dar? Die beiden anderen grossen Volkswirtschaften sind nach wie vor nicht in der Lage, in die Rolle einer Konjunkturlokomotive zu schlüpfen. Die Industrieproduktion liegt sowohl in Frankreich als auch in Italien im ersten Halbjahr 2007 nur geringfügig über Vorjahresniveau. Hinzu kommt, dass die französische Konsumnachfrage – vergangenes Jahr noch ein stetiger Wachstumstreiber – im ersten Halbjahr eine Verschnaufpause einlegte. Beide Länder werden daher im abgelaufenen Quartal zum zweiten Mal in Folge bestenfalls knapp ihr Potentialniveau ausschöpfen.

Insgesamt ergibt sich daraus eine vergleichsweise moderate Wachstumseinschätzung für den Euroraum: Ein unmittelbares Ende des Aufschwungs ist zwar nicht zu befürchten, der Abwärtstrend im Expansionstempo (im Vorjahresvergleich) setzt sich jedoch bis zum Jahresende fort. In einem solchen Umfeld dürften der gestiegene Euro und die höheren Rohstoffpreise sehr wohl die Einschätzung über die künftigen Geschäftsaussichten beeinträchtigen. Dies wird sich im weiteren Jahresverlauf negativ in den Geschäftsklimaumfragen niederschlagen, die trotz solider Wachstumszahlen einen allmählich abnehmenden Optimismus widerspiegeln werden.

Die Rentenmarktperspektiven stellen sich vor diesem makroökonomischen Hintergrund ambivalent dar: Auf der einen Seite lässt sich der zyklische Abwärtstrend bald nicht mehr leugnen – der Weg für fallende Renditen ist damit prinzipiell vorgezeichnet. Auf der anderen Seite nimmt der gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrad der Kapazitäten jedoch nur graduell ab. Das Thema »Inflationsgefahr« wird somit vorerst an den Anleihenmärkten präsent bleiben und immer wieder Leitzinsängste schüren. Im Sog des rückläufigen Wirtschaftswachstums sollte sich das Inflationsumfeld jedoch allmählich aufhellen, womit sich auch die Rentenmarktaussichten verbessern. Wir bleiben daher optimistisch. Am Jahresende werden die Renditen unter dem gegenwärtigen Niveau liegen.

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