Die EZB wandelt auf neuen Wegen

Rückblick: Vor etwas mehr als sieben Jahren, im April 2001, sank der EUR-Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes auf 49,2 Punkte und das Industrievertrauen (EU-Kommission) auf -5 Punkte. Die beiden wichtigsten Konjunkturbarometer der Währungsunion waren damit innerhalb weniger Monate abgestürzt und signalisierten eine markante Wachstumsverlangsamung. Gleichzeitig zog die Inflationsrate zwischen März und Mai 2001 – unter anderem als Folge der Maul- und Klauenseuche – von 2,2% auf 3,1% an.

Die Parallelen zur heutigen wirtschaftlichen Lage sind unverkennbar: Der jüngste Teuerungsschub fällt zwar noch etwas ausgeprägter aus. Andererseits weisen der EMI des verarbeitenden Gewerbes (49,1 Punkte) und das Industrievertrauen (-5 Punkte) ziemlich exakt die Niveaus von damals auf. Wird zusätzlich der Service-EMI einbezogen (heute: 49,5 Punkte, April 2001: 53,1 Punkte), stellt sich die konjunkturelle Situation sogar noch schlechter dar.

Trotz dieser Duplizität der Ereignisse könnten die Rückschlüsse der EZB unterschiedlicher nicht sein. Im Mai 2001 senkte die EZB den Hauptrefinanzierungssatz von 4,75% auf 4,50% und leitete damit einen Zinssenkungszyklus ein. Am kommenden Donnerstag wird die EZB hingegen den Leitzins voraussichtlich von 4,00% auf 4,25% erhöhen und dies obwohl der 3-Monats-Libor in den letzten zwölf Monaten ohnehin von 4,15% auf 4,95% angestiegen ist. Wie erklärt sich das unterschiedliche Handeln der obersten Währungshüter?

Erstens dürfte eine Rolle spielen, dass Deutschland und der gesamte frühere DM-Block (Beneluxländer und Österreich) heute wirtschaftlich besser dastehen als vor sieben Jahren. Gerade die Notenbanker aus diesen Ländern (Weber, Stark, Liebscher, Tumpel-Gugerell, Wellink, Mersch, Quaden) besitzen hohen Einfluss im EZB-Rat und treten vehement für höhere Leitzinsen ein. Kritischere Töne der spanischen, italienischen und irischen EZB-Vertreter finden hingegen momentan noch kein Gehör.

Zweitens sind die Inflationserwartungen 2001 stabil geblieben, in den letzten Wochen hingegen nach oben ausgebrochen. Sowohl die Währungshüter als auch die Marktakteure gehen von einer hohen Persistenz des Ölpreisschocks aus – Rohölpreisprognosen von über 200 USD scheinen daher nicht mehr utopisch. Gleichzeitig ist das Vertrauen auf weitere Disinflationsgewinne durch die Globalisierung (Stichwort: Billigimporte aus China) erschöpft.

Das mögliche Ende der seit 30 Jahren anhaltenden Tendenz rückläufiger Inflationsraten sorgt dafür, dass die EZB dieses Mal noch später auf eine Wachstumsverlangsamung reagiert als sonst. Allein schwache Konjunkturbarometer reichen nicht aus, um den Leitzinserhöhungszyklus zu stoppen. Vielmehr benötigt die Notenbank klare »Beweise« in Form schwacher realwirtschaftlicher Daten. Aus unserer Sicht wird es diese Belege in den kommenden Monaten in üppiger Form geben. Das BIP-Wachstum wird für den Rest des Jahres deutlich unter der Potentialrate (0,5% im Quartalsvergleich) liegen, die Industrieproduktion dürfte stagnieren und die Arbeitslosenquoten ansteigen. Dies wird spätestens im Herbst für eine Wende in der Geldpolitik sorgen. Anfang 2009 sollten sogar wieder Leitzinssenkungen auf der Tagesordnung stehen. Vor diesem Hintergrund bewerten wir die Ertragsperspektiven für europäische Anleihen als ausserordentlich günstig.

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