Der Euroraum im Abwärtssog der US-Wirtschaft!

Dr. Daniel Hartmann
Fundamentale
Analyse

Abschwung in den USA – anhaltender Aufschwung im Euroraum?

Die US-Wirtschaft befindet sich seit Anfang 2006 im Abwärtstrend: Das BIP-Wachstum hat sich zwischen dem 1. und 3. Quartal mehr als halbiert. Für die nächsten Monate signalisieren sowohl unsere eigenen als auch die offiziellen Frühindikatoren (Einkaufsmanagerindex der Industrie) eine weitere Abschwächung.

Der Immobilienmarktkrise kommt dabei unverändert die Schlüsselrolle zu. Sie dürfte 2007 nicht nur den Wohnungsbau, sondern die gesamte Binnennachfrage in Mitleidenschaft ziehen. Wir rechnen daher im kommenden Jahr mit einem BIP-Wachstum von nur noch 2,2% (nach 3,3%) – die niedrigste Expansionsrate seit 2002.

Eine solche Wachstumsverlangsamung in der grössten Volkswirtschaft der Welt blieb in den vergangenen Jahrzehnten nicht folgenlos für den globalen Konjunkturtrend. Im Euroraum stösst diese Tatsache jedoch derzeit auf taube Ohren. Die EZB beschwört unverdrossen die Inflationsgefahren und die meisten Konjunkturbeobachter rechnen bestenfalls mit einer minimalen Dämpfung des lebhaften Aufschwungs.

Zwei Thesen für die gewachsene Autonomie der europäischen Wirtschaft

Die gelassene Haltung wird in der Regel mit den folgenden Thesen begründet:

Erstens: Die Bedeutung der USA für den globalen Handel und die weltwirtschaftliche Dynamik habe in den letzten Jahren abgenommen. Inzwischen gebe es andere kraftvolle Wachstumszentren (China, Osteuropa, das wiedererstarkte Japan), die eine konjunkturelle Schwächephase in den USA ausgleichen könnten.

Zweitens: Der Aufschwung im Euroraum habe ohnehin ein selbsttragendes Stadium erreicht, weshalb ausländische Impulse nicht mehr erforderlich seien. Speziell mit Blick auf Deutschland wird argumentiert, dass die langjährige Krise in der Bauwirtschaft sowie die lähmende Konsumschwäche dauerhaft überwunden seien.

Die USA sind nach wie vor unangefochten der wichtigste Absatzmarkt der Welt!

Vor allem die erste These erweist sich bei näherer Betrachtung als haltlos – die Bedeutung der USA für die Weltwirtschaft ist ungebrochen! Die Amerikaner absorbierten in den letzten drei Jahren zwischen 15% und 18% der international gehandelten Waren und damit nicht weniger als in den zwei Dekaden zuvor (vgl. Abb. 1). Nur in der Hochphase der »New Economy« stieg der Anteil der US-Importe an der globalen Wareneinfuhr vorübergehend auf 19,5%.

Abb. 1: USA halten Anteil am Welthandel!

Quelle: IMF, BANTLEON BANK AG;*Importe/Weltimporte

Dass die USA trotz aufstrebender Schwellenländer ihre Funktion als wichtigster Absatzmarkt der Welt unangefochten behaupten konnten, liegt zum einen am – für ein Industrieland – überdurchschnittlichen Wachstum. Zum anderen am Konsumhunger der privaten Haushalte, die einen immer grösseren Teil ihres privaten Verbrauchs über Importgüter befriedigen. Waren es Anfang der 1990er Jahre lediglich 12%, werden mittlerweile 22% der Haushaltsartikel, Elektrogeräte, Kleider etc. eingeführt.

Von den USA ging in den letzten Jahren ein gewaltiger globaler Wachstumsimpuls aus!

Das anhaltend hohe Importvolumen ist die eine Seite. Eine andere Frage ist, ob die USA nach wie vor der wichtigste Impulsgeber für den weltweiten Konjunkturzyklus sind.

Um hierauf eine Antwort zu finden, muss neben der Wareneinfuhr auch der Export in die Betrachtung einbezogen werden. Nur von Ländern, die als Folge einer kräftigen Binnennachfrage ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen, geht ein expansiver Effekt auf die weltwirtschaftliche Dynamik aus – sie fragen mehr Güter nach, als die eigene Volkswirtschaft produzieren kann.

Abb. 2: Das US-Leistungsbilanzdefizit als globales Konjunkturprogramm!

Quelle: BEA, OECD, BANTLEON BANK AG

Keine andere Wirtschaftsregion als die USA hat in dieser Hinsicht in den letzten Jahren mehr »geleistet«. Zwischen 1999 und 2005 wuchs das US-Aussenhandelsdefizit von 300 Mrd. auf 800 Mrd. USD an. Die »übrige Welt« sah sich entsprechend einer Mehrnachfrage an Gütern und Dienstleistungen in Höhe von 500 Mrd. USD gegenüber – ein gewaltiges globales Konjunkturprogramm. Abb. 2 zeigt, dass die expansive Wirkung des US-Leistungsbilanzsaldos seit 2002 weitaus stärker war als z.B. Mitte der 1990er Jahre.

Eine ähnlich starke Passivierung der Leistungsbilanz fand sonst nirgendwo statt. Weit abgeschlagen auf Platz zwei rangiert Frankreich, dessen Saldo innerhalb der letzten sechs Jahre von stark positivem in negatives Terrain drehte. Die restliche Welt erhielt hieraus zwar ebenfalls einen positiven, im Vergleich zur USA aber spürbar kleineren Nachfrageimpuls von 80 Mrd. USD.

Völlig abweichend hiervon stellt sich die Lage in China dar. Die aufstrebende Volkswirtschaft hat sich in den letzten Jahren zu einem der grössten Überschussländer entwickelt. Zwischen 1999 und 2005 nahm der positive Saldo in der Leistungsbilanz um 140 Mrd. USD zu. Anders als vielfach in der öffentlichen Debatte suggeriert, entpuppt sich China damit als globaler Bremsfaktor! Das Land überschwemmt die restliche Welt immer stärker mit ihren eigenen Waren, ohne in gleichem Umfang mehr zu importieren und zieht damit Produktionskapazitäten aus anderen Staaten ab.

Im Gegensatz zur amerikanischen ist die chinesische Binnennachfrage eben noch nicht kräftig genug, um expansive Effekte für die Weltwirtschaft zu erzeugen. Das »Reich der Mitte« ist vielmehr auch heute noch von Aussenhandelsimpulsen abhängig, die den eigenen Entwicklungsprozess stützen. Genau darum hält die chinesische Regierung beharrlich an der Politik der Unterbewertung des Yuan fest.

Es bleibt daher dabei: Die USA haben ihre Stellung als globale Konjunkturlokomotive behauptet. Die von uns prognostizierte Wachstumsabkühlung hinterlässt somit zwangsläufig Spuren im weltweiten Expansionstempo.

2007 schwächt sich der Welthandel spürbar ab!

Die abflauende Binnendynamik der USA wird sich in den nächsten Monaten zunehmend in der Importnachfrage bemerkbar machen, die mit dem BIP-Wachstum hoch korreliert ist, aber deutlich stärkere Ausschläge zeigt (vgl. Abb. 3). Der von uns prognostizierte Rückgang im BIP-Wachstum um 1,1% dürfte die US-Importe um ca. 3,0% dämpfen.

Abb. 3: Die amerikanische Importnachfrage im Jahr 2007 auf Tauchstation!

Quelle: BEA, BANTLEON BANK AG

Die Exportnachfrage wird hingegen noch gestützt durch die Abwertung des USD und die nachlaufenden Konjunkturzyklen in Europa und Asien. Die direkte Folge ist ein schrumpfendes Handelsbilanzdefizit, das sich bereits in den jüngsten Aussenhandelsdaten zeigt (vgl. Abb. 2).

Die USA wirken damit weniger expansiv auf die Weltwirtschaft als in den Vorjahren, was die globalen Handelsaktivitäten bremsen wird.

Abb. 4: Die vierjährige Hochphase des Welthandels neigt sich dem Ende zu!

Quelle: IMF, BEA, BANTLEON BANK AG

Wir gehen davon aus, dass sich die Zuwachsrate des internationalen Handels – wie in den vergangenen Zyklen – weitgehend parallel zur amerikanischen Importdynamik entwickelt. Das weltweite Importvolumen dürfte in diesem Umfeld von ca. 12% im Jahr 2006 auf 6% im Jahr 2007 zurückgehen (vgl. Abb. 4).

Die europäische Exportnachfrage im Abwärtssog des abflauenden Welthandels

Diesem Abwärtstrend wird sich der Euroraum nicht entziehen können. Abb. 5 veranschaulicht den hohen Gleichlauf zwischen internationalem und europäischem Konjunkturzyklus sowie das leichte Nachhinken des Euroraums.

Abb. 5: Die Konjunktur des Euroraums wird nicht verschont bleiben!

Quelle: EUROSTAT, OECD, BANTLEON BANK AG

Das derzeit häufig ins Feld geführte Argument, die Abhängigkeit der Währungsunion von aussenwirtschaftlichen Einflüssen habe in den vergangenen Jahren nachgelassen, entspricht daher nicht den Tatsachen. Abb. 6 unterstreicht dies nachhaltig: Die Exportquote (Exporte im Verhältnis zum BIP) hat seit Anfang der 1990er Jahre sogar kontinuierlich zugenommen. Ein allein auf der Binnennachfrage fussender Aufschwung ist folglich – zumal bei aussenwirtschaftlichem Gegenwind – über kurz oder lang auf Sand gebaut.

Abb. 6: Die Abhängigkeit von aussenwirtschaftlichen Impulsen hat zugenommen!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG

Auch der Hinweis, die Exporte in die USA würden nur 14% aller Warenausfuhren ausmachen, ist wenig hilfreich. Der von uns prognostizierte globale Wachstumsabschwung wird alle wichtigen Handelspartner der Währungsunion treffen. Vor allem China und Japan, deren Ausfuhren zu mehr als 20% in die USA gehen, dürften 2007 unter Druck geraten und ihrerseits weniger im Euroraum bestellen.

Die Perspektiven für das Jahr 2007 sind trübe!

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass weder die US-Wirtschaft an internationaler Bedeutung verloren hat, noch die Abhängigkeit des Euroraums von externen Impulsen geringer geworden ist. Der bereits im Gang befindliche Abschwung in den USA wird folglich neben der globalen auch die Exportnachfrage des Euroraums massiv belasten. Nach unserer Prognose dürfte sich die Wachstumsrate der realen Exporte von 8,3% in diesem auf 3,8% im kommenden Jahr verringern und damit mehr als halbieren.

Die abebbende aussenwirtschaftliche Unterstützung kommt dabei zur Unzeit – gleichzeitig gerät auch die Binnennachfrage von mehreren Seiten unter Druck: Steigende Steuern bzw. Abgaben in Deutschland und Italien, sinkende Zuwachsraten bei den Immobilienpreisen in Spanien und Frankreich sowie ein im Vergleich zum Vorjahr höheres Zinsniveau werden vor allem die Konsumnachfrage belasten. Wer daher glaubt, dass der Euroraum im nächsten Jahr mit einem blauen Auge davonkommt, wird sich getäuscht sehen – der Knockout dürfte früher als erwartet eintreten!

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