Abschwung in den USA – anhaltender Aufschwung
im Euroraum?
Die US-Wirtschaft befindet sich seit Anfang 2006
im Abwärtstrend: Das BIP-Wachstum hat sich
zwischen dem 1. und 3. Quartal mehr als halbiert.
Für die nächsten Monate signalisieren
sowohl unsere eigenen als auch die offiziellen
Frühindikatoren (Einkaufsmanagerindex der
Industrie) eine weitere Abschwächung.
Der Immobilienmarktkrise kommt dabei unverändert
die Schlüsselrolle zu. Sie dürfte 2007 nicht
nur den Wohnungsbau, sondern die gesamte
Binnennachfrage in Mitleidenschaft ziehen. Wir
rechnen daher im kommenden Jahr mit einem
BIP-Wachstum von nur noch 2,2% (nach 3,3%) –
die niedrigste Expansionsrate seit 2002.
Eine solche Wachstumsverlangsamung in der
grössten Volkswirtschaft der Welt blieb in den
vergangenen Jahrzehnten nicht folgenlos für den
globalen Konjunkturtrend. Im Euroraum stösst
diese Tatsache jedoch derzeit auf taube Ohren.
Die EZB beschwört unverdrossen die Inflationsgefahren
und die meisten Konjunkturbeobachter
rechnen bestenfalls mit einer minimalen Dämpfung
des lebhaften Aufschwungs.
Zwei Thesen für die gewachsene Autonomie der
europäischen Wirtschaft
Die gelassene Haltung wird in der Regel mit den
folgenden Thesen begründet:
Erstens: Die Bedeutung der USA für den globalen
Handel und die weltwirtschaftliche Dynamik
habe in den letzten Jahren abgenommen. Inzwischen
gebe es andere kraftvolle Wachstumszentren
(China, Osteuropa, das wiedererstarkte
Japan), die eine konjunkturelle Schwächephase
in den USA ausgleichen könnten.
Zweitens: Der Aufschwung im Euroraum habe
ohnehin ein selbsttragendes Stadium erreicht, weshalb ausländische Impulse nicht mehr erforderlich
seien. Speziell mit Blick auf Deutschland
wird argumentiert, dass die langjährige Krise in
der Bauwirtschaft sowie die lähmende Konsumschwäche
dauerhaft überwunden seien.
Die USA sind nach wie vor unangefochten der
wichtigste Absatzmarkt der Welt!
Vor allem die erste These erweist sich bei näherer
Betrachtung als haltlos – die Bedeutung der
USA für die Weltwirtschaft ist ungebrochen! Die
Amerikaner absorbierten in den letzten drei
Jahren zwischen 15% und 18% der international
gehandelten Waren und damit nicht weniger als
in den zwei Dekaden zuvor (vgl. Abb. 1). Nur in
der Hochphase der »New Economy« stieg der
Anteil der US-Importe an der globalen Wareneinfuhr
vorübergehend auf 19,5%.
Abb. 1: USA halten Anteil am Welthandel!

Quelle: IMF, BANTLEON BANK AG;*Importe/Weltimporte
Dass die USA trotz aufstrebender Schwellenländer
ihre Funktion als wichtigster Absatzmarkt
der Welt unangefochten behaupten konnten,
liegt zum einen am – für ein Industrieland –
überdurchschnittlichen Wachstum. Zum anderen
am Konsumhunger der privaten Haushalte,
die einen immer grösseren Teil ihres privaten
Verbrauchs über Importgüter befriedigen. Waren
es Anfang der 1990er Jahre lediglich 12%,
werden mittlerweile 22% der Haushaltsartikel,
Elektrogeräte, Kleider etc. eingeführt.
Von den USA ging in den letzten Jahren ein
gewaltiger globaler Wachstumsimpuls aus!
Das anhaltend hohe Importvolumen ist die eine
Seite. Eine andere Frage ist, ob die USA nach wie
vor der wichtigste Impulsgeber für den weltweiten
Konjunkturzyklus sind.
Um hierauf eine Antwort zu finden, muss neben
der Wareneinfuhr auch der Export in die Betrachtung
einbezogen werden. Nur von Ländern,
die als Folge einer kräftigen Binnennachfrage ein
Leistungsbilanzdefizit aufweisen, geht ein expansiver
Effekt auf die weltwirtschaftliche
Dynamik aus – sie fragen mehr Güter nach, als
die eigene Volkswirtschaft produzieren kann.
Abb. 2: Das US-Leistungsbilanzdefizit als
globales Konjunkturprogramm!

Quelle: BEA, OECD, BANTLEON BANK AG
Keine andere Wirtschaftsregion als die USA hat
in dieser Hinsicht in den letzten Jahren mehr
»geleistet«. Zwischen 1999 und 2005 wuchs das
US-Aussenhandelsdefizit von 300 Mrd. auf 800
Mrd. USD an. Die »übrige Welt« sah sich entsprechend
einer Mehrnachfrage an Gütern und
Dienstleistungen in Höhe von 500 Mrd. USD
gegenüber – ein gewaltiges globales Konjunkturprogramm.
Abb. 2 zeigt, dass die expansive
Wirkung des US-Leistungsbilanzsaldos seit 2002
weitaus stärker war als z.B. Mitte der 1990er
Jahre.
Eine ähnlich starke Passivierung der Leistungsbilanz
fand sonst nirgendwo statt. Weit abgeschlagen
auf Platz zwei rangiert Frankreich, dessen
Saldo innerhalb der letzten sechs Jahre von stark
positivem in negatives Terrain drehte. Die restliche
Welt erhielt hieraus zwar ebenfalls einen
positiven, im Vergleich zur USA aber spürbar
kleineren Nachfrageimpuls von 80 Mrd. USD.
Völlig abweichend hiervon stellt sich die Lage in
China dar. Die aufstrebende Volkswirtschaft hat
sich in den letzten Jahren zu einem der grössten
Überschussländer entwickelt. Zwischen 1999 und 2005 nahm der positive Saldo in der Leistungsbilanz
um 140 Mrd. USD zu. Anders als
vielfach in der öffentlichen Debatte suggeriert,
entpuppt sich China damit als globaler Bremsfaktor!
Das Land überschwemmt die restliche
Welt immer stärker mit ihren eigenen Waren,
ohne in gleichem Umfang mehr zu importieren
und zieht damit Produktionskapazitäten aus
anderen Staaten ab.
Im Gegensatz zur amerikanischen ist die chinesische
Binnennachfrage eben noch nicht kräftig
genug, um expansive Effekte für die Weltwirtschaft
zu erzeugen. Das »Reich der Mitte« ist
vielmehr auch heute noch von Aussenhandelsimpulsen
abhängig, die den eigenen Entwicklungsprozess
stützen. Genau darum hält die
chinesische Regierung beharrlich an der Politik
der Unterbewertung des Yuan fest.
Es bleibt daher dabei: Die USA haben ihre Stellung
als globale Konjunkturlokomotive behauptet.
Die von uns prognostizierte Wachstumsabkühlung
hinterlässt somit zwangsläufig Spuren
im weltweiten Expansionstempo.
2007 schwächt sich der Welthandel spürbar ab!
Die abflauende Binnendynamik der USA wird
sich in den nächsten Monaten zunehmend in der
Importnachfrage bemerkbar machen, die mit
dem BIP-Wachstum hoch korreliert ist, aber
deutlich stärkere Ausschläge zeigt (vgl. Abb. 3).
Der von uns prognostizierte Rückgang im BIP-Wachstum
um 1,1% dürfte die US-Importe um
ca. 3,0% dämpfen.
Abb. 3: Die amerikanische Importnachfrage im
Jahr 2007 auf Tauchstation!

Quelle: BEA, BANTLEON BANK AG
Die Exportnachfrage wird hingegen noch gestützt
durch die Abwertung des USD und die
nachlaufenden Konjunkturzyklen in Europa und
Asien. Die direkte Folge ist ein schrumpfendes
Handelsbilanzdefizit, das sich bereits in den
jüngsten Aussenhandelsdaten zeigt (vgl. Abb. 2).
Die USA wirken damit weniger expansiv auf die
Weltwirtschaft als in den Vorjahren, was die
globalen Handelsaktivitäten bremsen wird.
Abb. 4: Die vierjährige Hochphase des Welthandels
neigt sich dem Ende zu!

Quelle: IMF, BEA, BANTLEON BANK AG
Wir gehen davon aus, dass sich die Zuwachsrate
des internationalen Handels – wie in den vergangenen
Zyklen – weitgehend parallel zur
amerikanischen Importdynamik entwickelt. Das
weltweite Importvolumen dürfte in diesem
Umfeld von ca. 12% im Jahr 2006 auf 6% im Jahr
2007 zurückgehen (vgl. Abb. 4).
Die europäische Exportnachfrage im Abwärtssog
des abflauenden Welthandels
Diesem Abwärtstrend wird sich der Euroraum
nicht entziehen können. Abb. 5 veranschaulicht
den hohen Gleichlauf zwischen internationalem
und europäischem Konjunkturzyklus sowie das
leichte Nachhinken des Euroraums.
Abb. 5: Die Konjunktur des Euroraums wird
nicht verschont bleiben!

Quelle: EUROSTAT, OECD, BANTLEON BANK AG
Das derzeit häufig ins Feld geführte Argument,
die Abhängigkeit der Währungsunion von
aussenwirtschaftlichen Einflüssen habe in den
vergangenen Jahren nachgelassen, entspricht
daher nicht den Tatsachen. Abb. 6 unterstreicht
dies nachhaltig: Die Exportquote (Exporte im
Verhältnis zum BIP) hat seit Anfang der 1990er
Jahre sogar kontinuierlich zugenommen. Ein allein auf der Binnennachfrage fussender Aufschwung
ist folglich – zumal bei aussenwirtschaftlichem
Gegenwind – über kurz oder lang
auf Sand gebaut.
Abb. 6: Die Abhängigkeit von aussenwirtschaftlichen
Impulsen hat zugenommen!

Quelle: EUROSTAT, BANTLEON BANK AG
Auch der Hinweis, die Exporte in die USA
würden nur 14% aller Warenausfuhren ausmachen,
ist wenig hilfreich. Der von uns prognostizierte
globale Wachstumsabschwung wird alle
wichtigen Handelspartner der Währungsunion
treffen. Vor allem China und Japan, deren Ausfuhren
zu mehr als 20% in die USA gehen,
dürften 2007 unter Druck geraten und ihrerseits
weniger im Euroraum bestellen.
Die Perspektiven für das Jahr 2007 sind trübe!
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass weder die
US-Wirtschaft an internationaler Bedeutung
verloren hat, noch die Abhängigkeit des Euroraums
von externen Impulsen geringer geworden
ist. Der bereits im Gang befindliche Abschwung
in den USA wird folglich neben der
globalen auch die Exportnachfrage des Euroraums
massiv belasten. Nach unserer Prognose
dürfte sich die Wachstumsrate der realen Exporte
von 8,3% in diesem auf 3,8% im kommenden
Jahr verringern und damit mehr als halbieren.
Die abebbende aussenwirtschaftliche Unterstützung
kommt dabei zur Unzeit – gleichzeitig
gerät auch die Binnennachfrage von mehreren
Seiten unter Druck: Steigende Steuern bzw.
Abgaben in Deutschland und Italien, sinkende
Zuwachsraten bei den Immobilienpreisen in
Spanien und Frankreich sowie ein im Vergleich
zum Vorjahr höheres Zinsniveau werden vor
allem die Konsumnachfrage belasten. Wer daher
glaubt, dass der Euroraum im nächsten Jahr mit
einem blauen Auge davonkommt, wird sich
getäuscht sehen – der Knockout dürfte früher als
erwartet eintreten!
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